Wettingen

Zündende «Wahnsinns»-Intentionen: Musikalisches Kino der Leidenschaft

Motivation, Hingabe und stetig verfeinertes Können machen das Jugend-Sinfonieorchester Aargau aus – dies zeigte sich auch beim Kammerkonzert in Wettingen. zvg

Motivation, Hingabe und stetig verfeinertes Können machen das Jugend-Sinfonieorchester Aargau aus – dies zeigte sich auch beim Kammerkonzert in Wettingen. zvg

Selbstbewusst, aber respektvoll: Wie dieses Orchester spielt, ist grosses Kino der Leidenschaft. Das Jugend-Sinfonieorchester Aargau zeigt, warum es zu den spannendsten Klangkörpern der Schweiz zählt.

Wahnsinn hält Hof bei Kaiser Titus; wahnhaft treibt es König Salomo (Schelomo) zwischen Lust und Masslosigkeit um; wahnsinnig ist die Liebe von Romeo und Julia. Darüber könnte einem schwindlig werden, doch das würde den «Wahnsinn»-Intentionen des im Künstlerhaus Boswil situierten Jugend-Sinfonieorchesters Aargau (JSAG) und seinem Dirigenten Hugo Bollschweiler wohl entgegenkommen.

Zündende Mottos sind ein Markenzeichen für die klugen, durch ihre Querbezüge überraschenden Programme eines Klangkörpers, der eine steile Entwicklung genommen hat. Wer den 50 bis 70, zwischen 16 und 26 Jahren jungen Musikerinnen und Musikern zuhört, wird erleben, was Motivation, Hingabe und exzellentes, durch Probewochen in der Alten Kirche Boswil stetig verfeinertes Können vermag. Selbstbewusst, aber respektvoll setzen sich das JSAG und sein Dirigent nun in ihrem Winterprogramm mit Wolfgang Amadé Mozarts Ouvertüre zur Oper «La Clemenza di Tito», Ernest Blochs «Schelomo: Hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester» und Sergei Prokofjews Suite «Romeo und Julia» auseinander.

Eingeladen hatten die Wettinger Kammerkonzerte, die ab Herbst 2019 erneut im Margeläcker-Saal stattfinden werden. Ob dieser denn auch geeignet sei für einen grossen Klangkörper, fragte man sich zunächst. Ja; vor allem, wenn ein derart umsichtiger Dirigent wie Hugo Bollschweiler am Werk ist, der die bei Bloch und Prokofjew doch sehr kräftige Dynamik so variiert, dass sich keiner den Klangmassen ausgeliefert fühlt.

Ergreifende Mischung

Schön ist, wie nahe man beim Orchester sitzt, weshalb man genau verfolgen kann, wie Akzente gesetzt werden oder wie Solist, Orchester und Dirigent ein kaum merkliches Nicken genügt, um partnerschaftlich aufeinander zu reagieren. Dem 30-jährigen, britischen Cellisten Jacob Shaw kommt bei Blochs Musik eine vorantreibende und motivbestimmende Rolle zu – wie es sich für König Salomo eben gehört. Shaw gestaltet die Rhapsodie mit einer Mischung aus rauer Unmittelbarkeit und brennender Sehnsucht – packend und ergreifend.

Danach ist erst einmal eine Verschnaufpause angesagt; es folgt eine Zugabe – ein vom Cellisten an der Grenze von Weissrussland zu Polen entdecktes Volkslied. Clou von Shaws Arrangement für das Jugend-Sinfonieorchester Aargau: Es bindet dessen Mitglieder nicht nur spielender-, sondern auch mitsummenderweise ein – die Emotionen lodern hoch. Das tun sie auch dank Prokofjews Musik, die gewissermassen zwischen Ölgemälde und Aquarell changiert und so Orchester wie Zuhörer auf eine emotionale Achterbahnfahrt katapultiert. Wie das JSAG diese spielt, ist grosses Kino der Leidenschaft.

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