Bezirksgericht Brugg

39 Einbrüche in 31 Tagen: Die Täter wollten Geld und Alkohol

Sie stiegen durch Fenster und Türen ein (Symbolbild).

Sie stiegen durch Fenster und Türen ein (Symbolbild).

Das Bezirksgericht Brugg beurteilte die Einbruchsserie zweier Männer in der Region Brugg und Winterthur. Die Staatsanwaltschaft spricht von «einer nicht alltäglichen Dimension.»

Die Geschichte klingt wie der Stoff eines Ganovenfilms. Zwei Männer verübten in den Monaten Mai und Juni 2018 während 31 Tagen 39 Einschleich- und Einbruchdiebstähle in der Region Brugg und Winterthur. Das sind, wenn man von einigen Pausen ausgeht, etwa zwei Einbrüche pro Nacht.

Eine nicht alltägliche Dimension, wie die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach hervorhebt. Die beiden Beschuldigten mussten sich wegen gewerbsmässigen und zum Teil bandenmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs verantworten. Die Nennung der zu Schaden gekommenen Kläger führte zu langen Aufzählungen.

«In der Heimat Rumänien ist die Situation politisch und familiär sehr schwierig», sagt der 50-jährige Laurean (Name geändert). Er ist Vater dreier Kinder, die er zuletzt vor der Einbruchsserie 2018 gesehen hat.

In Rumänien sorgt er auch für seinen kranken Bruder. Der Lohn von 200 Euro, der ihm die Arbeit als Handwerker dort eingetragen habe, hätte schlicht nicht gereicht. Also versuchte er sein Glück im Ausland. Der 49-jährige Gheorghe (Name geändert) hat zwei Kinder und ist Grossvater. Beide Männer konnten beruflich nie Fuss fassen.

Sie wählten Firmen und vermieden Privathäuser

Getroffen haben sich Laurean und Gheorghe in Frankreich, und als sie hörten, dass sie aus derselben Stadt stammen, haben sie sich zusammengetan. So kamen sie nach eigenen Angaben in die Schweiz, um Geld zu verdienen. Geklappt habe das Vorhaben nicht, sie hätten weder Wohnung noch Arbeit gefunden.

Also brauchten Laurean und sein Komplize Geld. Nach eigener Aussage brachen sie wahllos in Geschäftshäuser, Firmen und Büros ein, ohne die Gegend auszukundschaften. Mithilfe von gestohlenem Werkzeug verschafften sie sich über Türen und Fenster Zugang zu den Liegenschaften.

Teilweise waren die Fenster gekippt oder die Türen standen offen. Um ein unliebsames Zusammentreffen mit Bewohnern zu verhindern, vermieden sie Privathäuser. So finanzierten sie ihren Lebensunterhalt, wohnten in einem Zeltlager im Wald, assen in billigen Restaurants oder bei McDonalds. Als es ihnen in der Region Brugg zu unsicher wurde, verlegten sie ihr Revier nach Winterthur.

Laurean war seinen eigenen Aussagen zufolge nur auf Geld aus, habe keinerlei Interesse an Objekten gehabt. Dennoch liessen sie unter anderem Bohrmaschinen, elektronische Geräte, Süssigkeiten und einmal auch Badekleider mitgehen. Die meisten Dinge habe Gheorghe gestohlen, sagt Laurean. Er habe ihn nie gefragt, was er alles einpacke. Das Diebesgut versuchten sie zu Geld zu machen, schickten es mit einer Transportfirma nach Hause, wo es aber nie angekommen sei. Eine solche Sendung wurde am Zoll Kreuzlingen abgefangen.

Die Sucht trieb die beiden Männer auseinander

Die Zusammenarbeit der beiden Komplizen stand allerdings auf wackligen Beinen. Gheorghe kämpfte mit Depressionen und seiner Alkoholsucht. Den Mut für die Delikte habe er nur unter Alkoholeinfluss aufbringen können. Laurean bestätigte: «Gheorghe war ständig besoffen. Es war ein Stress, mit ihm zusammenzuarbeiten.»

Überall, wo sie einstiegen, suchte Gheorghe nach Alkohol. Auch in Kindertagesstätten, Kirchgemeindehäusern oder in einer Frauenarztpraxis – sie hätten gar nicht gewusst, welche Gebäude sie betreten würden. Laurean kümmerte sich meist um das Handwerkliche, während Gheorghe draussen wartete oder spezifische Aufgaben übernahm.

