Der Dialekt verrät es sofort: Rolf Häner ist gebürtiger Schaffhauser. Und noch etwas ist auffällig: Der 52-Jährige lacht viel – nicht nur vor der Kameralinse. Ganz offensichtlich scheint ihn die Aufgabe als Rektor der Berufsfachschule BBB in Baden zu erfüllen, respektive ihm grossen Spass zu bereiten. Vor gut einem Jahr hat er die Stelle in Baden angetreten. Spricht Häner über «seine» Schule, hört es sich aber vielmehr an, als zeichne er schon seit Jahren für die Geschicke einer der grössten Berufsfachschule im Aargau verantwortlich.

Dabei hat am Anfang seiner beruflichen Karriere nichts darauf hingedeutet, dass er dereinst einer Schule mit über 2000 Schülern vorstehen wird. Aufgewachsen in Schaffhausen und nach dem Besuch der Kanti, studierte er an der Uni Zürich Betriebswissenschaften. Nach dem Studium stieg er direkt in das Firmenkundengeschäft der Credit Suisse – damals noch Schweizerische Kreditanstalt – ein. «Als eigenständiger Berater habe ich vor allem KMU’s in Finanz- und Kreditfragen beraten. Dadurch wurde mein Interesse für die Welt des Gewerbes und der Industrie geweckt», blickt Häner zurück. So kam es, dass er der bereits aufgegleisten Karriere als Banker den Rücken kehrte und in die Lebensmittelbranche wechselte. Bei der damaligen Knorr Nährmittel AG übernahm er verschiedene Führungsaufgaben und war massgeblich an der Fusion zwischen Unilever Schweiz und Knorr beteiligt.

«Wollte bei meiner Familie sein»

War der Wechsel von der Finanz- in die Lebensmittelbranche schon ein grosser, so entschloss sich Häner nach der Jahrtausendwende für eine noch einschneidendere berufliche Veränderung. «Bei Unilever war ich für eine Managerkarriere positioniert. Doch das hätte auch bedeutet, dass ich viel im Ausland unterwegs und wenig bei der Familie gewesen wäre und insbesondere meine beiden Töchter nicht hätte aufwachsen sehen. Das wollte ich nicht.» Er könne sich noch gut daran erinnern, wie sein englischer Vorgesetzter auf sein Abgangs-Vorhaben reagiert habe. «You’re throwing your career away!», habe ihm dieser an den Kopf geworfen.

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Rof Häner liess sich aber nicht beirren. Er entschloss sich, einen neuen Weg zu beschreiten und erwarb an der Uni Zürich das höhere Lehramt. Während acht Jahren war er als Handelslehrer an der KV Winterthur tätig, wo er unter anderem in der Weiterbildung unterrichtete. Nach einem kurzen Abstecher von 2009 bis 2012 zurück in die Wirtschaft – Häner war Geschäftsführer der offiziellen Exportplattform für die Schweizer Cleantech-Industrie – landete er wieder in der Bildung. Von 2012 bis 2017 war er Mitglied der Schulleitung an der Berufsfachschule in Uster und dort vor allem für die Entwicklung des Weiterbildungsangebots zuständig.

Kleiner, aber bedeutender Umweg

«Zufällig bin ich 2016 auf das Stelleninserat gestossen, wonach die BBB einen neuen Rektor sucht.» Das Inserat habe ihn sofort angesprungen, da auch ihm der gute Ruf der Badener Berufsfachschule zu Ohren gekommen war. «Der einzige Zweifel bestand darin, ob ich mir jeden Tag die Fahrt durch den Gubrist antun will», so Häner, der mit seiner Familie in Flurlingen ZH gleich beim Rheinfall wohnt. Doch ein Schlüsselerlebnis vermochte auch diese Zweifel zu beseitigen. «Ich erinnere mich noch genau. Es war an Weihnachten 2016, als ich meine Schwester besuchte, die im Aargau lebt. Also legte ich einen kurzen Umweg zur BBB ein, um mir vor Ort ein Bild zu machen.

Als ich das Gebäude, nein vielmehr das ganze Areal sah, spürte ich sofort, dass dies ein spezieller Ort mit einer langen Industrie-, aber auch Bildungsgeschichte ist.»

Die Fussstapfen seines Vorgängers

Der Rest ist schnell erzählt. Häner bewarb sich auf die Stelle und erhielt prompt den Zuschlag. Dabei trat Häner nicht gerade in kleine Fussstapfen, war doch sein Vorgänger Rudolf Siegrist zuvor während 22 Jahren Rektor der Schule und massgeblich am Neubau der BBB beteiligt gewesen. «Ja das stimmt. Siegrist hat hier zweifelsohne Spuren hinterlassen», sagt Häner. Doch vielleicht sei es ein Vorteil gewesen, dass er von aussen gekommen sei und so alles mit anderen Augen gesehen habe.

«Heute, nach einem Jahr als Rektor, kann ich sagen, dass ich eine hervorragend aufgestellte Schule übernehmen durfte.» Am meisten freue ihn, dass er das, was er in der Bewerbungsphase über die BBB erfahren habe – Strategie, Vision, Werte –  in der Realität auch wirklich angetroffen habe. «Ich war skeptisch, ob diese Werte auch wirklich gelebt werden. Ich durfte erfreut feststellen: Sie existieren nicht bloss in der Theorie, sondern auch im Alltag.» Deshalb habe er als neuer Rektor auch nicht grundsätzlich das Steuer rumreissen müssen. «Es geht vielmehr darum, das Gute in der Schulentwicklung zu stärken, gleichzeitig aber auch schrittweise Verbesserungen vorzunehmen, wenn nötig.»

