Die letzte hektische Phase der Fest-Vorbereitungen steht ihnen beim Treffen für das grosse Badenfahrt-Interview ein bisschen ins Gesicht geschrieben. Kein Wunder, tragen doch Komitee-Präsident Adi Hirzel und Festgestalterin Eliane Zgraggen die Hauptverantwortung für das Gelingen der Badenfahrt 2017 und sind damit am meisten exponiert, sollte etwas schieflaufen. Wird es aber nicht, so die einhellige Meinung der Beiden.

In knapp einer Woche beginnt die Badenfahrt. Sind die Vorbereitungen im Fahrplan? Kommt alles gut?

Eliane Zgraggen: Aus Sicht der Festgestaltung zweimal Ja. Die Erstellung der OK-Bauten und der Installationen ist im Plan. Es ist alles aufgegleist – bis auf das Unbeeinflussbare.

Adi Hirzel: Nach meiner Einschätzung waren auch die Beizenbauten der Vereine noch nie so fortgeschritten wie bisher. Da und dort gibt es zwar noch Diskussionen um Abstände, weil Differenzen zwischen Plan und Projekt bestehen, doch wir lösen alles. Und wir funktionieren wie immer bestens (Hirzel zeigt auf Eliane und sich). Bis jetzt gibt es nichts Unlösbares.

Als das Festthema «Versus» vor zwei Jahren bekannt wurde, löste das es eine Kontroverse aus. War die Themenwahl richtig?

Zgraggen: «Versus» hat auch für das Komitee am Anfang abstrakt gewirkt. Es geht um Gegensätze und Gegenüberstellungen. Bis 1977 war immer der Verkehr ein Thema. Wichtig ist, dass das Thema von den Vereinen mitgetragen wird. Und das ist uns geglückt. Es hat eine lustvolle, differenzierte Auseinandersetzung stattgefunden.

Hirzel: Zuerst dachten wir im Herbst 2014, vor Baubeginn am Schulhausplatz, tatsächlich an den Verkehr. Doch dieses Thema ist abgegriffen. In «Versus» kann man alles einpacken, was Baden beschäftigt: das ist nebst dem Verkehr auch die Politik. Darunter lässt sich alles subsumieren.

Die Badenfahrt von A bis Z:

«Versus» lässt alles offen, da musste man ja alle Verein ins Boot holen ...

Hirzel: Das ist sicher eine nette Nebenerscheinung. 1982 war es beim Thema Illusionen ähnlich.

Anderes Thema: Die Neugestaltung des Schulhausplatzes: Wie ging man mit dieser Ungewissheit im Festgebiet um?

Zgraggen: Der Schulhausplatz war schwierig ins Festkonzept zu integrieren, darum haben wir vielmehr darum herum geplant.

Gibt es darum auch keinen Umzug oder hat man sich vom Umzug generell verabschiedet, weil man die Vereine nicht noch zu mehr Engagement verpflichten wollte?

Hirzel: Nebst dem Riesenaufwand für die Festbeizen den Vereinen noch zweimal an den Sonntagen einen Umzug zuzumuten, wäre zuviel geworden. Das signalisierten auch einige Festbeizer. Und die unsichere Situation bei der Baustelle am Schulhausplatz erleichterte uns den Entscheid, auf den Umzug zu verzichten.

Zgraggen: Wir verfolgten lange ein kombinierte Variante mit einem Festspiel und einem Umzug. Wir wollten auch niemanden zu einer Umzugsteilnahme zwingen. Der Umzug ist aber sicher nicht für immer gestorben. Wenn wir das Thema künftig wieder aufnehmen, müssen wir uns überlegen, wie man die Teilnahme anders lösen könnte.

Immerhin lockten Umzüge jeweils an den Sonntagen viel Publikum. Der Festpassverkauf füllte damit die Kasse.

Zgraggen: Wir sind überzeugt, dass wir die Menschen mit dem attraktiven Bühnenbetrieb und den Streitplätzen, wo man sich spielend begegnen kann, nach Baden holen werden.

