Die Diskussion um die Modernisierung des schweizerischen Familienrechts, die Simonetta Sommaruga diesen Frühling in einem 60-seitigen, vom Bundesrat verabschiedeten Bericht präsentierte, wirft in der Bevölkerung viele Fragen auf: Wird die Ehe abgeschafft zugunsten der neuen, vertraglich geregelten Lebensgemeinschaften? Erhalten homosexuelle Paare die gleichen Rechte wie heterosexuelle? Können Kinder in Zukunft zwei Väter oder zwei Mütter haben? Sollen polygame Beziehungen in der neuen Familienreform berücksichtigt werden? Fragen, die Zündstoff bieten, und viele mit ihren bisherigen Moralvorstellungen nicht vereinbaren können. Muss sich das Familienrecht überhaupt den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen? «Es muss», meinte Referent Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht und Zivilprozessrecht an der Uni Basel, gleich zu Beginn der Podiumsveranstaltung im Grand Casino Baden und fügte hinzu: «Das aktuelle Familienrecht genügt den heutigen Umständen nicht mehr. Wir brauchen eine Gesetzesgrundlage, welche auch als Schutz für die ‹Schwächeren› dient.» Doch der notwendige Wandel würde emotionalisiert und das sei falsch, so der einstige Advokat. «Die Modernisierung ist nur ein Mosaiksteinchen in der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung. Das Konkubinat ist eine weitverbreitete Lebensform. Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, brauchen aber noch bessere gesetzliche Grundlagen», erklärte Fankhauser. Auch wenn ein neues Familienrecht in Kraft träte, würden deswegen kaum weniger Leute heiraten, meinte er zu den Ängsten, dass die Ehe zum Auslaufmodell verkommt. Und erörterte zum Schluss: «Neue Gesetzgebungen hinken den gesellschaftlichen Entwicklungen meist hinterher. Die geplanten Anpassungen im Familienrecht werden früher oder später in Kraft treten, denn sie sind im wahren Leben schon längst Tatsache.»

Gesellschaft noch nicht reif?

Auch in der von Bundeshaus-Journalistin Anna Wanner geleiteten Podiumsdiskussion war man sich mehr oder weniger einig, dass es Reformen braucht, obwohl die Teilnehmenden nicht unterschiedlicher hätten sein können: Nationalrätin Corina Eichenberger-Walther sowie Kolumnistin und Journalistin Nicole Althaus standen Luc Humbel, Präsident des Kirchenrates der römisch-katholischen Kirche Aargau, gegenüber sowie Apotheker Fabian Vaucher, der seinen Partner in Spanien heiratete. Stolz zeigte dieser sein Familienbüchlein, das er nach der Hochzeit erhielt. Auch für zukünftige Kinder ist darin Platz. In der Schweiz ist seine Ehe nicht anerkannt. «Ich will selber bestimmen können, in welcher Beziehungsform ich lebe», forderte er.

Humbel mahnte zur Vorsicht: «Es ist richtig, dass man Gleichberechtigung schafft», betonte er, «aber die Gesellschaft ist noch nicht reif für Änderungen im geplanten Ausmass. Beispiel: Früher hatten Eltern viele Kinder, heute haben Kinder viele Eltern. Das stellt die Gesetzgeber vor ungeahnte Herausforderungen. Man sollte deswegen nichts überstürzen», gab er zu bedenken.

Die Emotionen kochen hoch

Eichenberger plädierte für schlanke, unkomplizierte Gesetzgebungen im neuen Familienrecht: «Es ist wichtig, dass die Form von eheähnlichen Beziehungen rechtlich geregelt wird und gewisse Strukturen hat.» Alle Diskussions-Teilnehmenden waren sich einig, dass die Umsetzung des neuen Adoptionsrechts wohl Schwierigkeiten bereiten wird. «Wenn es um Nachwuchs geht und dazu noch, ob er von gleichgeschlechtlichen Partnern grossgezogen werden soll, kochen die Emotionen hoch», erläuterte Nicole Althaus. Auf die Frage von Wanner, ob die Gesellschaft zu konservativ für den Vorstoss Richtung neues Familienrecht sei, sagte Fankhauser: «Man spürt eine konservative Grundstimmung, das merke ich in meinen Vorlesungen deutlich.»