Anders als bei seinen beiden Berufskollegen an der Kanti Baden und Wettingen (die AZ berichtete), beschränkt sich Häners Pflichtenheft aber nicht nur auf das Leiten der Schule, sondern er unterrichtet selber noch zwei Lektionen pro Woche – Wirtschaft und Recht für Berufsmaturanden.» Diese zusätzliche organisatorische Herausforderung nimmt er jedoch gerne an. «Ich schätze das sehr, weil man so am Puls des Geschehens ist und die Sorgen und Nöte der Schüler, aber auch der Lehrpersonen besser mitbekommt.» Für ihn sei es eine grosse Befriedigung, gemeinsam mit den Schülern auf ein Ziel hinzuarbeiten. «Es ist erwiesen, dass die Erfolgsaussichten für die Schüler steigen, wenn sie in den Genuss eines guten Unterrichts kommen. Einen solchen zu bieten, ist mein Ziel, nein vielmehr das Ziel des gesamten Kollegiums.» Drei Dinge seien dabei zentral. Erstens den Schülern vermitteln, «was ihr hier lernt, ist wichtig». Zweitens sollten Lehrerinnen und Lehrer ihre Begeisterung für ein Fach vermitteln. Und drittens wolle man den Schülern vermitteln, dass man an sie glaubt. «Jungen Menschen, egal welcher Herkunft, Perspektiven öffnen zu können, ist zentral und meine ganz persönliche Motivation.»

Neue Rolle der Lehrpersonen

Dass sich der Unterricht in Zukunft auch an der Berufsfachschule – Stichwort Digitalisierung – verändern wird, sei klar. «Die BBB nimmt hier heute schon eine Pionierrolle ein, was ihr von verschiedener Seite attestiert wird.» So sei es heute selbstverständlich, dass die Schüler ihre eigenen iPads oder Notebooks in den Unterricht bringen würden. «Eigentlich braucht es heute nur noch ein gutes WLAN, um Zugriff auf die die schuleigene E-Learning-Plattform, auf welcher der gesamte Unterricht abgelegt ist, zu erhalten», sagt Häner.

Diese neuen Unterrichtsformen würden es auch ermöglichen, vom klassischen Unterricht im Schulzimmer abzuweichen. Die Entwicklung hin zu personalisiertem Lernen und zu flexibleren Lehr- und Lernformen werde die BBB weiter vorantreiben. «Die Rolle der Lehrperson wird es mehr und mehr sein, den Schülern eine Anleitung zu geben, wie und wo sie zu ihrem Wissen kommen», ist Häner überzeugt. Gleichzeitig dürfe man vor lauter Reformen nicht vergessen, dass es sich gerade bei Berufslernenden um Menschen handelt, die persönlich starke Entwicklungen durchmachen. «Nicht alle Schüler kommen mit dem selbst organisierten Lernen gleich gut zurecht. Es liegt an uns, zu erkennen, für welche Schüler welche Unterrichtsform geeignet ist.»

Für die Berufsbildung werben

Genauso wie seine beiden Kanti-Rektoren-Kollegen ist auch Häner der Überzeugung, man dürfe den akademischen Weg nicht gegen die Berufsbildung ausspielen; es brauche schlicht und einfach beides. «Ich stehe etwa im engen Kontakt mit dem Rektor der Kanti Baden», so Häner. Das sei nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass man gemeinsam die Informatik-Mittelschule betreibe. «Überhaupt zeichnet sich der Bildungstandort Baden durch hervorragende Vernetzung aus», so Häner, der seit November 2017 auch Präsident des Bildungsnetzwerks Baden ist. «Auf engstem Raum gibt es hier in Baden Nord zahlreiche Bildungsinstitutionen wie die libs, die ABB-Technikerschule, das Ask oder das 10. Schuljahr – man kann von einem eigentlichen Campus sprechen.» Häner hat zwar den Eindruck, dass das Ansehen der Berufslehre gegenüber einer akademischen Laufbahn gestiegen sei, auch wenn das Standing immer noch hinter dem der Gymnasien hinterherhinke. «Darum müssen wir als BBB bereits an den Primarschulen noch mehr die Vorzüge der Berufslehre aufzeigen und dürfen dies nicht nur der Wirtschaft überlassen», ist Häner überzeugt.

Für die Zukunft sieht Häner die BBB bestens positioniert. Daran würden auch die sinkenden Schülerzahlen nichts ändern. «Wenn es einigen Branchen nicht läuft, merken das zwar auch wir, weil es weniger Lehrstellen gibt», so Häner. Es würden in Zukunft aber auch neue Berufe aufgrund der Digitalisierung hinzukommen.

Gubrist doch nicht so schlimm

Und wie sieht die berufliche Zukunft von Rolf Häner aus, war seine bisherige Karriere doch immer wieder von Neuanfängen gezeichnet. «Ich kann nur so viel sagen. Die Aufgabe hier an der BBB erfüllt mich sehr. Insbesondere ist es eine grosse Befriedigung, in meiner Tätigkeit als Rektor immer wieder von meinem gut gefüllten, beruflichen Rucksack profitieren zu können.» Und wie war das jetzt mit der Fahrt durch den Gubrist? Rolf Häner lacht: «So schlimm ist es gar nicht.» Erstens habe er noch ein kleines Zimmer in Wettingen, fahre also nicht jeden Abend Richtung Osten.

Und manchmal bewältigt er die rund 45 Kilometer gar mit dem Rennvelo. Denn nicht nur im Beruf hat Häner Gas gegeben. Einst kickte er für den SV Schaffhausen gar in der Nationalliga B – «ok, nur eine Saison». Doch den Knochen zuliebe stieg er vor rund 20 Jahren auf Ausdauersport um. Das Gute daran: Mit dem Rennvelo kann er den lästigen Gubristtunnel elegant umfahren.