Hirzel: Wir werden so viele Besucher haben, dass man kaum mehr vorwärts kommen wird. Davor habe ich sogar Respekt.

Eliane Zgraggen und Adi Hirzel

Die 41-jährige Eliane Zgraggen zeichnete schon für das Stadtfest 2012 als Festgestalterin verantwortlich. Die Künstlerin ist im künstlerischen und kulturellen Bereich im In- und Ausland tätig. Zgraggen wohnte lange Zeit in Untersiggenthal und lebt jetzt mit ihrer Familie in Wollishofen ZH.

Der 48-jährige Adi Hirzel bildete schon am Stadtfest 2012 zusammen mit Marc Périllard das OK-Präsidium. Der Wirtschaftsanwalt ist Partner bei der Blum&Grob Rechtsanwälte AG in Zürich. Adi Hirzel wohnt in Zürich und hat eine 17-jährige Tochter.

Wird die Badenfahrt Opfer ihres Erfolgs? Der zunehmende Gigantismus steht auch unter heftiger Kritik. Sollte das Komitee nicht Gegensteuer geben?

Hirzel: Wir haben wenig Einfluss darauf, welchen Aufwand die Vereine zu betreiben bereit sind. Auch wenn einige immer mehr oder höher hinaus wollen – wir fördern diesen Gigantismus sicher nicht.

Zgraggen: Es ist auch nicht unser Ziel, immer grösser und aufwendiger zu werden. Wir beurteilen die eingereichten Beizenprojekte auch nicht nach solchen Gesichtspunkten.

Bei Festbauten wie etwa der Raketenbeiz auf dem Schlossbergplatz fällt es schwer, dies zu glauben.

Hirzel: Hätten wir dieses ehrgeizige Projekt einer Gemeinde etwa abklemmen wollen? Selten haben so viele Aussengemeinden mitgemacht. Wir müssen es auch so sehen. Es hat aber sehr viele andere, auch kleinere Festbeizen. Und Hand aufs Herz: Wo sonst gibt es denn so eine spektakuläre Festbeiz?

Aber der Gigantismus ist im OK sicher auch thematisiert worden?

Hirzel: Das OK hat lediglich festgestellt, dass wir bezüglich Professionalität und Aufwand einen Punkt erreicht haben, über den es nicht mehr hinaus gehen sollte. In Zukunft sollten wir eher wieder zurückschrauben.

Mit dem Gigantismus wird auch das Thema Sicherheit präsenter: Ist Ihnen als OK-Präsident noch wohl, wenn Sie an die Sicherheit der Festbesucher denken?

Hirzel: Eine gute Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Meine Antwort: Es wäre mir nicht wohl, wenn wir nicht alle notwendigen Abklärungen gemacht und die entsprechenden Vorkehrungen getroffen hätten. Die Sicherheitsauflagen haben uns die Profis auferlegt, das Ressort Sicherheit der Stadt ist im OK vertreten.

Die Badenfahrt-Kulisse wächst. (7. August 2017)

Die Risiken – Stichwort Terrorgefahr – sind aber seit den letzten grossen Festen grösser geworden.

Hirzel: Das ist so. Und wir haben auf die neue Bedrohungslage reagiert und dürfen guten Gewissens in diese Badenfahrt gehen. Im Übrigen haben die Erfahrungen uns immer wieder gelehrt, dass die soziale Kontrolle selten so gut funktioniert wie an einer Badenfahrt. Gemessen an der Publikumszahl gibt es in Baden einen Bruchteil von Zwischenfällen.

Sie schlafen also gut.

Hirzel: Wir können nie alles ausschliessen, doch wir haben alles Erdenkliche getan. Ich schlafe gut. Wir haben beispielsweise die Hochbrücke gesperrt. Damit haben wir die Sicherheit erhöht und gleichzeitig eine zusätzliche Festzone geschaffen, trotz aller kritischen Stimmen.

