«Es ist kaum in Worte zu fassen, wie dieses amerikanische Management mit ihren Mitarbeitenden und deren Familien umspringt», lässt Thomas Bauer, Präsident der Personalvertretung GE (Switzerland) GmbH, in einer Stellungnahme verlauten. Wie beurteilen GE-Mitarbeitende in Baden zwei Tage nach der Hiobsbotschaft die Situation? Welche Auswirkungen hat der Abbau auf Hotels und Gewerbe?

Die «Schweiz am Wochenende» hat sich bei den Betroffenen umgehört. Fazit: Verunsicherung ist bei Mitarbeitern und lokalen Unternehmen zu spüren. Während einige um ihre Arbeit fürchten oder Umsatzeinbussen erwarten, blicken andere zuversichtlich in die Zukunft.

«Als GE angekündigt hat, Alstom übernehmen zu wollen, fanden wir es super», sagt ein Mitarbeiter während der Mittagspause.

Doch: «Nun ist die Stimmung nicht wirklich gut.» Ob er seinen Schreibtisch räumen müsse, könne er nicht einschätzen. «Wir warten mal ab. Nächstes Jahr wissen wir dann mehr.» Er glaube, dass es nicht bei diesem Stellenabbau bleibe, sondern noch ein dritter bevorstehe.

«Es ist hart, nicht zu wissen, ob man gehen muss oder bleiben kann», sagt eine langjährige Mitarbeiterin. Aus Angst würden manche selber kündigen oder sich frühzeitig pensionieren lassen.

General Electrics baut in der Schweiz 1400 Stellen ab (7.12.2017)

Es ist ein harter Schlag für den Wirtschaftskanton Aargau. Am Hauptsitz in Baden verlieren gleich 1100 Mitarbeiter ihre Arbeitsstelle.

Ihre Kollegin, die als Externe für GE arbeitet, fügt hinzu: «Ich finde, man sollte den Abbau erst kommunizieren, wenn wirklich klar ist, wie viele Stellen in welchen Abteilungen gestrichen werden.» Sie betont aber auch, dass die Belegschaft gut aufgehoben sei und sich bei Fragen jederzeit an die HR-Abteilung wenden könne. Zudem weist sie darauf hin, dass die Zahl von 1100 bedrohten Arbeitsplätzen zu relativieren sei, gehörten doch etwa Pensionierungen und freiwillige Abgänge dazu.

Ein anderer langjähriger Mitarbeiter ordnet den Stellenabbau als normale Marktentwicklung ein: «Das sind die momentanen Arbeitsverhältnisse in der Schweiz.» Ihm bleibe zurzeit nichts anderes übrig, als irgendwie mit der Ungewissheit umzugehen, genau so wie beim letzten Abbau vor zwei Jahren.

«Limmathof»: Auslastung gesunken

«General Electric ist gemeinsam mit ABB Top-Stammkunde», sagt Lorenz Diebold, Direktor des Hotels Limmathof Baden. «Wir werden den Stellenabbau wieder zu spüren bekommen.» So liege die Auslastung unter anderem wegen des letzten Abbaus rund zehn Prozent tiefer als im Vorjahr. Diebold befürchtet auch einen Rückgang von Kunden der Zulieferfirmen von GE. «Diese machen einen merklichen Anteil an Übernachtungen aus.» Um dem Rückgang entgegenzuwirken, wird das Hotel im Business-Bereich die Preisstrategie anpassen müssen. «Damit wir wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir uns vermehrt nach Angebot und Nachfrage richten», sagt Diebold.

Erik Roedenbeck, Direktor des Trafo Hotels und Blue City Hotels, prognostiziert einen kurzfristigen Aufschwung in der Hotellerie: «In den nächsten rund drei Monaten werden die Hotelbuchungen wohl zunehmen, weil Kader von der GE-Zentrale aus den USA in die Schweiz reisen.» Was danach kommt, sei noch nicht absehbar. Roedenbeck sieht sich aber für den angekündigten Stellenabbau gerüstet: «Wir haben gelernt, mit solchen Situationen umzugehen.» Man versuche nun, kleinere Firmen an sich zu binden, um unabhängiger von grossen Konzernen zu sein.

«Früher sind die Gäste Schlange gestanden und wir hätten das Restaurant zweimal füllen können. Heutzutage haben wir nur noch halb so viele Gäste», sagt Fatos Us, die seit 17 Jahren Wirtin des Restaurants «Du Nord» an der Haselstrasse ist. Viele Mitarbeiter von GE würden bei ihnen zu Mittagessen, den erneuten Stellenabbau werde man deshalb deutlich spüren, bedauert sie. «Es trifft uns hart. Wir fragen uns, wie lange wir das Restaurant hier noch führen können.»

Konsequenzen für die ganze Region

Für Alexandra Sterk, Geschäftsführerin der Sterk Cine AG, ist schwierig einzuschätzen, wie viele Kunden verloren gehen werden. «Wir erheben keine Kundendaten. Darum wäre eine Prognose ins Blaue hinaus geraten», sagt die Kinobetreiberin. Die Entwicklungen bei GE verfolgt Sterk mit Besorgnis: «Was da passiert, ist sehr tragisch für die Betroffenen. Der Abbau wird nicht nur auf das Gewerbe in Baden, sondern auch auf die ganze Region Auswirkungen haben.»

Im Migros Fitnesspark Hamam Baden, der neben GE liegt, trainieren rund 3000 Mitglieder – darunter GE-Mitarbeiter. Mediensprecherin Andrea Bauer sagt, dass ein Stellenabbau dieser Dimension vermutlich Einfluss auf alle Migros-Formate habe, so auch auf Supermärkte. Im Einzelnen sei der Einfluss aber nicht messbar.

Das Grand Casino Baden hat bereits die Übernahme von Alstom durch GE gespürt, vor allem im Restaurant und im Bankettgeschäft. «Unser Restaurant ist für Geschäftsanlässe in Baden sehr beliebt», sagt Carsten Grabner, Direktor Gastronomie und Events. Die Sparmassnahmen von GE hätten sich durch das Ausbleiben von Buchungen bereits seit längerem bemerkbar gemacht. Auf diese Entwicklung habe man im letzten Jahr reagiert. «Unser Angebot ist mit der Einführung eines neuen Lunchkonzepts und des Sonntagsbrunchs für eine breitere Zielgruppe attraktiver geworden.» Deshalb blicke man trotz des bevorstehenden Stellenabbaus bei GE positiv in die Zukunft.