Dass Wettingen sein produzierendes Gewerbe vernachlässigt hat und verliert, ist auch im aktuellen Wahlkampf zum Thema geworden. Jüngstes Beispiel ist die Fleischmann Holzbau AG: Nach 65 Jahren in Wettingen zog Otto Fleischmann mit seiner Firma im Juli nach Würenlos, wo er seinen neuen Betrieb eröffnete. Das bedeutet auch 23 Arbeitsplätze weniger in Wettingen. Nun zieht auch die Schreinerei Willi Egloff AG, die seit über 60 Jahren an der Dorfstrasse Möbel und Innenausbauten herstellt, per Ende Jahr aus Wettingen weg und nach Neuenhof. Sie hat Platz in den Räumlichkeiten der Schreinerei Egli gefunden.

Beide Betriebe wären gerne in Wettingen geblieben, doch sie fanden keine Möglichkeiten. «Ich wollte die Liegenschaft der Schreinerei kaufen. Sie ist für mich aber zu teuer», sagt Fritz Krähenbühl, Inhaber der Schreinerei Willi Egloff. Zur Miete bleiben, ist Krähenbühl zu riskant. «Ich will nicht mit 60 Jahren den Mietvertrag gekündigt bekommen», sagt der 53-Jährige. Er hat das Unternehmen 2010 übernommen.

Krähenbühl ist auch Co-Präsident des Handels- und Gewerbevereins Wettingen. Er moniert, dass Wettingen bisher zu wenig für das Gewerbe getan habe. «In den Leitzielen der Gemeinde existiert das Gewerbe nicht mehr und zumindest für Aussenstehende scheint es in der Gemeinde kein Thema zu sein, Arbeitsplätze zu erhalten.» Aber gerade Arbeits- und Ausbildungsplätze müssten einer Gemeinde etwas Wert sein, fügt er an. Doch es fehlten geeignete Liegenschaften und Flächen und damit zunehmend Arbeits- und Ausbildungsplätze. In den vergangenen Jahren sind einige Betriebe deshalb weggezogen, unter anderem auch die Domeisen Grosswäscherei oder Oeschger Transporte. Für neue Unternehmen ist kaum Platz.

Wohnen statt arbeiten

Das Problem: Jahrelang förderte die Gemeinde Wohnbauten. Rund um die Betriebe herum wurden Wohnungen erstellt. Krähenbühl beschreibt ein Problem, mit dem insbesondere eingemietete Betriebe kämpfen. «Sie stehen heute in Wohnzonen oder besser mitten in den Wohnquartieren.» Dadurch laufen die Betriebe Gefahr, die angesiedelten Nachbarn zu stören, etwa durch Lärm, oder aber keine Vertragsverlängerung für die Liegenschaft zu erhalten, weil der Besitzer ein Mehrfamilienhaus hinstellen möchte. Denn dies wirft mehr Gewinn ab als ein Betrieb.

Auch Otto Fleischmann, der mit seiner Holzbaufirma an Kapazitätsgrenzen stiess, suchte vergeblich nach einem neuen Standort in Wettingen. «Ich wurde zwar von der Gemeinde unterstützt, aber wir hatten keine Chance, eine neue Liegenschaft oder Gewerbeland zu finden.» Wie Krähenbühl sieht er die Gemeinde in der Pflicht. «Sie könnte Gewerbeland im Baurecht abgeben, denn als Gewerbler kann man sich die Miete, die Private verlangen, kaum leisten, geschweige denn Land von Privaten kaufen.» In die gleiche Richtung zielt die Fraktion EVP/Forum5430, die vom Gemeinderat gefordert hat, eine aktive Bodenpolitik zu betreiben, wie es etwa die Städte Basel, Bern oder Biel tun.

Langes Warten auf Wettingen Ost

Es war nicht die erste Forderung in diese Richtung. Die Einwohnerräte Daniel Notter (SVP), Christian Pauli (FDP) und Roland Michel (CVP) verlangten 2015 in einem Postulat, dem Gewerbe und den Arbeitsplätzen in Wettingen müsse eine höhere Priorität zukommen. Gleichzeitig forderten Daniel Notter und Jürg Baumann (SVP) in einem weiteren Postulat, der Gemeinderat solle den Anteil der Gewerbe- und Dienstleistungsflächen erhöhen. In seiner Antwort verweist der Gemeinderat unter anderem auch auf das Gebiet Wettingen Ost, das dem Gewerbe zur Verfügung gestellt werden soll.

Diesen Mai reichte Einwohnerrat und Gemeinderatskandidat Michael Merkli (FWW) einen weiteren Vorstoss ein. Er fordert den Gemeinderat auf, eine gemeinsame Gewerbezone Wettingen-Würenlos zu prüfen. Für Fritz Krähenbühl wäre dies das logische Vorgehen. «Allerdings hätte man das schon vor 20 Jahren an die Hand nehmen sollen.» Gemeindeammann Roland Kuster (CVP) gibt ihm grundsätzlich recht. «Aber leider stand schon damals der kantonale Richtplan einer solchen Entwicklung entgegen. Dieser gilt heute noch und sieht einen siedlungsfreien Streifen – den Siedlungsgürtel – zwischen den Gemeinden vor.» Er kann den Frust der Handwerksbetriebe verstehen. «Da wirken Entscheidungen, die vor über 20 Jahren getroffen wurden.»

Der Gemeinderat habe bereits Schritte eingeleitet, um Gewerbegebiete zu schaffen. «Zonenplanänderungen sind aber extrem langwierige Prozesse.» Dennoch nennt er Beispiele wie das Wannerareal, das man für Gewerbebetriebe freigegeben hat. Oder die «Obere Geisswies», wo eine minimale Arbeitsnutzung von 60 Prozent geplant ist, wie auch das Gebiet «Grueb» mit 85 Prozent, das man in der künftigen Bau- und Nutzungsordnung (BNO) als Arbeitszone vorsieht. Beide Gebiete gehören zu «Wettingen Ost», das langfristig von der Limmattalbahn erschlossen werden soll. «Zuerst müssen wir im kommenden Jahr die BNO-Revision an die Hand nehmen.» Kuster rechnet mit mindestens drei Jahren bis zum Abschluss. «Allerdings müssen wir gerade in Wettingen Ost auch mit den Grundeigentümern und den Landwirten geeignete Lösungen finden», gibt er zu bedenken.

Was die aktive Bodenpolitik, wie sie EVP und Forum 5430 vorschlagen, angeht, so habe man im Siedlungsgebiet kaum noch Möglichkeiten, da der grösste Teil überbaut sei. «Kommt hinzu, dass die finanziellen Mittel der Gemeinde stark eingeschränkt sind.» Deshalb man nicht einfach Land zukaufen könne, um es an Betriebe im Baurecht abzugeben.