Jenny Brown-Sulzer

Wie die Witwe des BBC-Gründers Baden und die Schweiz veränderte

Vor 50 Jahren starb Jenny Brown-Sulzer in der Badener Villa Langmatt – mit ihrem Mann Sidney W. Brown schrieb sie Kunstgeschichte, ohne es zu wollen.

Wer den Park der Badener Villa Langmatt durch das Tor an der Römerstrasse betritt, ist sofort in einer anderen Welt. Das grossbürgerliche Haus und sein Garten sind Zeugen jener Zeit, als Baden von einer verschlafenen Kleinstadt zum wichtigsten Industriestandort der Schweiz wurde. Die Villa, die einzigartige Kunstsammlung und den prächtigen Park hat die Stadt nicht zuletzt einer Frau zu verdanken: Jenny Brown-Sulzer. Diesen Samstag jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal.

Am 15. Dezember 1968 starb die Witwe von BBC-Mitbegründer Sidney W. Brown, als älteste Ortsbürgerin von Baden, drei Wochen vor ihrem 98. Geburtstag. Sie hat das gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Stadt Baden und in der Schweiz geprägt. Der Kunsthistoriker und Langmatt-Direktor Markus Stegmann formuliert es so: «Die Langmatt stiftet der Stadt Baden ein Stück Identität. Früher als offenes Haus, das fast jeden Tag Gäste empfing. Heute als offenes Museum, in dem alle willkommen sind.»

Jenny Sulzer stammte aus besten Verhältnissen: Ihr Grossvater mütterlicherseits war Stadtpräsident von Winterthur. Die Familie des Vaters befand sich 1871, im Jahr als Jenny geboren wurde, im rasanten Aufstieg. Aus der ehemaligen Giesserei Sulzer wurde in wenigen Jahren eine Maschinenfabrik mit 1500 Angestellten. Der aus England stammende Oberingenieur Charles Brown spielte dabei eine massgebliche Rolle.

Seine Söhne Charles Eugene Lancelot und Sidney William Brown stiegen nach der Ingenieursausbildung in Winterthur beim Vater in der neu gegründeten Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik und in der Maschinenfabrik Oerlikon ein, bevor sie zusammen mit dem Deutschen Walter Boveri 1891 in Baden die Firma Brown, Boveri & Cie. gründeten.

Die kleine Elektrotechnikfirma entwickelte sich in nur einem Jahrzehnt zu einem der bedeutendsten Elektrizitäts-Unternehmen Europas. Mitten in dieser Pionierphase heiratete Sidney W. Brown 1896 Jenny Sulzer. Im Jahr 1900 liessen sie sich vom damaligen Badener Stararchitekten Karl Moser die Villa Langmatt bauen.

Sidney W. und Jenny Brown mit ihrem privaten Chauffeur und ihrem Wagen, vermutlich im französischen Gien, um 1935.

Sidney W. und Jenny Brown mit ihrem privaten Chauffeur und ihrem Wagen, vermutlich im französischen Gien, um 1935.

Kunstsinn und Pioniergeist

Das Ehepaar war äusserst kunstsinnig: Schon als junge Frau soll Jenny nach einem Sprachaufenthalt in Neuenburg eine kurze Ausbildung als Malerin in München gemacht haben. Nach der Hochzeit nahm sie Unterricht beim Maler Karl Rauber. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Bilder von ihr in der Langmatt erhalten, etwa eine Aussicht vom Badener Grand Hotel auf die Limmat und das Oederlin-Areal im Winter, einige Landschaften in Südfrankreich und in Winterthur oder kostbare Paravents. Die Bilder werden im März und April 2019 erstmals in der Langmatt ausgestellt.

Aus heutiger Sicht besonders wertvoll ist zudem ein kleines, postkartengrosses Aquarell der Villa Langmatt kurz nach ihrer Errichtung – bevor die Gemäldegalerie angebaut wurde. Schon früh begann das junge Paar nämlich, eine Kunstsammlung anzulegen. Die ersten Bilder stammten – wie es damals in der Deutschschweiz üblich war – aus der Münchner Schule, allen voran von Julius Exter. In München besuchten die Browns Ausstellungen und Galerien.

1906 liessen sie sich eine grosse Galerie an ihr Haus anbauen. Doch der Blick der Sammler verschob sich bald nach Westen: Seit 1904 reisten Jenny und Sidney Brown regelmässig nach Paris und unternahmen zahlreiche Kunstreisen durch Frankreich und Italien. In einer Zeit, als die Impressionisten in der Schweiz noch verpönt waren, waren Jenny und Sidney begeistert von dieser anderen Art zu malen.