In ein kleines Büro liess Laurean ihn nicht einsteigen, da er befürchtete, Gheorghe könnte in seinem Zustand zu viel beschädigen. So zerstritten sich die Männer immer mehr und Laurean ging allein auf Einbruchstour. Dabei wurde er geschnappt.

Bei den ersten Befragungen gab Laurean für seinen Komplizen einen anderen Namen an, um seinen Partner zu schützen, und nahm die Einbrüche auf sich. Erst, als ihm seine Anwältin mitteilte, dass man an den Tatorten Spuren von beiden gefunden habe, rückte er mit der Sprache heraus. Dadurch landete auch Gheorghe, der in der Zwischenzeit in Deutschland wegen eines weiteren Delikts in Haft war, vor dem Bezirksgericht in Brugg.

Laurean legte ein praktisch vollständiges Geständnis ab. Gheorghe gestand nur einen Teil der Taten. Häufig lautete seine Antwort: «Wenn Laurean sagt, ich war da, war ich wohl dabei.» Aufgrund seines Alkoholproblems könne er sich an die meisten Einbrüche gar nicht erinnern. Als er in Deutschland gefasst wurde, hatte er 1,74 Promille im Blut.

Schäden in der Höhe von 100 000 Franken

Eine Therapie in Rumänien sei nicht erfolgreich gewesen, eine Klinik hätte er sich nicht leisten können. Trinke er nicht, sei er ein guter Kerl, würde ein auf der Strasse liegendes Portemonnaie zurückgeben.

Als fast am Ende der langen Einbruchsliste eine Weinhandlung besprochen wird, kann sich der Dolmetscher ein Schmunzeln nicht verkneifen. Immerhin diese Tat ist Gheorghe geblieben. Mit glänzenden Augen sagt er: «Noch in 100 Jahren werde ich mich an diesen Reichtum erinnern.» Nach der verzweifelten Alkoholsuche endlich der Jackpot.

Vor Gericht zeigten sich beide reuig. Gheorghe bat um Entschuldigung für die Angst und die Schäden, die seine Einbrüche verursacht hatten. Laurean sagte, die Zeit in Isolation habe ihm gezeigt, dass er nicht gut gehandelt habe. Er sei immer wieder zur Kriminalität gekommen, weil sonst nichts geklappt habe. Insgesamt beläuft sich die Deliktsumme auf mehr als 100 000 Franken. Entstanden sind Schäden in derselben Höhe.

Ihr Vorstrafenregister ist lang. Laurean war bereits in Deutschland, Norwegen und Österreich in Konflikt mit dem Gesetz geraten und dort wegen schweren Diebstahls verurteilt worden. Gheorghe wurde in Österreich, Italien, Belgien und Deutschland unter anderem wegen Ladendiebstählen straffällig. Bereits in Österreich verübten sie zwei Einbrüche gemeinsam.

Einstimmiges Urteil des Gesamtgerichts

Das Gesamtgericht befand die beiden Männer einstimmig für schuldig. Laurean wurde zu einer Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren unbedingt verurteilt. Dass er mit der Polizei kooperierte, wirkte sich strafmindernd aus. Gheorghe wurde zu vier Jahren verurteilt. Die bisher ausgestandene Haft wird angerechnet. Zudem werden beide für zehn Jahre aus der Schweiz sowie Liechtenstein weggewiesen, für die Anklagegebühr und Gerichtskosten müssen sie aufkommen.

Für Diskussionen sorgte der Alkoholeinfluss. Allerdings gelangte das Gericht einerseits zum Schluss, dass Gheorghe nicht so viel Alkohol getrunken haben könne, da er dann nicht mehr zu gebrauchen gewesen wäre. Andererseits müsse er auch bei übermässigem Alkoholkonsum gewusst haben, dass er jeden Abend Einbruchdiebstähle verübe.

Beiden wurde zugute gehalten, dass sie Opferkontakt vermieden. Dennoch müsse man von Berufskriminalität und einem hohen Mass an krimineller Energie ausgehen, die bisherigen Haftstrafen hätten sie nicht vor erneuten Delikten abgehalten. Zudem lese sich die Liste der Vorstrafen wie ein Empfehlungsschreiben für den Beitritt einer Bande. «Es reicht», fand Gerichtspräsident Sandro Rossi im Schlusswort.

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