Birrhard

20 Jahre auf Weltreise: In Australien kam das Leben dazwischen

Christian Schönenberger begab sich 1996 auf Reisen – 20 Jahre und 3 Kinder später ist er noch immer unterwegs.

Der Drang nach warmem, tropischem Klima war gross. Schon immer wollte Christian Schönenberger ans Meer. In Birrhard, wo er aufgewachsen ist, war das Meer denkbar weit weg. «Das Meer hat mich irgendwie fasziniert», sagt er. «Ich hatte im Zimmer neben ein paar Billy-Idol-Postern immer auch eines mit Palmen und Strand.»

Wenn er als Kind mit seiner Familie im Sommer jeweils nach Italien fuhr, hat er sich immer am Strand vergnügt und stundenlang Muscheln gesammelt, gefischt und gebadet. Fischen und jagen, das hat Christian sehr fasziniert. Als er älter wurde, begann er mit dem Reisen. Zuerst Europa, dann Südostasien und Ozeanien. 1996 verliess Christian Schönenberger Birrhard und zog in die Welt.

Via Südsee nach Sydney

Ein Jahr lang verbringt er auf Neuseeland, auf verschiedenen Farmen bekommt er Arbeit. Dem jungen Schweizer gefällt dieses Leben. Doch es zieht ihn weiter. Zuerst ins Südseeparadies Fidschi, von dort reist er auf Cook-Islands. Meer, Strand und Palmen. Sydney, die pulsierende Metropole im Osten Australiens, ist seine nächste Station. Australien sei Zufall gewesen, sagt Christian Schönenberger. Ein Zufall, der sein Leben verändern wird.

Ein Tanz des lokalen Aboriginal-Stamms, zu dem die Frau von Christian Schönenberger gehört.

Ein Tanz des lokalen Aboriginal-Stamms, zu dem die Frau von Christian Schönenberger gehört.

 

In Sydney kauft er sich ein Auto. Ein paar Monate reist er der Ostküste entlang Richtung Norden, mit dem Ziel, irgendwann nach Darwin zu gelangen. 20 Jahre später ist Christian Schönenberger noch immer auf dem Weg nach Darwin. Denn das Leben ist dazwischen gekommen. Er hat es bis nach Cape Tribulation im Bundesstaat Queensland geschafft. Dort trifft er seine heutige Frau Lenice, eine Aboriginal. Christian Schönenberger entschliesst sich, zu bleiben. Das war 1998.

Gross Gedanken macht sich der Birrharder keine. «Ich war jung und motiviert, und Australien war und ist zu einem gewissen Punkt immer noch ein Land der Möglichkeiten», sagt Schönenberger. Das Umfeld in der Schweiz reagiert positiv auf seinen Entscheid. «Die meisten dachten wohl, ich käme dann irgendwann wieder in die Schweiz zurück», meint er. Doch Christian Schönenberger wird sesshaft, erhält 2001 die australische Staatsbürgerschaft. Die grossen Weiten, die Einsamkeit und Abgelegenheit gefallen ihm. Er geniesst die Natur; das Jagen und Fischen. «In der Schweiz muss man ja für alles ein Patent oder eine Bewilligung haben», sagt er.

An heiligem Ort geräuchert

Vom lokalen Aboriginal-Stamm seiner Frau – den Kuku Yalanji – wird er von Anfang an gut aufgenommen und integriert. Der Kontakt ist eng. Von den Ältesten – den «Eldern» – wird er an einem für sie heiligen Ort («sacred site») geräuchert. Bis heute ist Christian Schönenberger häufig an Zeremonien dabei. «Diese finden heutzutage vor allem um Beerdigungen, Hochzeiten und Ähnlichem statt», erklärt er.

Christian Schönenberger lernt auch die lokale Yalanji-Sprache. «Ich beherrsche sie nicht einwandfrei, aber doch recht gut. Sicher besser, als damals Französisch in der Sekundarschule», scherzt er. In der Region Far North Queensland, wo er heute mit seiner Frau Lenice, den Kindern Saisha (17), Lennox (16) und Ebony (12) wohnt, leben noch viele Aboriginals «remote», abgeschieden. Genauso viele aber auch in kleineren Städten oder Vororten.

Tourismus Video von Far North Queensland

Tourismus Video von Far North Queensland

 

Nach Einschätzung von Christian Schönenberger hat sich die Lage der Aboriginals – jedenfalls in seiner Region – verbessert. «Viele besitzen eigene Häuser, was noch vor ein paar Jahren selten war», führt er aus. «Viel mehr als früher beenden sie auch die Schulzeit und sind dann berufstätig. Als Lehrer, Krankenschwester, Schreiner, Maurer, Gemeindearbeiter, Forstwart und in der Tourismus-Branche.» Ein paar seien sogar Ärzte oder Rechtsanwälte.

Der 41-Jährige arbeitet als Advanced Care Paramedic für den Queensland Ambulance Service, übersetzt also als Rettungssanitäter. Die Familie wohnt mittlerweile in der Nähe von Mossman, einer Kleinstadt nördlich von Cairns – gemeinsam mit drei Hunden, einer Katze und einem zahmen Wildschwein. Zuvor lebte Schönenberger und seine Familie in einem Bush Camp – ohne Strom, ohne fliessendes Wasser. Das Camp ist immer noch in Besitz der Familie, sie verbringt viel Zeit dort. «In meiner Freizeit fische ich gerne auf dem Great Barrier Reef oder gehe Wildschweine jagen», sagt der Familienvater.

Der Käse und das Buurezmorge

Es sind nur wenige Dinge aus der Schweiz, die er vermisst: eine gute Käseplatte zum Beispiel oder ein währschaftes Buurezmorge. In Australien habe er sich gut eingelebt und fühle sich wohl. «Ich geniesse die wunderschöne Natur, Tierwelt und Landschaft und dass fast das ganze Leben draussen stattfindet», schwärmt der Auswanderer. «Die tropischen Strände, der Regenwald und auch die offenen Buschgebiete bieten so viel, dass es einem nie langweilig wird.»

Zu Birrhard hat Christian Schönenberger keinen grossen Bezug mehr, seit seine Eltern vor ein paar Jahren da weggezogen sind. «Es ist auch nicht mehr die gleiche Gemeinde, die mir so bekannt war», findet Christian Schönenberger. «Die Post ist zugegangen, dann der Volg und die Ameisi-Bar. Der Dörfli-Geist ist vielleicht noch da, ist aber sicher nicht mehr gleich.»

Auch die Kollegen und Gspänli von früher seien inzwischen aus der Gemeinde weggezogen. Mit ein paar alten Schulkollegen und Jugendfreunden pflegt Christian Schönenberger via Facebook sporadisch Kontakt. «Und wenn ich einmal in der Schweiz zu Besuch bin, trifft man sich vielleicht.» Ein Gefühl von Heimat kommt in ihm nicht mehr auf, wenn er an die Schweiz denkt. «In Australien fühle ich mich mehr zu Hause», gibt er zu.

Alle vier bis fünf Jahre besucht er seine Familie in der Schweiz. Und seine Tochter, die Ende Jahr die Schule beendet, wird anschliessend ein Jahr in der Schweiz verbringen. Christian Schönenberger plant, dass er in Australien alt werden wird. «Für mich stimmt es hier und ich geniesse jeden Tag», sagt er. Der Weltenbummler hat seinen Platz gefunden. In tropischem Klima, in der Nähe des Meeres, so, wie er sich das immer erträumt hat. Und vielleicht schafft er es noch, nach Darwin zu fahren, um die angefangene Weltreise zu beenden.

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