1.-Mai-Feier

Wettinger ist seit 66 Jahren Gewerkschafter

Edgar Gut bleibt Gewerkschafter durch und durch.

Edgar Gut bleibt Gewerkschafter durch und durch.

Edgar Gut aus Wettingen setzt sich auch mit 80 Jahren noch für die Arbeitnehmer ein. Bis in zwei Jahren will er das Präsidium der Pensioniertengruppe des Aargauischen Gewerkschaftsbundes jedoch aufgeben. «Es braucht frischen Wind», so Gut.

Edgar Gut wird im Juli 80 Jahre alt. «Von einem Fest weiss ich nichts, fragen Sie meine Frau», meint der Pensionär und lacht. Er hat in seinem stolzen Alter weder seinen Humor verloren, noch hat er vergessen, wie er in seinen jungen Jahren den 1.Mai in Wien und später auch in Baden gefeiert hat. Gut weiss aber auch, wie viel sich in über 60 Jahren verändert hat.

Für Gut, der 1932 in Österreich geboren wurde, war schnell klar, dass auch er ein Gewerkschafter wird: «Meine Eltern waren Sozialdemokraten. Zudem war in der Nachkriegszeit fast alles organisiert. Da war es selbstverständlich, dass man zur Gewerkschaft ging.» Gesagt, getan, Gut wurde 1946 mit 14 Jahren Mitglied. Er kann sich noch gut an die 1.-Mai-Feiern in Wien erinnern: «Man traf sich in den verschiedenen Bezirken. Dann zogen alle auf der Ringstrasse Richtung Rathaus. Bis zu drei Stunden marschierten wir mit Fahnen und Transparenten zum Rathaus und wieder weg. Das waren noch Manifestationen.» Nach den Demonstrationen, die bis gegen 14 Uhr dauerten, besammelten sich Tausende Linke und Gewerkschafter im Stadion in Wien. «Dort gab es Massenvorführungen von Turnerinnen und Turnern. So wie man es heute von Turnfesten kennt. Und natürlich wurden auch Reden gehalten», erinnert sich Gut.

Nur 6 Tage Ferien in der Schweiz

1953 kam er arbeitshalber – er wurde Feinmechaniker bei der BBC/ ABB – in die Schweiz und blieb auch hier Gewerkschaftsmitglied. Damals hinkten die sozialen Bedingungen in der Schweiz denen in Österreich massiv hinterher. Im östlichen Nachbarland gab es eine 40-Stunden-Woche, am Samstag wurde nicht gearbeitet und man hatte 4 Wochen Ferien pro Jahr. In der Schweiz war der Samstag ein Arbeitstag und die Ferientage beschränkten sich auf 6. «Ich wusste über die Verhältnisse Bescheid, bevor ich in die Schweiz kam. Ich wollte etwas erreichen und die Bedingungen verändern», so Gut.

In der Schweiz verliefen die 1.-Mai-Feiern in Baden in ähnlicher Manier, wie noch in Wien. «Einfach in einem kleineren Rahmen», schaut Gut zurück und grinst. Die Badener Au war aber gerappelt voll. «Wir marschierten zuerst durch die Stadt und dann runter zur Au. Auch da hatten wir viele Transparente mit Forderungen zu Lohn, Freizeit und Arbeitszeitverkürzungen.»

Doch in den letzten 30 Jahren nahm die Begeisterung für solche Manifestationen immer mehr ab. In kürzerer Vergangenheit wurde nur noch ein Zelt auf dem Badener Bahnhofplatz aufgestellt. Gut wird zwar auch heute dort mit seiner Frau dabei sein, aber er schaut wehmütig auf die Vergangenheit zurück: «Die Menschen getrauen sich nicht mehr, ihr Gesicht zu zeigen. Ihre Begeisterung lässt wahnsinnig nach.» Und weiter: «Heute muss man die Leute zusammenkratzen, damit man das Zelt vollkriegt.» Die «Mittelalterlichen» fehlen. Es kämen nur die Jungen, die ein wenig aggressiv seien, und die Alten, die sich Referate anhörten, meint Gut.

Gut respektiert die Firma Hayek

Er kämpft auch heute noch für die Arbeitnehmerschaft. Hauptanliegen ist dabei, dass die soziale Marktwirtschaft der 70er, 80er und 90er verloren ging. «Die Arbeitnehmerschaft ist heute im Vergleich zu den Arbeitgebern schlecht organisiert», vergleicht Gut. Früher habe man mit der Betriebsleitung reden können. Heute seien die Besitzer massgebend. Diese hätten aber beinahe keine Beziehung mehr zur Firma, erklärt der Gewerkschafter. Zudem hat sich die Lohnschere zwischen den verschiedenen Angestellten enorm geöffnet. «Die Kontraste wurden immer grösser. Und früher gab es keine Boni. So en Schmarrn!» Den einzigen Stil, den Gut heute achtet, ist der der Firma Hayek: «Die Leute sind dort noch mehr mit der Firma verbunden als in anderen Unternehmen.»

Gut ist trotz sinkender Mitgliederzahlen noch aktiv. Er ist der Präsident der Pensioniertengruppe des Aargauischer Gewerkschaftsbundes (AGB). Aber selbst er hat Probleme, einen geeigneten Nachfolger zu finden: «Ich übernehme diese Aufgabe noch für maximal zwei Jahre. Dann braucht es frischen Wind.»

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