Zahlreiche Exponate im Museum Eduard Spörri Wettingen zeugen davon: Das Porträt war zentraler Bestandteil im reichhaltigen Œuvre des 1995 verstorbenen Wettinger Bildhauers. Die in Baden lebende Künstlerin Ruth Maria Obrist hat sich in den letzten Monaten intensiv mit der Spörri-Sammlung auseinandergesetzt und reagiert in ihrer Ausstellung «Schichtungen» mit eigenen Porträt-Arbeiten auf Spörris Kunst.

Früher Büsten, heute Selfies

Der Wunsch nach Selbstdarstellung, Individualität und vor allem nach Idealisierung des eigenen Abbilds ist seit Menschengedenken immer gleich geblieben. «Schon die römischen Kaiser haben sich in ihren Profilbildnissen und Büsten jünger und markanter porträtiert», bemerkt Museumskurator Rudolf Velhagen in seiner Vernissagerede. Heute macht man rasch ein Selfie und hübscht sich mit Photoshop und Filter auf.

Museumsbesucher als «Mini-Me»

Auch Obrist setzt Spörris in aufwändiger «Handarbeit» hergestellten Werken aus Gips und Ton neueste Technologien entgegen: Im Vorfeld der Ausstellung bat sie 10 Personen – Bekannte und Freunde –, nach einer Skulptur von Eduard Spörri zu posieren. Diese «Porträts nach Spörri-Skulpturen» liess sie im 3D-Verfahren bei der Firma PocketSize Me (Zürich) drucken.

Die zehn 3D-Figuren gesellen sich in der Ausstellung zu den Spörri-Skulpturen. Damit gibt Obrist den Anstoss zu einer einzigartigen Aktion: Jeder Museumsbesucher kann sein eigenes «Mini-Me» in der kraftvollen und dynamischen Pose einer Spörri-Skulptur nachmachen lassen.

Die verblüffend lebensechten und äusserst detailgetreuen Figürchen kommen (bevor sie von ihren Besitzer an der Finissage vom 13. Dezember 2015 abgeholt werden können) neben die Exponate von Spörri zu stehen. So hat jeder die Möglichkeit, Teil der Ausstellung zu werden. Eine weitere Gruppe solcher erstaunlich echt wirkender «Miniatur-Menschen» steht in der Mitte des Museums. Als Betrachter fühlt man sich wie Gulliver in Liliput.

Neue Wege in der Porträtkunst

Besonders faszinierend sind Obrists Porträt-Stelen an der Fensterfront des Museums. Spiralförmig winden sich die Gebilde aus aufeinandergeschichteten hölzernen Profilkonturen, nach oben – Richtung Unendlichkeit. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist: Jede Stele ist ein Einzelporträt und ihre Höhe entspricht exakt der Grösse der porträtierten Person.

Die Künstlerin nimmt dabei Bezug auf Spörris Porträt-Büsten im Aussenbereich des Museums mitsamt den Säulensockeln, auf denen sie stehen. «Die Porträt-Übersetzung von Obrist hat einen abstrakten Ansatz, trotzdem bleibt der Ausdruck von Individualität in jedem ihrer Exponate bestehen», meint Velhagen dazu.

Obrist liebt das Experiment und die Herausforderung

Zu Interaktionen wird das Publikum auch im unteren Geschoss ermuntert. Auf einen kleinen Spiegel können Besucher mit Filzstift ihre Gesichtsumrisse nachzeichnen. Diese werden von Obrist kopiert und auf Leinwand gestickt – inklusive Namenszug. Am Schluss wird das Ganze im von Obrist geschätzten Le Corbusier-Grau übermalt.

Die Künstlerin, die sich mit zahlreichen Projekten im In- und Ausland einen Namen gemacht hat, liebt das Experiment und die Herausforderung. Ihr Credo: «Wenn sich mir Probleme in den Weg stellen, suche ich solange nach einer Lösung, bis ich sie gefunden habe.»

Die Ausstellung «Schichtungen» mit Werken und Konzepten von Ruth Maria Obrist im Museum Eduard Spörri, Bifangstrasse 17a, Wettingen, findet noch bis zum 13. Dezember 2015 statt. Öffnungszeiten: Sa/So 14 bis 17 Uhr.