«Ohne Vorwarnung haben alle Mieter letzte Woche die Kündigung erhalten und sind zutiefst betroffen», sagt Stephan Zurfluh (56). Er ist einer von 13 Mietern, die im Wohnhaus der Non-Profit-Organisation Pro Filia Aargau an der Altenburgstrasse 5 in Wettingen wohnen.

Pro Filia bietet in Wettingen, wie auch in zwei Wohnhäusern in Baden, kostengünstige Unterkunft für Auszubildende, Berufstätige sowie Menschen in Übergangssituationen an. Einige sind seit vielen Jahren an der Altenburgstrasse zu Hause, einige erst seit ein paar Jahren. Doch eines haben sie gemeinsam: Bis Ende Juni müssen alle ihr Zimmer geräumt haben.

Zurfluh sitzt gemeinsam mit Hansrudolf Christen (75) und Ruth Hollinger (56) im Aufenthaltsraum des Wohnhauses. «Man kann die Leute doch nicht einfach auf die Strasse stellen», sagt Christen, der pensioniert ist und auf Freiwilligenbasis im christlichen Sozialwerk Hope arbeitet.

Viele Mieter würden IV beziehen oder von der Sozialhilfe leben, seien gehbehindert oder hätten mit Depressionen zu kämpfen, fügt Zurfluh an und sagt: «Es ist unschön, wenn man uns vor vollendete Tatsachen stellt und dabei keine Anschlusslösung präsentiert. Für Leute mit beschränktem Budget, wie wir Mieter des Wohnhauses in Wettingen, gibt es in der Region nur wenig Angebote.»

«Kündigung zutiefst unanständig»

Als Kündigungsgrund führt die Non-Profit-Organisation «eine komplette Sanierung der Liegenschaft» auf. Die Mieter seien zwar informiert gewesen, dass Renovationen anstünden, «aber es war nur von der Küche und den Bädern die Rede», so Zurfluh.

«Und jetzt sollen wir ausziehen, weil das ganze Gebäude saniert wird?», fragt er. «Schauen Sie sich um, das Haus ist doch nicht sanierungsbedürftig und schon gar nicht dringend!» Tatsächlich sind auf den ersten Blick bei einem Rundgang durch das dreistöckige Haus keine Mängel zu sehen. Die Räume sind gut gehalten und sauber, ebenso Böden, Fenster und Küchen.

«Wir wollen nicht auf Konfrontation mit Pro Filia gehen. Die Kündigungen mögen rechtens sein, aber nicht gerecht und zutiefst unanständig», findet Zurfluh, während Ruth Hollinger und Hansrudolf Christen ihm zustimmen.

«Wo soll ich nun mit meinem ‹Puff› hin?», fragt sich Christen und seufzt. Damit meint er seine zahlreichen Modellflieger, die in seinem Zimmer von der Decke hängen, und die Modelleisenbahn, die sich noch in der Entstehungsphase befindet.

«Seit ich weiss, dass wir das Wohnhaus verlassen müssen, bin ich nicht mehr motiviert, an meiner Modelleisenbahn zu arbeiten.» Die Mieter hätten sich gewünscht, dass sie vor der Kündigung über die Komplettsanierung orientiert worden wären.

Wie Pro Filia in der Kündigung schreibt, findet am 13. März für die Bewohnerinnen und Bewohner eine Informationsveranstaltung statt. «Wir sind gespannt, was sie uns zu erzählen haben. Ich hoffe, dass uns Anschlusslösungen präsentiert werden. Ansonsten weiss ich nicht, wie es weitergehen soll», sagt Christen.

Vorkehrungen wurden getroffen

Der Kritik, dass Pro Filia allen Mietern gekündigt hat, ohne sie vorher zu informieren, entgegnet Franziska Herzog, Präsidentin von Pro Filia Aargau, wie folgt: «Da grössere Umbauarbeiten im sanitären Bereich stattfinden und die Mieter somit für mindestens drei Monate ohne Wasser auskommen müssten, wäre es in den engen Verhältnissen sehr umständlich geworden, wenn alle Mieter noch im Haus wohnen würden und dem Lärm und Dreck ausgesetzt wären.»

Man habe allen gekündigt, da es nach den Sanierungsarbeiten so oder so neue Mietverträge geben werde. Damit die Zimmerpreise künftig immer noch günstig bleiben, sei Pro Filia bemüht, die Kosten für die Sanierung so gering wie möglich zu halten. «Wir sahen uns zu diesem Schritt gezwungen, sonst hätten wir ein teures Provisorium und diverse zeitliche Einschränkungen in Kauf nehmen müssen, was den Umbau massiv verteuert hätte.»

Herzog sagt, das Gebäude werde saniert, weil die Küchen veraltet seien. Ausserdem müssten die sanitären und die elektrischen Installationen den heutigen Standards angepasst werden. «Dabei planen wir auch, in den Zimmern, die alle saniert werden, neue Möbel bereitzustellen.»

Wird Pro Filia ihren Mieterinnen und Mietern Übergangslösungen präsentieren? «Ja. Am Infoabend werden wir erklären, was wir alles machen werden. Dabei werden wir auch mögliche Lösungen für die Mieterinnen und Mieter präsentieren.»

Für die Frauen im Wohnhaus seien bereits Vorkehrungen getroffen worden. «Bei den Männern werden wir mit jedem Einzelnen eine Lösung finden», sagt Franziska Herzog. Nach der Komplettsanierung werden die Zimmer nach wie vor gemäss den Statuten von Pro Filia vermietet. «Die Mieter werden die Möglichkeit haben, sich wieder für ein Zimmer mit neuen adäquaten Mietzinsen – die den Statuten entsprechen – und angepasster Hausordnung zu bewerben.»