Baden/Wettingen

Wettinger «Strip- Poker»-Lehrer wird vollumfänglich freigesprochen

Der Lehrer unterrichtete während langer Jahre am Schulhaus Zehntenhof in Wettingen. (Archiv)

Der Lehrer unterrichtete während langer Jahre am Schulhaus Zehntenhof in Wettingen. (Archiv)

Ein Wettinger Lehrer soll seinen Schülern Strip-Poker beigebracht haben. Daraufhin wurde er entlassen. Jetzt ist klar: Weder er, noch der ebenfalls beschuldigte Schulleiter, hatten sich etwas strafrechtlich Relevantes zuschulden kommen lassen.

2006 hatte der Regierungsrat ihm seine Anerkennung ausgesprochen: 34 Jahre lang war K. als Lehrer im Aargau tätig, davon fast 25 Jahre im Wettinger Zehntenhof-Schulhaus.

Im März 2012, mit 62 Jahren, war er dort fristlos entlassen worden. Als «Strip-Poker-Lehrer» hatte er es zu trauriger Berühmtheit gebracht gehabt.

Dieser Tage standen er – angeklagt der Verletzung der Fürsorge- und  Erziehungspflicht, der sexuellen Handlungen mit Kindern sowie der Tätlichkeiten – und der zuständige Schulleiter V., ebenfalls beschuldigt der Verletzung der Fürsorge und Erziehungspflicht, vor Gericht.

Die Verhandlung tauchte die Zuhörer in Wechselbäder von Erstaunen und Entsetzen, von Überzeugung und Zweifel.

V. schilderte, K. habe ihn im Frühling 2011 aufgesucht und gesagt, er habe «einen Blödsinn» gemacht. Weil er die Mädchen seiner Kleinklasse spielerisch dazu habe bringen wollen, sich im Rechnen mehr anzustrengen, hätten sie für jede unrichtige Antwort etwas von sich abgeben müssen – ein Haargummi, ein Schmuckstück, einen Schuh, das T-Shirt. Kein Kind wurde dazu gezwungen, keines stand zum Schluss nackt da.

V. hatte geantwortet, dass solches absolut nicht toleriert werde, und dass bei geringsten Hinweisen von Betroffenen auf weiteres Fehlverhalten ein offizielles Verfahren eingeleitet werde.

Auch hatte V. mit verschiedenen Fachleuten Rücksprache genommen, unter anderem mit der Schulsozialarbeiterin, die ihrerseits von den Schülerinnen und Schüler der betreffenden Klasse zu keiner Zeit irgendwelche entsprechenden Andeutungen gehört hatte.

Der Schulpflege hingegen hatte V. damals keine Meldung erstattet, was ihm nun vom Staatsanwalt vorgehalten wurde.

Medien machten Druck

Mitte 2011 war K. zu einer anderen Kleinklasse mit drei Mädchen und acht Buben im Alter von 12 und 13 Jahren eingeteilt worden. «Es war eine ausgesprochen schwierige Klasse», sagte K. – mehr sagte er während der ganzen Verhandlung nicht.

Tatsache ist, dass es um den Jahreswechsel rund um K. zu rumoren begann: Seine Schüler kolportierten, er mache sexistisch gefärbte Sprüche, habe sie aufgefordert, statt Hausaufgaben zu machen einen Pornofilm anzusehen, habe – mit entsprechendem Kommentar - im Hallenbad die Buben geheissen, zwischen den Beinen einer Mitschülerin hindurch zu schwimmen.

Derselben Schülerin habe er zweimal für zwei, drei Sekunden an den Po gefasst, auch habe er einen Schüler mit Büchern beworfen, sowie einen anderen schmerzhaft in eine Backe gekniffen.

«Übelste Verleumdungen»

Im Februar 2012 meldete die Mutter dieses Buben die Vorfälle der Gratiszeitung «20 Minuten» – die Schlagzeile «Strip-Poker-Lehrer» war geboren und von weiteren Medien aufgenommen.

Unter dem medialen Druck, entliess die Schulpflege K. im März. Seitdem ist er arbeitslos und seit zwei Monaten ausgesteuert.

Das Plädoyer seines Verteidigers gipfelte in der Feststellung, die Beschuldigungen seien «von A bis Z ein Riesen-Lügengebilde» gespickt mit «Verleumdungen der untersten Schublade».

Einzelrichter Guido Näf sprach beide Beschuldigten von Schuld und Strafe frei. Der Tatbestand der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht setze die Gefährdung der seelischen und körperlichen Entwicklung des Opfers voraus: «Diese war bei weitem nicht gegeben und es hat sich auch kein einziges der Kinder bei irgend jemanden entsprechend geäussert.»

Was die übrigen Anklagepunkte betrifft, so stehe Aussage gegen Aussage, auch gebe es zahlreiche Widersprüche in den Aussagen der Kinder. Folgerichtig musste K. nach dem Grundsatz in dubio pro reo auch hier freigesprochen werden.

Für seinen «Blödsinn» wird der Lehrer dennoch hart bestraft: Abgesehen von der verlorenen Ehre, wird er - wenn er in einem halben Jahr AHV-Bezüger wird – einen herben Verlust bei der Pension hinnehmen müssen.

Meistgesehen

Artboard 1