Was ist eigentlich das Ziel des Komitees? Die beste Badenfahrt aller Zeiten?

Zgraggen: Inhaltlich ist es für uns die kulturelle Ausgewogenheit; es gibt sehr viel Feinstoffliches neben dem kommerzielle Anteil.

Hirzel: Es geht nicht um die beste Badenfahrt. Sie soll einfach gut sein und Freude bereiten, dem Publikum wie allen, die engagiert sind. Im Zentrum steht für uns die Qualität wie etwa keine Firmen- und Werbeauftritte an der Badenfahrt.

Was bringt eine Badenfahrt dem Komitee eigentlich finanziell?

Hirzel: Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Eliane hatte am Schluss einen Fulltime-Job. Darum haben wir mit ihr eine Vereinbarung für eine Entschädigung, so, wie man es früher mit Festgestalter Marco Squarise hatte.

Auch bei einer guten Badenfahrt verdient das Komitee also nichts?

Hirzel: Nein, jedem ist es bewusst, dass es kein Geld zu verdienen gibt, das war immer so und soll so bleiben.

Feierlich wird das erste Badenfahrt-Bänkli enthüllt – davor schildert Daniel Cortellini, wie es dazu kam.

23. Juni 2017

Das Komitee hat keine Nachwuchssorgen?

Hirzel: Es ist eine Ehre dabei zu sein. Andere OKs haben Mühe, ihr Chargen zu verteilen. Wir müssen Leute ablehnen. Sicher gibt es ein OK-Schlussfest. Wenn der Gewinn gross ist, richten wir Spenden aus und bilden Reserven.

Mit welchen Zahlen rechnet das Komitee bei dieser Badenfahrt bei den Einnahmen?

Hirzel: Wir budgetierten Einnahmen von 5 bis 6 Millionen Franken. Das geben wir aber auch aus. Die Einnahmen setzen sich zu je einem Drittel aus Sponsorenbeiträgen, Beizenabgaben und Bändeli-Verkauf zusammen.

Ist der Vorverkauf gut gelaufen?

Hirzel: Der Vorverkauf lief gut. Aus jetziger Sicht werden wir eine schwarze Null schreiben können. Es lag uns auch viel daran, die Badenfahrt nicht zu «verkommerzialisieren». Der Erfolg hängt nun vom weiteren Festpass-Verkauf ab.

Muss man also mit aggressivem Festpass-Verkauf am Fest rechnen?

Hirzel: Was heisst aggressiv? Wir können und wollen die Festgebiete nicht abriegeln. Doch wir werden strenger kontrollieren als 2012. Dazu sind Teams begleitet von Securitas-Leuten im Einsatz. Die Fest-Bändeli sind für die Festbesucher obligatorisch. Man muss bedenken: Für ein Bändeli erhält man einen hohen Gegenwert. Das geht vom Festbesuch, den Konzertbesuchen bis zur Möglichkeit, den öffentlichen Verkehr inkl. Nachtzuschlag zu benutzen.

Könnte das Wetter noch Spielverderber sein?

Hirzel: Das Wetter ist nicht einmal so matchentscheidend, wenn es nicht zehn Tage durchregnet. Aber es sieht ja mittelfristig gut aus.

Was, wenn Sie am Schluss mit einer halben Million in der Kreide sind?

Hirzel: Das wird hoffentlich nicht passieren. Einen Konkurs könnten wir abwenden, weil ja noch Reserven bestehen. Doch wir sind auf Kurs.

Reden wir noch kurz über kritische Punkte. Am Stadtfest wurde zum Beispiel die wenig attraktive Badstrasse mit den vielen Ständen kritisiert. Wird das besser?

Zgraggen: Darauf haben wir ein spezielles Augenmerk gelegt. Wir haben gestalterisch Einfluss genommen und auch die öffentlichen Restaurants wurden dazu animiert, das Thema in der Gestaltung ihrer Beiz aufzunehmen.

