Region Baden

«Wir sind kein Jammeri-Verein» – Seniorenrat macht der Politik Beine

«Generationen im Klassenzimmer» – Pro-Senectute-Projekt mit Freiwilligen der 60+-Gruppe.

«Generationen im Klassenzimmer» – Pro-Senectute-Projekt mit Freiwilligen der 60+-Gruppe.

Eine vorausschauende Alterspolitik soll die Gemeinden vor bösen Überraschungen schützen. Man müsse an einem Strang ziehen, meinen die Vertreter des Rates.

Das steht zwar nicht im Positionspapier ihrer «Politik für altersfreundliche Gemeinden», doch die Parallelen sind unverkennbar: Die 68er oder vielmehr dieselben, die vor 40 und mehr Jahren die Jugendpolitik und Jugendhäuser aus der Taufe hoben, machen jetzt in der Alterspolitik mobil. Adressat des Seniorenrats Region Baden (SRRB) sind die Gemeinden.

Vier Ziele sollen bis 2020 erfüllt sein: Jede Gemeinde verfügt über mindestens ein beratendes Gremium und ein Altersleitbild, baut Information und Steuerung in der Alterspolitik aus, richtet eine Fachstelle für Altersfragen ein oder beteiligt sich an einer regionalen Stelle. Schliesslich soll jede Gemeinde «Altersfreundlichkeit» als Markenzeichen anstreben.

Wird der Seniorenrat jetzt politisch? Frage an die Präsidentin Ruth Blum

Wird der Seniorenrat jetzt politisch? Frage an die Präsidentin Ruth Blum.

Anfang Jahr haben alle Gemeinden im Bezirk den Fragebogen der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie erhalten. Darauf können sie ihre «Alterstauglichkeit» einschätzen. «Es geht nicht um ein Ranking», sagt Ruth Blum, Präsidentin des SRRB. Vielmehr soll der Handlungsbedarf erkannt werden und wo es bessere Strukturen brauche. Die Bewertung sei für den verwaltungsinternen Gebrauch zweifellos wertvoll, ist man beim Seniorenrat überzeugt.

Nicht nur Pflege und Betreuung

Der Seniorenrat sieht sich nicht als Konkurrenz der Pro Senectute. In seinen 11 Jahren hat er soziale und gesellschaftliche Themen aufgegriffen. «Mit unserem Papier, wie eine nachhaltige Alterspolitik in den Gemeinden aussehen soll, wollen wir an die Politik herantreten», erklärt Blum. Laut der ehemaligen Stadträtin müsse man das Augenmerk nicht nur auf Pflege und Betreuung richten, sondern die Anliegen der gesamten Bevölkerung 60+ aufnehmen. In den Gemeinden müsse verstärkt aus Sicht dieser Bevölkerungsgruppe Einfluss genommen werden. Das bedeute, dass diese Generation in den Behörden vertreten und dass dazu Grundsatzpapiere vorhanden seien.

Müsste man eine Alterspartei gründen? Frage an Peter Imholz, Mitglied der Fachgruppe Gemeinden und Institutionen

Müsste man eine Alterspartei gründen? Frage an Peter Imholz, Mitglied der Fachgruppe Gemeinden und Institutionen.

Die SRRB-Fachgruppe Gemeinden/Institutionen hat bei der Alterspolitik in der Region grosse Unterschiede festgestellt. «Nur in Birmenstorf, Ennetbaden, Obersiggenthal, Wettingen und Würenlingen gibt es eine Gruppierung, die sich speziell mit dem Thema Alter auseinandersetzt», sagt Peter Imholz von der SRRB-Fachgruppe Gemeinden/Institutionen. Ein Altersleitbild gibt es auch in Untersiggenthal.

«Es betrifft bald jeden Dritten»

Der Seniorenrat hatte schon im Vorfeld der Gemeindewahlen 2013 für die politische Vertretung der Bevölkerungsgruppe 60+ hingewirkt. Das Echo sei positiv gewesen, sagt Imholz.

Was erwartet der Seniorenrat von den Gemeinden? Frage an Konrad Schneider, Mitglied der Fachgruppe Gemeinden und Institutionen

Was erwartet der Seniorenrat von den Gemeinden? Frage an Konrad Schneider, Mitglied der Fachgruppe Gemeinden und Institutionen.

«Wir sind kein ‹Jammeri-Verein›, wir wollen Probleme einer Lösung zuführen», sagt Konrad Schneider, der mit Imholz und weiteren SRRB-Mitgliedern in rund neun Monaten das Positionspapier entwickelt hat. Da gehe es nicht um störende Randsteine oder fehlende Sitzbänke, macht Schneider klar. «Wir wollen die Gemeinden darauf hinweisen, was auf sie zukommen wird, denn die Strategieplanung für die ständig wachsende Bevölkerungsgruppe 60+ fehlt weitgehend. Dabei betrifft dies bald jeden dritten Einwohner.» Darum müsse man die Alterspolitik breiter abstützen. Diese sei in den Gesetzen genügend abgestützt, «die Umsetzung aber fällt in die Zuständigkeit der Gemeinden», betont Schneider.

60+ leistet viel Freiwilligenarbeit

Die Analyse der SRRB-Fachgruppe sagt einiges aus: Altern werde verstärkt zu einem individuellen Prozess. Das stelle die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Der Trend, «möglichst lange autonom zu bleiben», verstärke sich. Die Hilfe zur Selbsthilfe erhöhe aber Nachfrage und Ausbau nach Unterstützungsdiensten, was mit dem Mangel an Fachpersonen kollidiere. Laut Schneider berge die Entwicklung auch Chancen, so würde sich die Altersgruppe 60+ stärker in der Freiwilligenarbeit engagieren und die Alterspolitik aktiv mitgestalten. Wenn auch die Kosten im Altersbereich steigen würden, dürfe man die Freiwilligenarbeit der Senioren 60+ nicht unterschätzen.»

Schneider ortet auch Risiken. Zu viele Player würden die Koordination und Steuerung erschweren. «Es fehlt an einigem», sagt Schneider, wie Imholz ein ehemaliger Lehrer: zum Beispiel eine gemeinsame Strategie, eine regionale Fachstelle für Altersfragen und Freiwilligenarbeit. Die Planungsgruppe Baden Regio, habe sich mit der Pflege auseinandergesetzt und müsste auch hier eine Führungsrolle einnehmen, ist der SRRB überzeugt.

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