Seit vielen Jahren ist Toni Locher mit Eritrea, dem kleinen ostafrikanischen Land am Roten Meer, verbunden. Und vor rund 10 Jahren hat er ein Schreiben vom eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten im Briefkasten vorgefunden: «Wir teilen Ihnen mit, dass der Bundesrat am 21.November 2002 die eritreische Regierung ermächtigt hat, in Wettingen ein Konsulat zu errichten.» Leo Locher wurde zum Honorarkonsul ernannt. Doch wie kam er zu dieser Ehre?

Dazu muss die Zeit zurückgedreht werden – um 40 Jahre. Damals ahnte Locher nicht, dass ihn das Land sein Leben lang nicht mehr loslassen würde. «1971 bin ich das erste Mal nach Äthiopien gereist, 1977 nach Eritrea.» Das Land habe ihn fasziniert, die Armut geschockt. Schnell konnte er ein breites Netzwerk aufbauen, lernte die Regierung kennen, auch den umstrittenen Präsidenten Isayas Afewerki.

Mädchen-Beschneidung ein Problem

Locher, der heute in Wettingen als Frauenarzt tätig ist, fasste damals einen Entschluss: Er wollte dem Land helfen. Seit nun über 34 Jahren ist er Präsident des Schweizerischen Unterstützungskomitee für Eritrea (SUKE) und unterstützt mit verschiedenen Projekten, vor allem im medizinischen Bereich, die eritreische Bevölkerung. «Vor allem Mädchen-Beschneidung sei noch immer ein grosses Problem in Eritrea», berichtet er. Das Hilfswerk habe eine breite Palette an Projekten: Gesundheitsstationen, die Bauten von Staudämmen, Wasserprojekte. «Die Bevölkerung entscheidet selber, wo sie Hilfe braucht, was ihre Prioritäten sind», sagt Locher. Ein kleines Projekt liege ihm aber speziell am Herzen: «Die Eisenbahn in Eritrea.» Er strahlt. Als gebürtiger Walliser und Fan der Furkabahn gefallen ihm die Eisenbahnen in Eritrea sehr.

Doch die Frage drängt sich auf, was ist eigentlich ein Honorarkonsul? «Es ist ein Ehrentitel, konsularische Funktionen übe ich nur begrenzt aus», sagt er. Da Locher als Geburtshelfer über 100 Geburten pro Jahr betreue, habe er keine Zeit für Prestigeanlässe und VIP-Einladungen wie etwa die Bundesratsfeier von Ueli Maurer. «Mir ist wichtig, den Menschen vor Ort helfen zu können, auf alles andere kann ich getrost verzichten.»

Kulturaustausch schaffen

Seinen Titel nutzt er dennoch. Er will die Menschen sensibilisieren, Berührungsängste überwinden: «Ich versuche, einen Kulturaustausch zu schaffen.» Gerade im Hinblick auf die grosse Zahl der eritreischen Flüchtlinge, die es in der Schweiz gibt. «Ich finde es schade, dass viele Menschen aus Eritrea flüchten, verstehe aber ihre Beweggründe.» Das Land hat in den letzten Jahren viele Auf und Abs erlebt, ist geprägt von Kriegen und Unruhen, noch immer herrschen Grenzkonflikte mit Äthiopien. Das Land ist heute stabil, Demokratie herrscht dennoch nicht.

«Trotzdem ist das Land auf einem guten Weg. Die Menschen sind arm, es herrscht aber keine Hungersnot so wie beispielsweise in Somalia», erklärt Locher. Er hat viel Elend gesehen, wie geht er damit um? «Die Menschen in Eritrea sind sehr stolz», erklärt er. Der Unterschied zwischen Eritrea und anderen armen Ländern sei, dass man die Armut nicht auf den ersten Blick sehe. Zwei- bis dreimal im Jahr fliegt Locher nach Afrika an die Ostküste. Noch immer ist er aktiv an Projekten beteiligt und «das werde ich auch bleiben», ist Locher überzeugt.

Übrigens: Der Kulturschock, den er jedes Mal von neuem erfährt, wenn er von Eritrea nach Hause fliegt, mache ihm deutlich mehr zu schaffen als die Armut im Land selber. «Trotz allem sind die Menschen fröhlich und haben immer ein Lachen auf dem Gesicht.» Hier seien die Menschen oftmals gestresst und unzufrieden. «Die Lebensfreude der Eritreer bewegt mich immer wieder aufs Neue.» Er breitet Fotos auf einem Tisch aus, schwelgt in Erinnerungen. Man merkt, dieser Mann ist mit Herz und Seele mit Eritrea verbunden. Locher könne sich ein Leben ohne Eritrea nicht vorstellen. «Vielleicht ziehe ich nach meiner Pensionierung auch dorthin», sagt er und deutet auf ein Foto.