Baden

Wie Corona der LGBTQ-Community den Boden unter den Füssen wegzieht

Neben der Prideflagge hängen in der Milchbar auch Lichterketten.

Neben der Prideflagge hängen in der Milchbar auch Lichterketten.

Die Milchbar in Baden musste coronabedingt vorübergehend schliessen – zum zweiten Mal. Für Jugendliche der LGBTQ-Community bedeutet dies ein Verlust ihres sicheren Ortes. Wir haben nachgefragt.

Die Regenbogenfahne hängt an der Türe, es wird gequatscht und gelacht – ein normaler Dienstagabend in der Milchbar in Baden. Dabei handelt es sich um einen Treffpunkt der LGBTQ-Community für alle «bunten und tollen jungen Menschen» im Jugendkulturlokal WERKK. 

Aufgrund der aktuellen Lage und den neuen Corona-Massnahmen haben die Organisatoren Ende Oktober entschieden, die Türen bis auf Weiteres zu schliessen. 

Schliessungen sind im Corona-Zeitalter keine Seltenheit und doch handelt es sich bei der Milchbar um mehr als eine weitere Ausgangsmöglichkeit, die gestrichen wird. Für viele junge Menschen bedeutet das Lokal Familie und Geborgenheit. 

«Ich freue mich den Dienstag wieder meinen Lieblingstag nennen zu können», sagt Noah.

«Ich freue mich den Dienstag wieder meinen Lieblingstag nennen zu können», sagt Noah.

Noah ist 21, pansexuell und nichtbinär. Nichtbinär heisst, ein Geschlecht, das weder ganz/immer männlich, noch ganz/immer weiblich ist. Der Begriff «nichtbinär» ist somit ein Überbegriff für verschiedene Arten, das eigene Geschlecht zu erleben. Seit rund einem Jahr geht Noah wöchentlich in die Milchbar. Es sei ein sicherer Ort voller Akzeptanz. In den vier Wänden sei man eine Familie. Noah erklärt, dass im Lokal alle von der ersten Minute an akzeptiert werden. Für viele sei der Kontakt zur Community eine Hilfe zum Outing. 

«Die Schliessung bedeutet für mich, dass ich meinen Akku nicht mehr komplett laden kann, weil mir die Geborgenheit und die Energie der Milchbar fehlt», schreibt Noah. Die Möglichkeit aus dem Alltag zu entfliehen fehle. Noah fügt mit Nachdruck an: «Meine Kolleg*innen vermisse ich unglaublich. Ich freue mich in meinen sicheren Hafen zurückzukehren und den Dienstag wieder meinen Lieblingstag nennen zu können.»

«Ich freue mich darauf mit meinen Kollegen etwas zu trinken», lacht Noa.

«Ich freue mich darauf mit meinen Kollegen etwas zu trinken», lacht Noa.

Auch Noa besucht regelmässig die Milchbar in Baden. Er ist 19 und Trans. Das bedeutet, dass das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit der Geschlechtsidentität eines Menschen übereinstimmt. Noa besuchte die Milchbar mit fünfzehn zum ersten Mal. Seither hat er dort Freunde fürs Leben gefunden, wie er lächelnd erzählt. «Ich konnte mich dort zum ersten Mal als Trans outen. Das war ein cooles Erlebnis», erinnert sich der 19-Jährige. 

Die Milchbar sei ein Ort wo man sich sicher fühlen kann und viel Akzeptanz erlebe. Man könne zu 100 Prozent sich selbst sein – mit der Schliessung fehlt vielen ein Ort, an dem man sich zuhause fühlt. «Es gibt Menschen, die wie ich sind. Das durfte ich in der Milchbar feststellen», erklärt Noa stolz. Er freut sich hoffentlich bald seine Kolleg*innen wieder im Lokal in Baden zu sehen.

«Wir haben wenige Orte, an denen wir uns wirklich sicher fühlen können», erzählt Jason.

«Wir haben wenige Orte, an denen wir uns wirklich sicher fühlen können», erzählt Jason.

Der 21-jährige Jason arbeitete in den letzten zwei Jahren wöchentlich in der Milchbar. Zuvor war er Gast – und blieb jeden Dienstag so lange wie möglich. Für ihn bedeutet das Lokal in erster Linie Sicherheit. Er ist Trans und durfte in der Milchbar seinen ersten Geburtstag als «Jason» verbringen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich an dem sonst so verhassten Tag so wohlfühlen darf», erinnert er sich. 

Mit der Schliessung der Bar würden viele junge Menschen ihren Safe Space verlieren. An Dienstagabenden werde normalerweise gekuschelt, gelacht und Spass gehabt – diese Nähe würde vielen fehlen. «Wir haben wenige Orte, an denen wir uns wirklich sicher fühlen können.» Bisher hatte sich Jason immer auf den Montag gefreut, weil er wusste, dass danach der Dienstag kommt – sein Lieblingstag.

Er möchte seinen Freund*innen sagen, dass sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein sind. Sie sollten durchhalten. Bald würden sie wieder mit Regenbogenflaggen tanzen können. «Ich freue mich, das Lachen in der Milchbar zu hören. Und zu sehen, wie die Augen der jungen Queers wieder funkeln», erzählt Jason.

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