Brugg

60-Jährig und 2200 Mitarbeiter: Eine Firma wird zum Start-up

Nächster Halt: Technopark. Hans-Jörg Bertschi eröffnet in Brugg einen neuen IT-Standort.

Nächster Halt: Technopark. Hans-Jörg Bertschi eröffnet in Brugg einen neuen IT-Standort.

Der Technopark Aargau in Brugg zieht neben Jungunternehmen auch bestandene Firmen an, denn die Digitalisierung verändert auch die Logistikbranche.

Die vor 60 Jahren gegründete und heute mit 2200 Mitarbeitern global tätige Bertschi Gruppe wird wieder zum Start-up. Irgendwie jedenfalls. In diesem Frühjahr eröffnet das auf Logistik für die chemische Industrie spezialisierte Unternehmen aus Dürrenäsch einen neuen Firmenstandort im Technopark Aargau in Brugg.

Ein neues Software-Entwicklungsteam soll dort den Weg in die total vernetzte Zukunft bahnen. «Wir wollen mit dem neuen Standort ein Zeichen setzen», sagt CEO Hans-Jörg Bertschi — «nach aussen, aber vor allem nach innen».

Die Botschaft: Die Digitalisierung verändert auch die Logistikbranche. Das diesjährige Budget der Bertschi Gruppe widerspiegelt diese Entwicklung mit einer Steigerung der IT-Investitionen um 50 Prozent.

Natürlich hat der Digitalisierungsprozess auch in Dürrenäsch längst eingesetzt: 80 Prozent der Auftragsbeziehungen laufen laut Bertschi heute über elektronischen Datenaustausch.

Noch sei dieser aber «bilateral»: «Auf der einen Seite kommunizieren wir mit dem Kunden und auf der anderen mit dem Lieferanten.» Die Informatiker in Brugg – vier sind bereits eingestellt, um im April zu starten – sollen jetzt unter anderem firmenübergreifende Module entwickeln.

Das Ziel, so Bertschi, sei die «globale Transparenz von Logistikketten». Kunden hätten damit Zugang zu Echtzeit-Daten von der Produktion über den Transport und die Lagerung bis hin zur Übernahme ihrer Ware. Dafür plant Bertschi mittelfristig auch, seine Container – 23 000 an der Zahl – mit Sensoren auszustatten. Die Versuchsphase läuft bereits.

Den Schritt in den Technopark macht Bertschi natürlich nicht nur wegen der Signalwirkung, sondern primär wegen der Nähe zur Fachhochschule Nordwestschweiz.

«In Brugg werden laufend sehr gute Informatiker und Ingenieure ausgebildet», sagt er. Gleichzeitig sei die Zahl der Entwicklungsfirmen überschaubar – «man kann sich deshalb besser profilieren als in Zürich, wo sich alle ansiedeln».

Auch der Brugger Technopark erfreut sich allerdings wachsender Beliebtheit. Im letzten Jahr zog unter anderem das Jungunternehmen Koboldgames ein. Bis dahin arbeiteten die fünf Entwickler in einem 15 Quadratmeter grossen Studio in einem Oltner Wohnquartier.

Der Austausch mit den anderen Firmen am jetzigen Standort sei sehr befruchtend, sagt Koboldgames-Mitgründer Ralf Mauerhofer. Mit der Sintratec GmbH etwa, die letztes Jahr ihren ersten 3-D-Drucker auf den Markt brachte, habe man digitale Figuren ausgedruckt, um sie nun zu Werbezwecken zu verwenden. «Auf diese Idee wären wir ohne den direkten Kontakt zur Firma wohl nicht gekommen», so Mauerhofer.

Der Technopark als Brutstätte für Jungunternehmen: Dieser Vision hat sich die vor zehn Jahren vom Kanton Aargau mitgegründete Stiftung Technopark verschrieben.

Die Bertschi Gruppe passt damit eigentlich nicht ganz ins Schema. Trotzdem spricht Stiftungsratspräsident Max Zeier von einem «sehr erfreulichen Zugang». Ein guter Mix zwischen aufstrebenden und bestandenen Firmen sei wichtig. Nicht zuletzt helfen die «bestandenen» auch, das Stiftungskapital zu erhalten.

Denn Jungunternehmen profitieren von Vergünstigungen, etwa beim Mietzins oder der Nutzung von Infrastruktur wie Drucker und Sitzungsräumen. Nach fünf Jahren wird dann die volle Miete fällig, die laut Zeier «im Vergleich zu rundherum nicht gerade billig ist».

Für die Koboldgames GmbH ist das alles noch Zukunftsmusik. Längerfristig zu bleiben, sei aber durchaus eine Option, sagt Mauerhofer — «wobei der Entscheid natürlich auch davon abhängt, ob wir neuen Start-ups Platz machen müssen».

Noch ist das Gebäude nicht ganz voll. 90 Prozent der 4500 Quadratmeter Bürofläche sind laut Zeier vermietet. «Unser Ziel war es, die Fläche bis im Sommer 2016 zu füllen», sagt er.

«Wir sind also im Fahrplan.» In Zukunft strebt die Stiftung ein moderates Wachstum mit einem jährlichen Zuzug von drei bis fünf Start-ups an. Das heisst gleichzeitig, dass andere flügge werden müssen — «und einige von ihnen gehen ja auch wieder ein», so Zeier. Für die Bertschi-Informatikabteilung gilt das sicher nicht. Denn die digitale Revolution in der Logistikbranche hat ja eben erst begonnen.

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