Boswiler Sommer
Ein schwindelerregender Klassiksommer mit Piñata

Zum 20. Geburtstag gibt es im Boswiler Überraschungspaket argentinischen Tango und Kompositionen mit der Opus-Zahl 20.

Elisabeth Feller
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Lajos Sàrközi und seine ungarischen Musiker spielten am Seerosen-Weiher Cholmoos für die Musikwanderer.

Lajos Sàrközi und seine ungarischen Musiker spielten am Seerosen-Weiher Cholmoos für die Musikwanderer.

Bild: ZVG

Was wäre der Boswiler Sommer ohne das Programmheft, das die Konzertmottos bildnerisch pfiffig-verspielt aufgreift? Dann fehlte das Bild der Piñata: ein südamerikanisches, buntes Pferdchen aus Pappmaché, das man bei verbundenen Augen mit dem Stock treffen muss, damit Geschenke herauskollern.

Kein Wunder, machen die Piñata und das Programm mit argentinischem Tango, Carlos Gustavinos Cantos Populares für Klavier solo sowie Enrique Granados Klavierquintett Lust auf den Abend. Das kommt gut, denkt die Besucherin, als sie morgens an der Kasse eines Supermarkts anstehen muss. Als sie aufs Förderband schaut, traut sie ihren Augen nicht. Da liegt eine …Piñata. «Zufälle gibt‘s», sagt der Kunde lachend, als er vom Konzert erfährt. Nein, er spiele nicht in Boswil; er kaufe die Piñata für seine Frau. Was für ein Auftakt in den Tag – das kommt gut, denkt die Besucherin abermals. Und erfährt am Abend, dass es sich genauso verhält.

Viel Emotionalität und viel Dramatik

Der Pianist Martin Klett, ein Bewunderer argentinischen Tangos, hat ein erlesenes Ensemble um sich geschart, das in der Besetzung mit zwei Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Klavier und drei Bandoneons ein Tangoorchester ist, das seinesgleichen sucht. Also kann es aus dem Vollen schöpfen, wenn es Kompositionen von Osvaldo Pugliese und Horacio Salgán, zwei älteren Kollegen von Astor Piazzolla, spielt. Einerseits ist man von der orchestralen Wucht gepackt; andererseits vom vital-drängenden, dabei stets sensibel austarierten Spiel der Akteure, die mit Vibrato, Glissandi und rhythmischer Verve glänzen und einen mitreissenden Groove entwickeln.

Die imaginäre Piñata ist allgegenwärtig, denn Martin Klett und seine Mitstreiter überraschen mit einer Fülle von Musikgeschenken, was zum 20-Jahr-Jubiläum des Boswiler Sommers und dessen Motto «Geschenke» passt.

Was das Programm deutlich macht: Der Tango-Kosmos birgt viele Schätze. Zu diesen zählen gerade die Stücke von Horacio Salgán, der das virtuose Element bedient, indem er dem Pianisten solistische Ausflüge gestattet. Osvaldo Puglieses Werke leben dagegen von einer dunklen Grundstimmung und dem Ausschöpfen von Extremen: Mal gibt es sehr leise, mal sehr laute Passagen. Aufregend ist das Ganze allemal, weil man von so viel Emotionalität (wunderbar: die Seufzer der Violinen) und Dramatik überflutet wird, dass einen schwindelt. Ein bisschen schwindlig konnte einem auch bei der Sonntagsmatinee werden, die mit dem klassischsten Programm des Boswiler Sommers aufwartet.

Boswil heizt dem Geisterspuk ein

Mit Opus 20 ist es betitelt, da es unter Opus 20 Meisterwerke wie Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 20, Nr. 2; Felix Mendelssohn Bartholdys Oktett Es-Dur und Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur vereint. Andreas Fleck, Cellist im casalQuartett, liebt das Haydn-Werk besonders, weil im Menuett ein leicht wehmütiger Dämmer darüber liegt.

Mit Wehmut ist jeder Abschied verbunden – Andreas Fleck scheidet nach dem Boswiler Sommer aus dem von ihm mitbegründeten Ensemble aus. Wie spielt aber nun das casalQuartett Haydn? Indem es die Kontraste nicht hart aufeinanderstossen lässt, sondern indem es entschieden, aber dann immer wieder doch so zart agiert, als ob es fragen wollte: Wohin geht die nächste Streichquartettreise?

Nach diesem Auftakt wird man vom Furor, den Sarah Christian, Stefan Tarara, Flavia Grubenmann und Oszkár Varga (Violine); Tomoka Akasaka und Markus Fleck (Viola) sowie Chiara Enderle und Maximilian Hornung (Violoncello) entfalten, überrascht. Mendelssohns Oktett ist ein Geisterspuk; von einem Wunderkind in Töne gesetzt: Der Geniestreich eines 16-Jährigen, dem unter der motivierenden und befeuernden Leitung von Sarah Christian in Boswil derart eingeheizt wird, dass einen mitunter schwindelt. Was für eine erzählerische Interpretation, die von fragiler Intimität bis zur orchestralen Pracht alles ausreizt bis zu jenem Punkt, an dem man glaubt: Mehr ist doch nicht mehr möglich − doch!

Beim letzten Werk, Beethovens Septett mit Sarah Christian, Tomoko Akasaka, Maximilian Hornung, Lars Schaper, Damien Bachmann (Klarinette), Tomas Gallart (Horn) und Rui Lopes (Fagott), vermittelt sich dann lauterste Spielfreude. Die Bläser zeigen, wie das Adagio wahrhaft «cantabile» gedeutet werden kann; wie Horn und Klarinette im Trio des Menuetts miteinander kokettieren; wie vorwitzig das Horn das Scherzo eröffnet, worauf die Streicher reagieren. Und schliesslich ist das Finale ein Beispiel für ein leichtes, abwechslungsreiches Musizieren, das so nur in einem stimmigen Ensemble gedeihen kann.

Boswiler Sommer: bis 4. Juli