Die Anklageschrift zur Verhandlung von Lukas (Name geändert) ist lang. Vor allem wenn man bedenkt, dass er erst 21 Jahre alt ist. Diebstahl, mehrfache grobe Verletzung der Verkehrsregeln und die Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes sind nur einige der Anklagepunkte. Diese Woche musste er sich deswegen vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten.

Schon als Jugendlicher war Lukas straffällig. In den letzten acht Jahren kam er deshalb in sieben verschiedenen Institutionen unter. Zuletzt wurde er vom Jugendgericht zu einem Massnahmenvollzug verurteilt. Dies, nachdem er 16 verschiedene Delikte begangen hatte, darunter sexuelle Handlungen mit einer Minderjährigen, Fahrzeugentwendung und grobe Verletzung der Verkehrsregeln.

Flucht aus dem Heim

Schon als Lukas in den Massnahmenvollzug kam, betonte er gegenüber seiner Bezugsperson im Heim, dass er die erste Möglichkeit zur Flucht nutzen werde. Und genau das tat er. Im August 2015 floh er. Kaum war er draussen, verstiess er erneut gegen das Gesetz. Er ging nach Hause zu seiner Mutter, als ihn seine damalige Freundin um Hilfe bat. Weil es schon Nacht war und seine Mutter bereits schlief, entwendete er ihr Auto, um zur Freundin zu fahren.

Ohne Fahrausweis fuhr er die nächsten fünf Tage herum. Er legte gesamthaft eine Strecke von mehr als 400 Kilometern zurück und beging dabei diverse Verkehrsdelikte. Ausserdem tankte er das Fahrzeug auf und fuhr, ohne zu bezahlen, davon.

Verfolgungsjagd mit der Polizei

Fünf Tage nach dem Ausbruch aus dem Massnahmenvollzug nahm die Deliktserie von Lukas ein Ende. Zwei Polizisten auf Patrouille entdeckten das als gestohlen gemeldete Fahrzeug im Verkehr. Lukas lieferte sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Bei der 11-minütigen Verfolgungsjagd konnten dem Beschuldigten 25 namhafte Verkehrsregelverletzungen nachgewiesen werden. Darunter das Überholen bei ausgezogener Sicherheitslinie oder gröbere Tempoüberschreitungen. Bei der Flucht gefährdete er diverse andere Verkehrsteilnehmer. Einige mussten stark bremsen oder ausweichen, um eine Kollision mit Lukas zu verhindern. Auch als das geklaute Auto des Beschuldigten wegen eines Nagelbands einen Platten im hinteren Reifen hatte, fuhr er weiter. Erst ein aufmerksamer Lastwagenfahrer, der die ganze Strasse versperrte, konnte den Beschuldigten aufhalten.

Während der fünf Tage in Freiheit klaute Lukas ausserdem das Handy eines Kollegen und verstiess mit dem Konsum von Kokain und Marihuana gegen das Betäubungsmittelgesetz. Nach den fünf Tagen kehrte Lukas nicht mehr zurück in die sozialtherapeutische Institution, wo er vorher war, sondern sass von da an in Haft. Das ist nun rund 450 Tage her. Vor Gericht zeigte sich der junge Mann reuig. Und er betonte, sich in Zukunft bessern zu wollen: «Alle Kollegen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben nun eine Wohnung und einen Job, das gab mir zu denken.» Und deshalb wolle er, wenn er noch eine Chance bekäme, den Schulabschluss nachholen, eine Lehre machen und nicht mehr kriminell sein.

Der Staatsanwalt, Reto Waldmeier, kaufte ihm dies nicht ab. Er forderte für den Beschuldigten deshalb eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten unbedingt sowie eine Busse von 4000 Franken. Das Gesamtgericht glaubte dem Beschuldigten und fällte deshalb ein etwas milderes Urteil. Es verurteilte Lukas zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Die 455 Tage, die der Beschuldigte bereits inhaftiert war, werden angerechnet. Hinzu kommt eine Geldstrafe von 1000 Franken. Zudem wird der Beschuldigte dazu angehalten, eine vollzugsbegleitende, ambulante Massnahme zu besuchen, um seine psychischen Probleme zu lösen und seine Suchtmittelabhängigkeit zu bekämpfen. Gerichtspräsident Thomas Müller begründete das Urteil damit, dass man ihm nicht die Zukunft erschweren wolle.