Turgi

Wie sich Urs Landis seinen Traum strickt

Hier lauf die Fäden zusammen: Urs Landis in seinem Atelier in Turgi.

Hier lauf die Fäden zusammen: Urs Landis in seinem Atelier in Turgi.

Früher arbeitete er für die Kehrrichtabfuhr und war Barista in einem Café. Heute strickt Urs Landis Pullover nach Mass. Mit Erfolg.

Urs Landis’ neue Stoll-Strickmaschine rattert laut vor sich hin. Dafür sorgen zweimal 862 Nadeln, die präzis das machen, was der 31-Jährige in seinem Computer eingegeben hat. Der Mann mit dem sportlichen Körper trägt einen figurbetonten und nahtlos gestrickten Pulli des eigenen Labels «herr urs» und hat die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Augen folgen aufmerksam dem Schlitten, der von links nach rechts und wieder zurückführt und der Strickmaschine das Garn zuführt. Gleichzeitig bewegen sich die Nadeln nach dem einprogrammierten Muster auf und ab. «Ich kann mit bis zu drei verschiedenen Garnen gleichzeitig arbeiten. Bei mehr Farben muss ich ein komplett neues Programm machen», erklärt Landis. In Arbeit ist grad ein Jassteppich aus grober Schweizerwolle mit den verschiedenen Kartensymbolen. Seit der junge Stricker in der Talkshow von Kurt Aeschbacher aufgetreten ist, hat seine Karriere gehörig Schub bekommen.

Im Februar dieses Jahres konnte er mit seinen zwei Strickmaschinen ins leerstehende Betriebsgebäude des Bahnhofs Turgi ziehen. Dort stört der Maschinenlärm niemanden, und Landis hat auch Platz für einen Showroom, in dem er seine verschiedenen Modelle zeigt. Kappen, Schals, Pullis mit Jacquard-, Norweger- und Doublefacemuster hängen an Ständern und Puppen. «Für einen nahtlos gestrickten Pullover brauche ich rund drei Stunden; für einen mit Nähten ungefähr einen Tag», erzählt Landis. Das Vernähen der Fäden und Zusammenfügen der einzelnen Teile geschieht immer noch in Handarbeit. Preislich muss man für einen Pullover zwischen 250 und 500 Franken rechnen. Mützen und Schals kommen auf 50 bis 200 Franken zu stehen. Wolle und Garne, die Urs Landis verarbeitet, stammen vorwiegend von der Schweizer Wollspinnerei Vetsch und der italienischen Spinnerei Zegna Baruffa.

Start im Gewächshaus der Grosseltern

«Ich sehe mich als Techniker und Stricker – nicht als Designer», sagt Urs Landis und fügt hinzu, «die verschiedenen Muster und Formen entstehen aus meiner Experimentierfreude am Computer. Wenn ich ein Programm beherrsche, wird mir langweilig. Dann probiere ich etwas Neues aus.» Er sagt, dass er nicht viel braucht, um glücklich zu sein. Grosse Karrierewünsche hegte er früher nie. Seine berufliche Laufbahn wurde lange durch eine Verkettung von Zufällen bestimmt. Nach seiner Lehre als Schriftenmaler an der Kunstgewerbeschule Bern machte Landis im Militär die Lastwagenprüfung. Weil ihm die Tätigkeit als Chauffeur gefiel, arbeitete er eine Zeit lang für die Kehrichtabfuhr. Es folgte ein Job als Barista im Café Spettacolo in Baden. Später half er einem Kollegen mit, seine Firma für Snowboardbekleidung aufzubauen. Dort kam er das erste Mal mit Textilien in Berührung und war fasziniert. Er begann in Wattwil Textiltechnik zu studieren und war gleichzeitig bei einer Arbeitsbekleidungsherstellerin tätig. Für den Bachelorabschluss wählte Landis ein Strickprojekt. «Die Strickmaschinen an der Textilfachschule waren aber alle vorprogrammiert. Ich wollte etwas Eigenes», erzählt Landis. Mit einigen Tausend Franken konnte er ein Stoll Occasionsmodell aus Norwegen ergattern. Im ehemaligen Treibhaus seiner Grosseltern in Turgi fand das 1,3 Tonnen schwere Monstrum Platz. Aber es dauerte Monate, bis er das erste fehlerlose Teil herausbrachte. «Manchmal verlor ich fast den Mut und hätte die Strickmaschine am liebsten wieder zurückgegeben», erinnert er sich. Dank seiner Hartnäckigkeit bekam er die komplizierte Technik in den Griff.

Seine «Lismete» setzt sich durch

2014 kündigte Landis den Job und startete sein eigenes Unternehmen. Aber auf einen Stricker aus Turgi hatte niemand gewartet. Unzähligen Telefonanrufe und Anfragen bei Modelabels brachten nichts. «Die Anfänge waren extrem harzig», erinnertt er sich, «ich wollte mir schon eine neue Stelle suchen, da kam der erste Auftrag über 1000 Mützen.» Er begann für Textildesign-Studenten, die vor ihrem Abschluss standen, kleine Kollektionen zu entwerfen. Dann kam der Fernsehauftritt und die Zeitungen. Zudem wurden kleine Boutiquen auf ihn aufmerksam. Die zweite Stoll-Strickmaschine – diesmal mit USB-Anschluss – kostete 40 000 Franken, eröffnete dem Turgemer aber neue Produktions-Möglichkeiten. Mittlerweile kann er von seinem kleinen Startup-Unternehmen existieren und sieht grosses Zukunftspotenzial mit seinem Label. Sein grösster Traum? «Irgendwann meine erste Strickmaschine durch das neuste Modell zu ersetzen», verrät er. Kosten? Urs Landis schluckt, lacht dann und sagt: «Astronomisch».

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