Hirzel: Wir haben die besten Essstände ausgewählt. Es gibt keinen Jahrmarkt mehr. Die Stände sind auch besser platziert.

Vereine reklamierten, dass Alkohol an den Ständen zu Dumpingpreisen erhältlich war – auf Kosten der Festbeizen.

Hirzel: Es sind Kontrollen angekündigt. Und: An den Ständen gibt es keinen harten Alkohol. Es kann nicht sein, dass dort «Caipi’s» billiger verkauft werden als in einer schönen Fest-Bar.

Und wie steht es mit dem «Soundbrei» im Festgebiet?

Zgraggen: Für einige Festgebiete haben wir Sitzungen mit den Festbeizern einberufen, so weiss jeder, was links und rechts läuft und es konnten Absprachen getroffen werden.

Hirzel: Wir haben immer aus Fehlern gelernt und gehandelt. Wer jedoch als Innenstadtbewohner die Badenfahrt nicht liebt – auch diese Menschen muss man verstehen –, der wird zehn Tage lang ein Problem haben.

Das Thema Reservationen sorgte im Vorfeld auch für rote Köpfe.

Zgraggen: Die Reservationen werden sich selber regulieren. Sie sind sicher für Familienangehörige der Festbeizen-Betreiber ein guter Weg, einmal das Fest geniessen zu können.

Hirzel: Wir haben das Thema angefasst. Jetzt besteht erstmals Transparenz. Wir werden es aber genau anschauen und kontrollieren.

Wann und wo begegnet man dem Präsidenten und der Festgestalterin an der Badenfahrt?

Zgraggen: Für mich ist das Gebiet Kurpark speziell wichtig, auch der Theaterplatz mit seiner kulturellen Dichte. Ich werde die Schriftsteller begleiten, die für das Badenfahrt-Buch schreiben werden. Dann werde ich alle Beizen besuchen, damit ich sie auch bewerten kann.

Hirzel: Möglichst in jedem Festgebiet! Mich interessiert besonders, ob die Erwartungen in die vielen Projekte erfüllt wurden, schliesslich sind 50 000 Franken bei der Jurierung zu vergeben. Natürlich werden wir auch beobachten, wo während des Fests etwas verändert werden muss. Ich werde sicher 10 Tage lang nicht vor Festschluss ins Bett gehen. Jetleg nachher hin oder her.

2022 steht wohl das nächste Fest an – mit Ihnen im OK?

Hirzel: Im Vordergrund steht jetzt erst mal die Badenfahrt. Danach muss ich dann mal auslüften. Nach zwei Jahren werde ich eine Lagebeurteilung machen. Es wird im Komitee sicher Wechsel geben, neue Gesichter bringen neue Ideen, so muss es auch sein.

Zgraggen: Ich spreche sicher nicht jetzt über die Zukunft. Ich bin aber sicher nicht Badenfahrt-müde!

Hirzel: Wir werden uns wohl monatlich wieder zu einem Stamm treffen. Das ist das Schöne im Vergleich zu jährlichen Festen. Man muss nicht gleich wieder mit der neuen Planung beginnen.

Keine Angst vor einem Konkurrenzverein, der sich um Badenfahrt bemühen will?

Hirzel: Viel Vergnügen! Ohne finanzielle Mittel, Start mit Null, am Anfang viele Vorleistungen. Wir haben die Kasse, die Erfahrung. Kreativität und Engagement sind aber immer erwünscht, dann würden wir eventuell mit einer Konkurrenz zusammenarbeiten.

Eliane Zgraggen, Warum muss man zwischen dem 18. und 27. August unbedingt nach Baden kommen?

Zgraggen: Es ist das eindrücklichste Fest, das ich kenne. Kein anderes Fest in der Schweiz ist damit vergleichbar, vielleicht auch weil es nur alle fünf respektive zehn Jahre stattfindet. Allein darum lohnt sich ein Besuch.