Als Martina Gschwend am 17. Februar 2007 unvermittelt eine Hirnblutung erlitt, war ihre Tochter Sheila ganz nah bei ihr. Doch Sheila konnte ihrer Mutter nicht helfen. Sie war noch gar nicht geboren und befand sich im Bauch von Martina Gschwend, die am Boden lag.

Durch die Hirnblutung erlitt die Laufenburgerin eine halbseitige Lähmung. Fortan pendelte sie im Rollstuhl zwischen Spital und Reha. Gleichzeitig wuchs Sheila unbeschadet im Bauch von Gschwend heran. Am 15. Juli 2007 war es so weit: Martina Gschwend, die immer noch an den Rollstuhl gebunden war, gebar die kerngesunde Sheila. «Ich fasste den Entschluss, dass meine Tochter eine vollwertige und gesunde Mutter haben soll», sagt Gschwend, die sich als glückliche, alleinerziehende Mutter bezeichnet. Dank ihres unbändigen Willens machte sie rasch Fortschritte und war einen Monat nach der Geburt nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen.

Gesund werden für Tochter

Heute kann die 31-Jährige wieder selbstständig kurze Strecken gehen und hat immer weniger Einschränkungen. Martina Gschwend will aber noch mehr: «Ich will wieder gesund werden.» Dabei sei ihre Tochter die grösste Motivation. Sheila ist auch der Grund, weshalb sich Gschwend für die Miss-Handicap-Wahl 2011 angemeldet hat: «Ich will zeigen, dass man auch mit einem Handicap ein Kind aufziehen und eine liebevolle Mutter sein kann. Trotzdem ist das Wahlergebnis am 8. Oktober im KKL Luzern für sie zweitrangig.

Sie sei bereits glücklich, im Finale zu sein und die netten Mitkandidatinnen kennen gelernt zu haben. Besonders gut versteht sie sich mit ihrer Namensvetterin Martina Hunziker. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit: Die 24-jährige Hunziker schwärmt in den höchsten Tönen von der zweiten Aargauer Kandidatin.

Sie leidet unter den Wucherungen

Martina Hunziker leidet seit Geburtan verschiedenen Gefässtumoren in ihrem Körper. Je älter Hunziker wurde, desto grösser wurden die Wucherungen. Neben wiederkehrenden Schmerzattacken, welche die Gefässtumore auslösen, drückt die grösste Wucherung gefährlich auf Hunzikers Brustkasten. Eine wirksame Heilungsmethode gibt es bis heute nicht. Wenn Martina Hunziker schmerzfrei ist, wird sie durch die Gefässtumore nur wenig eingeschränkt. Einzig das Schwimmen und Schweres heben bleibt ihr verwehrt.

Als Folge ihrer Krankheit verbrachte die Aarauerin in ihrem bisherigen Leben viel Zeit im Spital. Auch in den letzten Tagen hielt sich Martina Hunziker mehrere Nächte im Kantonsspital Aarau (KSA) auf. Diesmal allerdings nicht wegen ihrer Krankheit, sondern um anderen zu helfen. Die Miss-Handicap-Finalistin ist nämlich ausgebildete Pflegefachfrau auf der Kinderabteilung. Keine zufällige Berufswahl: «Wenn ich als Kind im Spital lag, war ich jeweils fasziniert von Ärzten und Schwestern, die mich pflegten. Diese Erfahrungen sind heute ein Vorteil, weil ich mich gut in die kleinen Patienten hineinfühlen kann.»

So ist es nicht erstaunlich, dass die Idee zur Teilnahme an der Miss-Handicap-Wahl im Spital entstand. «Für eine neue Behandlung meiner Gefässtumore lag ich im April im Unispital Zürich und hatte viel Zeit, nachzudenken.» Beim Surfen im Internet sei sie auf der Seite der Miss-Handicap-Wahl gelandet, und habe beschlossen, sich anzumelden. Dass sie gleich unter die letzten zehn kommen würde, hätte sie nicht gedacht: «Ich glaubte, mein vergleichsweise kleines Handicap sei nicht gefragt. Doch für die Organisatoren zählt nicht die Schwere der Behinderung, sondern die Ausstrahlung und Botschafterqualitäten der Kandidatin.»

Auftritt vor 1000 Leuten

Wenn Martina Hunziker gewählt würde, hätte sie eine klare Botschaft: «Ich möchte die Kluft zwischen Menschen mit einer Behinderung und so genannten Normalen verringern.» Sie betont, dass schliesslich jede Person etwas Spezielles oder Aussergewöhnliches an sich habe. «Das sollte vorbehaltlos akzeptiert werden.»

Wenn Hunziker an die Wahl im KKL Luzern und ihren Auftritt vor über 1000 Leuten denkt, wird sie nervös: «Meine grösste Angst ist, dass ich mit den Stöckelschuhen stolpere. Ich bin nämlich eher ein Turnschuhtyp.» Bedeutend weniger nervös macht sie ein allfälliger Titelgewinn. Diesen strebt Hunziker nicht unbedingt an. Sie sei nämlich nicht so ehrgeizig und sehe sich überhaupt nicht als Favoritin, beteuert sie. «Ich habe beim SMS-Voting sogar für eine andere Kandidatin gestimmt.»