Brugg
15 Patienten verliessen das Hospiz lebend – aus unterschiedlichen Gründen

Die Zahl der Austritte beim Hospiz Stationär Palliative Care war letztes Jahr dreimal höher als im Vorjahr. Geschäftsführer Dieter Hermann erklärt die Gründe dafür.

Claudia Meier
Drucken
Teilen
15 Patienten verliessen das Hospiz lebend

15 Patienten verliessen das Hospiz lebend

Alex Spichale

Das Hospiz Stationär Palliative Care in Brugg nimmt Menschen auf, die an einer fortschreitenden, nicht mehr heilbaren Erkrankung leiden und deren Lebenszeit bald zu Ende geht. Wegen steigender Nachfrage wurde das Bettenangebot vor rund einem Jahr von sechs auf neun erhöht. Beim Studium des Jahresberichts 2015 stechen zwei Zahlen ins Auge: Einerseits gab es trotz höherer Bettenzahl deutlich weniger Todesfälle als im Vorjahr (2015: 60; 2014: 71). Andererseits fällt auf, dass sich die Zahl der Austritte mit 15 gegenüber dem Vorjahr verdreifacht hat.

Bisher gab es jedes Jahr zwischen zwei und fünf Patienten, die sich im Hospiz erholten und in ein Pflegeheim wechselten. Doch wie lassen sich die 15 Austritte erklären? Geschäftsführer Dieter Hermann, der seine neue Funktion seit dem 1. April innehat, geht nach einer gründlichen Recherche auf die unterschiedlichen Gründe ein: «Das Hospiz Stationär bietet eine sehr intensive und empathische Betreuung der ihr anvertrauten Patienten an.»

Kernziel sei es, den kranken Menschen zu stabilisieren und ihn aus therapeutischer Sicht so einzustellen, dass ein möglichst schmerzfreies und würdevolles Sein in der letzten Lebensphase gegeben ist. In einzelnen Fällen könne dies dazu führen, dass sich Patienten so weit erholen, dass sie in ein Alters- und Pflegeheim oder auch nach Hause überwiesen werden können.

Männer holen Frauen heim

«Leider kommt es auch vor, dass speziell Patientinnen von ihren Männern wieder nach Hause geholt werden, da ihnen der Lebensmittelpunkt genommen wurde», so Hermann weiter. Man könne dies zwar nicht pauschalisieren, aber die Praxis zeige, dass es im Speziellen Ehemänner seien, die hier wenig selbstlos handelten.

Dass dies oft nicht dem Wunsch der schwerkranken Person entspreche, sei tragisch, aber real. «Ein weiterer Grund für einen Austritt kann sein, dass die anfallenden Kosten zu hoch werden», sagt der Geschäftsführer. Beim Gang nach Hause könne es zu gravierenden Überlastungen der Angehörigen kommen, was dem friedvollen und loslassenden Sterbeprozess widerspreche.

500 Franken

pro Tag koste ein nicht belegtes Bett im Hospiz Stationär Palliative Care in Brugg, sagt Geschäftsführer Dieter Hermann. Die kantonsweit einzigartige Institution für sterbende Menschen hat ihre Basis an der Fröhlichstrasse in der Liegenschaft des ehemaligen Bezirksspitals

Wenn das Hospiz in Brugg ein Bett frei hat, kann dieses während ein bis drei Wochen auch als Ferienbett genutzt werden, um beispielsweise Angehörige zu entlasten. Das war 2015 einmal der Fall. Abschliessend erwähnt Dieter Hermann die Fälle, in denen es um psychisch und emotional stark belastete Patienten geht, die in der Regel akut suizidgefährdet sind. «Diese werden medizinisch und emotional stabilisiert und nach entsprechender Zeit in andere Institutionen oder nach Hause entlassen.»

Die ausserordentliche Austrittsquote im Jahr 2015 hatte auch Folgen für den Betrieb. Der administrative Aufwand war höher, «was wir aber intern durch Umverteilungen und Mehrarbeit kompensieren konnten», sagt Hermann. Dazu kommen emotionale und psychische Belastungen beim Betreuungspersonal, wenn die Entscheidungsgrundlagen für einen Austritt nicht nachvollziehbar oder aus Sicht von Hospiz Aargau nicht im Interesse des Sterbenden sind.

Im laufenden Jahr sind bisher zwei Patienten aus dem Hospiz Stationär ausgetreten. Hermann betont, dass die Institution die Entwicklung im Auge behalten und wenn nötig auch Massnahmen einleiten wird. «Ein nicht belegtes Bett kostet uns gut 500 Franken am Tag», fährt Hermann fort. Das sei ein sehr schmerzlicher Zustand, da das Hospiz nach wie vor ohne behördliche Zuwendungen auskommen und dadurch jede Hospitalisierung mittels Spendengeldern subventionieren muss. «Nichtbelegungen reissen tiefe Löcher in unser noch defizitäres Budget.»

Am Hospiz-Grundsatz wird trotz leeren Betten laut Hermann nicht gerüttelt: «Unsere Plätze wollen wir sterbenden Menschen anbieten und nicht zu einem exquisiten Pflegeheim umfirmieren.» Für Kranke mit Finanzierungsschwierigkeiten steht ein Sonderfonds zur Verfügung.

Aktuelle Nachrichten