Der erste Cézanne in der Schweiz

Paul Cézannes Bild «Pfirsiche, Karaffe und Figur», entstanden um 1900, gelangte 1908 als erstes Bild des Künstlers in die Schweiz. Bis heute hängt es im Parterre der Langmatt. Der Impressionismus, dieser durch und durch französische Stil, wurde zu einer Herzensangelegenheit von Jenny Brown.

Selbst während des Ersten Weltkriegs liessen sie sich von ihrem Chauffeur im Renault nach Paris fahren, um dort auf Vermittlung des Winterthurer Malers die einschlägigen Galerien zu besuchen. In ihrem Tagebuch schrieb Jenny 1910: «Wir sitzen jeden Abend vor den Impressionisten im Atelier [im ersten Stock der Langmatt], da wir sie noch nicht hinunter zu transportieren wagten, allzu viel Fragen von den Bekannten fürchtend.» In Baden hielt man damals wenig von dieser Sorte Kunst.

«Die Browns sammelten Kunst also nicht aus Gründen der Rendite oder des Sozialprestiges», sagt Stegmann. «Damals war gar nicht abzusehen, wie wertvoll die Impressionisten einmal sein würden.» Die Münchner Sammlung verkauften die Browns nach und nach, um dafür impressionistische Werke kaufen zu können. Damit waren sie absolute Pioniere in der Schweiz. «Sie hatten einen guten Riecher und schrieben Kunstgeschichte, ohne es zu wollen», so Stegmann. Und: «Vielleicht war gerade das das grosse Glück – sie konnten spontan sein, mussten kein Museum aufbauen, sondern einfach sagen: Das gefällt mir, mit diesem Bild möchte ich leben.»

Stets an einem Strang

In der Langmatt sind heute rund 1800 Objekte der Familie Brown erhalten, darunter auch Jennys umfangreiche Tagebücher. «Sie war eine emanzipierte Frau avant la lettre», sagt Direktor Stegmann. Aus den Tagebüchern könne man herauslesen, wie reflektiert sie über die Welt und sich selbst nachdachte. «Sie war sehr selbstkritisch und hatte einen Sinn für Gerechtigkeit.» Sie war nie «nur» die Gattin des Industriellen: «Jenny und Sidney haben stets an einem Strang gezogen.»

Das Haus hatte fast jeden Tag Gäste, eine Schar von Bediensteten kümmerte sich unter dem strengen, aber zugleich liebevollen Kommando von Jenny um die Villa, den Park mit Swimmingpool und Tennisplätzen – und um die drei Söhne John Alfred, Sidney Hamlet und Harry Frank. Alle drei schlossen ihr Jura-Studium mit dem Doktorat ab, die technische Begabung der Ingenieurfamilie lag ihnen jedoch fern. Alle drei blieben kinderlos, zwei von ihnen waren homosexuell.

Das Ende der Glanzzeiten

«Obwohl Jenny ihre Söhne liebte und bis ins hohe Alter um sich scharte, hatte sie wegen der damaligen gesellschaftlichen Erwartungshaltung einen grossen Leidensdruck», sagt Markus Stegmann. Sidneys Tod 1941 war ein herber Einschnitt in Jennys Leben. Ihre lebenslange Liebe fehlte ihr. Sie zog sich vermehrt zurück und widmete sich der Wohlfahrt. Die Glanzzeiten des gesellschaftlichen Lebens in der Langmatt waren vorbei, auch wenn bis in die Siebzigerjahre immer wieder prominente Gäste zu Besuch waren.

Jenny starb 1968 hochbetagt, kurz darauf ihre Söhne Sidney H. (1970) und Harry F. (1972). John Alfred Brown starb 1987 als letzter Spross der Familie. Er vermachte – auf Vermittlung des langjährigen Langmatt-Verwalters Paul Germann – der Stadt Baden sein Haus und seine Sammlung, mit der Auflage, das Erbe in eine Stiftung zu überführen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Seit 1990 ist die Langmatt ein Museum. Es scheint heute auf dem richtigen Weg zu sein und verzeichnet im dritten Jahr in Folge doppelt so viele Eintritte wie in den Jahren zuvor. Hier lässt es sich hautnah erleben, wie es war, als in Baden Aufbruchstimmung und Pioniergeist herrschten. Die Stadt Baden wäre heute nicht dieselbe ohne Jenny Brown.

Meistgesehen

Artboard 1