Mülligen
Aargauer Architektin in Rio de Janeiro: «Carioca von Herzen»

Die Mülligerin Barbara Iseli (37) arbeitet seit über vier Jahren als Architektin und Guiding Architect in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro

Martina Farmbauer, Rio de Janeiro
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Barbara Iseli bei einer architektonischen Führung im Zentrum der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro.

Barbara Iseli bei einer architektonischen Führung im Zentrum der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro.

Jason Baumann/ZVG

Oscar Niemeyer ist in Rio de Janeiro allgegenwärtig. Kürzlich hat das «Hotel Nacional», das er geplant hat, in São Conrado wiedereröffnet. An diesem Tag führt Barbara Iseli eine Gruppe Architektur-Interessierter durch Copacabana, wo der berühmte brasilianische Architekt, der einst bei dem Schweizer Le Corbusier gearbeitet und gelernt hat, sein Büro hatte.

Die Mülligerin Barbara Iseli ist selbst Architektin und «Guiding Architect» in Rio. «Guiding Architects» ist ein Netzwerk von Architekten, Architektur-Journalisten und Autoren, die Touren anbieten. «Früher war ich nicht der Typ, der gerne präsentiert», sagt Barbara Iseli. «Aber die Führungen machen mir grossen Spass, auch weil ich durch die Gruppen direktes Feedback bekomme.»

Eine Mappe mit Plänen und Zeichnungen unter dem Arm, bringt Iseli Ursula Schwitalla aus Tübingen und anderen den Architekt Niemeyer und die brasilianische Moderne nahe. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellen Fragen, geben Kommentare ab. «Die Führungen sind eine Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, Architektinnen und Architekten sowie Architektur-Interessierte miteinander zu verbinden», sagt Barbara Iseli.

Sie kennt die Stadt am Zuckerhut und ihre Architektur-Szene gut, seit 2012 lebt die 37-jährige Iseli in Rio. Die Mülligerin bezeichnet sich «Carioca (so nennen sich die Einwohner Rio de Janeiros, Anm. d. Red) von Herzen». Aber: «Das ist natürlich auch ein grosser Schritt.» Schon der Weg aus dem 800-Seelen-Dorf Mülligen an der Reuss, wo sie aufgewachsen und immer wieder zu Besuch ist, in die 400 000-Einwohner-Stadt Zürich war ein Schritt. Rio hat 12 Millionen Einwohner, eine hohe Kriminalitätsrate, und die wirtschaftliche Instabilität ist gross.

Der Aufbruch ins Ungewisse

Freunde und Familie haben deswegen manchmal nicht verstanden, weshalb sie und ihr Freund Jason Baumann ihre festen Jobs auf- und sich ins Ungewisse begaben. «Die Idee war, etwas Neues kennen zu lernen und aus der kleinen Schweiz auszubrechen», sagt Barbara Iseli. Sie wollten sich in eine andere Kultur integrieren und sich beruflich weiterentwickeln.

Prägend für ihre Karriere als Architektin war der Charakter der Reihenhaussiedlung Chleematte in Mülligen, die das Büro Metron gestaltet hatte. «So habe ich als Kind bereits erfahren, dass die bewusste Gestaltung und Verbindung von privatem und halböffentlichem Bereich die Lebensqualität der Nutzer der Gebäude erhöht», sagt Iseli. In der Reuss habe man im Sommer baden können. Entsprechend ist ihr die Nähe zum Wasser auch in ihrer neuen Heimat wichtig.

Weil Brasilien vor der Fussball-Weltmeisterschaft und Rio de Janeiro vor den Olympischen Spielen stand, fiel die Wahl auf die «wunderbare Stadt». «Die südamerikanische Kultur hat uns immer interessiert», sagt Iseli, die Salsa tanzt, auch wenn sie dazu in der Sambastadt Brasiliens wenig Gelegenheit hat. «Wir waren 2009/10 bei einer Reise hier, und jetzt leben wir in der ‹Cidade Maravilhosa›», erzählt sie und klingt dabei fast etwas ungläubig.

Zwei Kontakte hatten sie und Jason Baumann in Rio, von einem Architekten, der in Chur studiert hat, und der Schwester einer Freundin aus Zürich, die Brasilianerin ist. Nach und nach sind immer mehr dazugekommen. «Die Offenheit der Brasilianer hat uns sehr geholfen», sagt Barbara Iseli. Sie und ihr Freund haben angefangen, Projekte zu übernehmen, wobei sie sich den Auftrag holte, das Schweizer Konsulat umzubauen.

Hartnäckigkeit ist ein Muss

Beim Umbau hat es sich um den Innenausbau gehandelt. Das Konsulat stammte noch aus der Zeit vor 1960, als Rio de Janeiro die Hauptstadt Brasiliens war. Barbara Iseli hatte die Projekt- und Bauleitung inne war an der Planung beteiligt. Ausserdem hatte sie die Koordination mit den Schweizer Unternehmen übernommen.

Der Ausbau hat zehn Monate gedauert und ist mittlerweile abgeschlossen. Dabei ist vieles ähnlich wie in Europa abgelaufen. Aber einiges unterschied sich auch, etwa die Qualifikation der Handwerker. Barbara Iseli lacht. «Wenn man die Anforderungen eines Schweizer Konsulats erfüllen will, muss man hartnäckig sein.» Ausser an Know-how fehlte es an Werkzeug. «Das war eine grosse Herausforderung». Eine schöne Erfahrung war für sie, mit lackierten Fingernägeln auf die Baustelle gehen zu können und ernstgenommen zu werden.

Es gibt jedoch auch andere Momente. Momente, in denen sie denkt: «Was wäre, wenn ich in der Schweiz geblieben wäre? Aber ich bereue den Schritt nicht.» Auch, weil sie mit «Guiding Architects» ihr eigenes Unternehmen in einem fremden Land aufgebaut hat – für sie eine Errungenschaft, die keine Partnerschaft eines Architektur-Büros in der Schweiz wettmachen kann.