Brugg/Cobden

Aargauer in Australien: «Man lernt, das Wasser zu schätzen»

Ein Buschfeuer südwestlich von Sydney. Aufgenommen am 19. November 2019.

Ein Buschfeuer südwestlich von Sydney. Aufgenommen am 19. November 2019.

Verena und Rudolf Kull stammen ursprünglich aus Brugg und Riniken. In Cobden, Australien, führen sie ein Bed & Breakfast. Ein Buschfeuer, wie es zurzeit in der Nähe von Sydney wütet, haben sie im März 2018 erlebt.

Es sind Bilder und Videos, die um die Welt gehen: Die Buschfeuer in Australien, die Metropole Sydney, die im Rauch von den umliegenden Bränden versinkt. Ein Buschfeuer haben auch Verena und Rudolf Kull schon erlebt. Die beiden stammen ursprünglich aus Brugg und Riniken, sind aber schon vor Jahrzehnten ausgewandert. Heute wohnen der 72-Jährige und die 69-Jährige in Cobden. Das ist eine Kleinstadt 300 Kilometer westlich von Melbourne. In der Nähe befindet sich die bekannte Great Ocean Road. Verena und Rudolf Kull führen in Cobden das «Grand Central B&B» seit 2005. Damit hat sich Verena einen lang ersehnten Wunsch erfüllt.

Ihr Abenteuer im Ausland begann bereits im Sommer 1972. Die Geschichte ist auch nachzulesen in den Brugger Neujahrsblättern 2008. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in Israel beschlossen die beiden, in ein englischsprachiges Land zu ziehen. Es wurde Neuseeland. In der Provinz Taranaki – auf halbem Weg zwischen Auckland und Wellington–liessen sie sich nieder. Verena und Rudolf Kull kauften sich eine 38 Hektaren grosse Farm und begannen ein Leben als Milchfarmer. 1996 wollten sie die Farm vergrössern. Doch die Versuche misslangen. Sie entschieden sich, ihr Glück in Australien zu finden.

Verena und Rudolf Kull-Märki

Verena und Rudolf Kull-Märki

Von Neuseeland zügeln sie nach Australien

Nach langem Suchen fanden sie ein Stück Land, das ihnen zusagte. Der Verkäufer war zudem bereit, als Pächter auf der Farm zu bleiben. So blieben die Kulls vorerst in Taranaki wohnhaft. Allerdings stellten sie fest, dass der Pächter die Farm vernachlässigte. Im zweiten Jahr kam es so weit, dass er die Farm verliess, als er merkte, dass er kein Wasser mehr hatte. Und so kam es, dass Verena und Rudolf Kull selber nach Australien, genauer nach Scotts Creek, reisten und sich dort niederliessen. 300 Kühe hatten sie zu melken. Zu zweit konnten sie die Arbeit aber kaum machen. Und so verkauften sie die Farm an eine junge Familie. Selber übernahmen sie eine Farm mit 100 Kühen.

2003 haben Verena und Rudolf Kull mit dem Melken von Kühen aufgehört, bis heute aber sind sie in der Milch-Industrie tätig. Ihre Farm in Australien haben sie verpachtet. «Nach 30 Jahren war’s genug», sagt Verena Kull auf Anfrage dieser Zeitung. «Man ist immer auf Trab, 365 Tage im Jahr.»

Über 60 Buschbrände im Osten Australiens

September 2019: Über 60 Buschbrände wüten im Osten Australiens

Kulls stiegen ins Gastgewerbe ein. Im Dezember 2005 übernahmen sie das «Grand Central B&B». In ihrer Zeit in Australien haben die Kulls schon etliche Dürren erlebt. «In Australien gibt es jedes Jahr eine Dürreperiode», sagt Verena Kull. Im September und Oktober beginnen die Farmer, aus dem Gras Silo und Heu zu machen, damit man im Sommer – in der Trockenzeit – Vorräte hat. «Ausserdem werden oft Rüben, Mais, Sorghum oder Hirse angesät. Das wird dann den Kühen verfüttert, wenn es kein Gras mehr hat», erklärt Verena Kull. «Man lernt, Wasser zu sparen und zu schätzen.»

Gewässert wird nur das Gemüse

Konkret heisst das: Gebadet wird nicht, die Duschen sind kurz. Das Wasser, mit dem man das Gemüse wäscht, kommt in ein Becken und das wird in den Garten geleert. Das Wasser von der Dusche und der Waschmaschine wird im Garten wiederverwertet. Der Rasen wird nicht gewässert, die Blumen auch nicht, nur das Gemüse. «Die meisten Häuser in der Stadt haben einen Regenwassertank im Garten», erklärt Verena Kull. Auf den Farmen sei man sowieso meistens auf das eigene Wasser angewiesen.

Zu den Dürreperioden gehören auch die Buschfeuer. «Die meisten richten wohl Schaden an, sind aber nicht unbedingt katastrophal», sagt Verena Kull. Vorbereiten könne man sich, indem man um das Haus herum aufräumt, draussen nicht raucht und keine Zigarettenstummel wegwirft. «Jedes Jahr darf man vom ersten Dezember bis Ende März draussen nichts verbrennen», erklärt Verena Kull. «An den Tagen, an denen ein heisser Nordwind bläst, direkt aus dem Innern Australiens, und wenn die Luftfeuchtigkeit auf ca. 15 bis 20 Prozent fällt, dann kommen weitere Vorschriften dazu.» In abgelegenen Gebieten gibt es Evakuationspläne, die meisten Leute haben zudem Feuerlöscher bei sich zu Hause.

«Wir haben nur einmal ein Buschfeuer erlebt, im März 2018», erzählt Verena Kull. «Das war ziemlich schlimm.» Den ganzen Tag über blies der warme Nordwind, mit Geschwindigkeiten von 100 km/h und mehr. «Dadurch fielen dürre Äste von den Bäumen. Viele Strassen waren gesperrt», sagt Verena Kull. So habe auch die eine Feuerfront in Cobden begonnen.

Das Dorf war umzingelt von drei Feuerfronten

«Beim Eingang zu unserer ehemaligen Farm blockierte ein riesiger Ast die ganze Strasse. Es war Nacht und dunkel. Der Farmer holte den Traktor und die Motorsäge, um den Ast zu zerkleinern und von der Strasse zu schleppen», erinnert sich Verena Kull. «Der fallende Ast riss eine Stromleitung herunter. Diese Leitung entfachte Funken. Der Farmer rannte zurück ins Haus, um den Feuerlöscher zu holen.» Als er zurückkam, sei es schon zu spät gewesen.

Eine riesige Feuerwand raste auf das Dorf zu. «Cobden war umzingelt von drei Feuerfronten und die vierte Strasse war von gefallenen Bäumen blockiert», schildert Verena Kull die Situation. «Ich hatte eine Tasche gepackt mit unseren Wertsachen, bereit zur Evakuation auf den Sportplatz.» Um 2 Uhr morgens gab’s dann ein Gewitter und es fiel Regen. Das war genug, um das Feuer zum Teil zu löschen oder wenigstens zu bremsen. «Wir kamen glimpflich davon, aber ich möchte es nicht nochmals erleben», sagt Verena Kull.

Nachtrag:

Seit dem Jahr 2011 leben Verena und Rudolf Kull-Märki hauptsächlich wieder in Neuseeland. Etwa drei Monate pro Jahr - zwei Mal sechs Wochen - verbringen sie in Australien, um zu ihrer Farm und dem B&B zu schauen. 

Bilder der Buschbrände vom vergangenen Herbst:

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