Windisch

15 Tattoos in 6 Monaten: Nur ein Tattoo würde er sich nie stechen lassen

Kochlehrling Joel Bule aus Windisch träumt von einer Karriere als Tattoo-Model. Verzierungen an seinem Körper hat er schon einige: In einem halben Jahr hat er sich fünfzehn Tattoos stechen lassen.

Noch vor zwei Jahren war Joel Bule ein unscheinbarer, pummeliger Junge. Heute ist er nicht wiederzuerkennen. Innerhalb von zwölf Monaten hat er 48 Kilo abgenommen, an Muskeln zugelegt und sich in einem halben Jahr fünfzehn Tattoos stechen lassen. Genug hat der 18-jährige Kochlehrling aus Windisch aber noch lange nicht. Nach der Stifti will er Tattoo-Model werden. Dafür leidet der 18-Jährige gerne.

Es waren die wohl längsten neun Stunden in Joels Leben: die erste Sitzung im Tattoostudio. Das Motiv – das allsehende Auge von zwei Händen getragen – liess er sich ausgerechnet auf die Brust stechen, eine der schmerzhaftesten Stellen. «Ich habe nur geschrien», erzählt der 18-Jährige. Doch er hielt durch. Seitdem kann Joel von Tätowierungen nicht genug bekommen.

Heute zieren fünfzehn Kunstwerke seine Arme, Beine, die Brust und den Nacken. Der nächste Termin beim Tätowierer steht. «Meine Tattoos haben eine Bedeutung. Der rosa Cupcake auf dem Schienbein zum Beispiel symbolisiert einen vergangenen Lebensabschnitt, in dem Cupcakes mein Lieblingsessen waren.»

Als Kind war Joel übergewichtig. Mit 16 Jahren entschied er sich, abzunehmen. «Ich habe mich in meinem Körper einfach nicht mehr wohl gefühlt.» Heute esse er viel Quark. Süssigkeiten sind gestrichen. Ausserdem gehe er jeden Tag trainieren. Diese Disziplin zeigt er auch im Beruf. Erst im Januar gewann der angehende Koch der aarReha Schinznach bei der Lehrlingsausstellung «Feuer & Flamme» die Goldmedaille für seine Dessertkreation. Bei der Arbeit seien die Tattoos bis jetzt kein Problem. Er deckt sie ab. Bald will Joel aber auch seine Handrücken tätowieren lassen. Ob das für den Betrieb in Ordnung ist, wisse er nicht. «Ich habe es mit ihnen noch nicht angeschaut. Zur Not müsste ich wohl Handschuhe anziehen.»

Trotz all den Tattoos: Ein Rebell ist Joel nicht. Er sei sehr häuslich. Die Familie bedeute ihm viel. «Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, koche ich meistens für alle Znacht.» Seine Mutter sei alles andere als begeistert gewesen, als er mit 17 von seinem Tattoowunsch erzählte. «Papi hat es mir aber erlaubt. Er ist mit ins Studio gekommen, hat unterschrieben und mir sogar 100 Franken in die Hand gedrückt.» Das Ergebnis gefalle allen gut, auch Mami. Selbst wenn viele seiner Freunde und Verwandten finden, Joel habe langsam, aber sicher genügend Tattoos, würden sie ihn unterstützen. «Es ist mein Körper und sie akzeptieren es.»

Dass nicht alle Menschen so offen mit dem Thema umgehen, erlebt Joel Bule immer wieder. Inzwischen antworte er schon gar nicht mehr, wenn er gefragt wird, ob er zu den Illuminati gehöre, weil auf seiner Brust ein grosses Auge in einem Dreieck prangt. Manchmal träfen ihn die Reaktionen aber schon. «Vor ein paar Tagen hat mich eine Frau in der Migros angestarrt. Als ich sie fragte, was denn sei, antwortete sie, ich sähe aus wie eine gefleckte Kuh.»

«Keine Sucht, Leidenschaft»

Viele aus Joel Bules Umfeld äusserten Bedenken, dass sich der Teenager mit den vielen Tattoos seine Zukunft verbauen würde. Ausserdem hielten sie es für übertrieben, in nur sechs Monaten fünfzehn Tattoos stechen zu lassen. «Mein Lieblingstätowierer Yacup Genc meinte, das nächste Tattoo steche er mir noch im April. Danach solle ich aber eine Pause machen wegen der Wundheilung.» Von einer Tattoo-Sucht will Joel nichts wissen. «Wenn ich süchtig wäre, müsste ich jetzt sofort ein Tattoo machen lassen. Ich nenne es Leidenschaft.»

Joel Bules Lieblingsmotiv ist die Laterne auf seinem rechten Schienbein. Es ist ein Abbild der Laterne, die in Portugal vor dem Haus seiner Grossmutter hängt. Auch viele andere Tattoos haben eine familiäre Bedeutung. Der Name der Schwester, Sofia, steht auf dem Bein, daneben ein Zitat der Grossmutter, am Handgelenk ein Partnertattoo mit der Cousine und auf der linken Schulter ein Oldschool-Porträt vom Vater. «Für das Porträt habe ich zwei Monatslöhne ausgegeben», sagt Joel Bule und lacht. Insgesamt habe ihn der Körperschmuck schon rund 9000 Franken gekostet.

Doch bei aller Liebe für den schmerzhaften Kult, ein Motiv würde sich Joel niemals stechen lassen: «Ein Forever-Tattoo – das Unendlichkeitszeichen – ist für mich der absolute Abtörner.»

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