Sie müssen sich keine Mühe geben, die folgenden Worte zu verstehen. Sie ergeben keinen Sinn. «Ra ketete rinze kete pin pa ra ta fims para tü ta tze uuu.» Was Walter Küng an diesem Abend vorlas, klang mehr als schräg. Es waren Gedichte, Lautexperimente. Nicht Dada, sondern wohl eher Gaga!

Am Wochenende lud der Kulturkreis Surbtal zu diesem ganz speziellen Abend – zu feiern galt es 100 Jahre Dada. Manchmal waren es nur einzelne Silben, die zu hören waren, aneinandergereihte Buchstaben, Wortfragmente, die scheinbar wahllos aneinandergereiht keinen Sinn ergaben, wie das oben erwähnte Beispiel.
Dazu spielte Ulrich Poschner auf der Violine. Er begleitete die Worte des Schauspielers musikalisch; mit Vierteltonmusik. Er spielte Werke von Alois Haba, Erwin Schulhoff und Stefan Wolpe. Mikrotonal. Auch hier wurde der Zuhörer herausgefordert und überrascht mit scheinbar Unsinnigem.

Dennoch klangen die beiden Protagonisten gemeinsam auf der Bühne extrem virtuos! Und auch wenn die zahlreichen Zuschauer von all dem, was sie da sahen und hörten, nicht ein einziges Wort verstanden, vernahmen sie dennoch ein stimmiges Ganzes. Als ob man Geschichten hörte in einer geheimen Sprache. Spannend, virtuos, überraschend und durchaus auch erfrischend.

Vor 100 Jahren, am 5. Februar 1916 wurde das Cabaret Voltaire von den Künstlern Hugo Ball, Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Zürich gegründet. Es war die Geburtsstunde des Dada. Damals tobte der Erste Weltkrieg. Europa und die Welt brannten. In den Jahren 1914 bis 1918 wurden 17 Millionen Menschenleben ausgelöscht. Menschen, die diesem Wahnsinn entkommen konnten, flohen – zum Beispiel in die Schweiz, nach Zürich. Hugo Ball, der deutsche Autor und Theaterdramaturg, emigrierte aus Deutschland in die Schweiz. Tristan Tzara war ein rumänischer Schriftsteller, Hans Arp ein deutsch-französischer Maler und Marcel Janco war wie Tzara ein Künstler aus Rumänien. Diese vier gründeten Dada.

Walter Labhart aus Endingen, Kurator, Musikdramaturg und Mitbegründer des Kulturkreises Surbtal, hatte das Konzept des Abends zusammengestellt. Er erzählte dem Publikum zu Beginn der Veranstaltung Episoden und Begebenheiten aus jener Zeit so lebendig, als wäre er selber da gewesen. Es war seine Idee, den ersten Dada-Abend nicht etwa in Zürich oder in einer anderen Grossstadt durchzuführen, sondern im Aargau, im beschaulichen Freienwil, im Restaurant Weisser Wind. «2016 werden zahlreiche Gedenkanlässe stattfinden, zum Beispiel wird das Landesmuseum vom 5. Februar bis zum 28. März eine Sonderausstellung präsentieren», sagte er. Der allererste Dada-Gedenk-Anlass aber war im Aargau und darauf ist der Kulturkreis Surbtal stolz.

Mit grotesken Lautgedichten, Tänzen und Klängen brachten die Künstler damals ihre Gefühle zum Ausdruck gegen Gräuel, die kein Mensch je in Worte fassen konnte. Dada wirkte wie ein Ventil. Dada war aber auch ein Protest gegen die Spiessigkeit und das Bürgertum.
In diesen Jahren schlossen sich immer mehr Künstler der Dada-Bewegung an, zum Beispiel der deutsche Schriftsteller Richard Huelsenbeck oder der deutschböhmische Komponist Erwin Schulhoff, allerdings nur wenige Schweizer, darunter der Krimi-Autor Friedrich Glauser (Wachtmeister Studer), der Maler Augusto Giacometti und Sophie Täuber-Arp. Nach dem Krieg ging Tristan Tzara nach Paris, wo er eine weitere Dada-Filiale eröffnete und von da aus eroberte Dada die internationalen Metropolen dieser Welt: New York, Berlin, Prag und so weiter.

Und weil es so schön war, hier noch ein kleiner Ausschnitt aus einem Gedicht jener Zeit. Es ist ein kurzer Auschnitt aus einem Gedicht von Hugo Ball, die Karawane: «Jolifanto bambla ô fallli bambla Grossiga m’pfahabla horem egiga horem».