Der Badener Werbeprofi Romeo Moritzi machte jahrzehntelang Kampagnen für Grossfirmen wie UBS und Amag. Inzwischen ist er pensioniert, doch noch immer gilt er als bissiger und pointierter Beobachter der Werbeszene.

Derzeit sorgen die Wahlplakate der Politiker in der Bevölkerung für einigen Gesprächsstoff. Wie gut sind die Plakate gemacht? Das «Badener Tagblatt» hat Werbeprofi Moritzi einige Plakate vorgelegt, die Politiker in der Nähe der AZ-Redaktion in Baden aufgehängt haben.

Das Urteil des Werbeprofis fällt milder aus als vor vier Jahren, als er die Plakate als brav, mutlos, langweilig und unkreativ bezeichnete: «Dieses Jahr haben sich einige Politiker die Mühe gemacht, etwas aus der Reihe zu tanzen.» Auch 2015 gebe es aber Plakate, die «ziemlich schlecht gemacht sind».

Allgemein gelte betreffend Wahlwerbung: Meinungen und Themen würden heute vorwiegend durch die Medien gemacht – wer welche Plattform erhält, sei viel wichtiger als einzelne Wahlplakate. «Somit sind diese Plakate eher dazu da, Namen in Erinnerung zu rufen und dem Konkurrenten an der Strassenseite oder an den Kandelabern den Platz ja nicht uneingeschränkt zu überlassen.»

Corina Eichenberger, FDP

Plakat Eichenberger

Der Experte: «Ein auffällig gutes Foto, dadurch wirkt das Plakat grosszügig und sehr sympathisch. Mühe habe ich mit dem Text; das Wort «Frei Sinn» sollte hier wohl auf grafische Weise in das Plakat eingeflochten werden, das wirkt für mich nun eher unbeholfen.»

Die Kandidatin: «Ich freue mich über das positive Urteil. Das Konzept muss adaptierbar sein und das Wortspiel ‹Frei Sinn› soll die Fantasie anregen.»

Ruth Jo. Scheier und Gian von Planta, GLP

Plakat Ruth Jo. Scheier und Gian Von Planta

Der Experte: «Ein Werbeplakat ohne Aussage. Wofür stehen die beiden Politiker? Ich erfahre nur, dass sie grünliberal sind, aber wofür sie sich konkret einsetzen, wird leider nicht klar. Die Aufnahme ist amateurhaft gemacht. Irritierend sind die Farben: Die Frau ist überbelichtet und erhält dadurch auf dem Plakat eine unnatürlich grelle Hautfarbe.»

Die Kandidaten: «Grünliberal als Aussage genügt. Das heisst Wirtschaft stärken. Umwelt schützen. Zukunft wählen.»

Pascale Bruderer, SP

Plakat Pascale Bruderer

Der Experte: «Eine schöne, ruhige Aufnahme. Sie strahlt Kompetenz aus. Es sind Details, die mir an diesem Plakat gefallen. Zum Beispiel das SP-Logo, das zwar abgedruckt ist, aber eher klein und ohne Slogan. Sie bekennt sich zwar zu ihrer Partei, stellt die SP aber nicht in den Vordergrund, will sich so überparteilich wählbar zeigen. Ebenso souverän und klar wie das Layout ist auch der Text «Unsere Ständerätin».

Die Kandidatin: «Ich leite die positive Einschätzung gerne an den Fotografen und Grafiker weiter.»

Hansjörg Knecht, SVP

Plakat Hansjörg Knecht

Der Experte: «Den Wahlspruch finde ich SVP-mässig originell und gelungen! Jedoch ein düsteres Plakat, der Politiker versinkt im Hintergrund. Seit wann dominiert bei dieser Partei Weltuntergangsstimmung? Von Knecht gibt es ein weiteres Plakat, das ihn in einem Getreidefeld zeigt, das gefiel mir besser. Ich würde keinem Politiker empfehlen, mit zwei unterschiedlichen Plakaten Wahlkampf zu machen.»

Der Kandidat: «Warum nicht Wählersegmente spezifisch ansprechen? Der markante Slogan ist eine unverwechselbare Botschaft.»

Martin Killias, SP

Plakat Martin Kilias

Der Experte: «Dieses Plakat wirkt überladen, zu viel Text. Man weiss nicht, wo man hingucken soll. Der Blick springt zwischen Gesicht, Text und Hintergrund hin und her. Unglücklich: Die blaue Fahne wirkt wie ein farbiger Ohrring. Und das mir unbekannte Gebäude soll offenbar eine Beziehung zum Wahlspruch «Natur und Baudenkmäler nicht dem Profit opfern» herstellen. Ein sehr marginales Wahlthema, zu kompliziert umgesetzt.»

Der Kandidat: «Das Plakat zeigt mein persönliches Engagement. Sollten das nur wenige teilen, wäre das kein Argument.»

Irène Kälin, Grüne

Plakat Irène Kälin

Der Experte: «Endlich eine originelle, mutige Idee, die im ansonsten langweiligen Plakatwald auffällt. Man erfährt sofort, dass sich die Politikerin für Lohngleichheit zwischen Mann und Frau einsetzt; sie zeigt Profil. Und doch gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten: Man hätte noch mehr Gesicht zeigen und allgemein die Retusche mit dem Schnauz professioneller ausführen können.»

Die Kandidatin: «Mich freut, dass man(n) sofort begreift, um was es mir geht.»

Ruth Humbel, CVP

Plakat Ruth Humbel

Der Experte: «Das Plakat kommt fast ohne Text aus. Das reicht, weil die Politikerin grosse Bekanntheit geniesst. Das Foto wurde zu stark retuschiert; die Frau auf dem Foto wirkt deutlich jünger, als sie effektiv ist. Dass noch eine zweite Person zu erkennen ist, soll wohl die Fähigkeit der Politikerin zum Dialog unterstreichen. Geschmacksache – für mich ein zu überzeichnetes Sinnbild.»

Die Kandidatin: «Es freut mich, dass Herr Moritzi die Hauptaussage – Dialog – erkannt hat. Alter und Aussehen bespreche ich gerne mit ihm beim Joggen.»

Baden im Wahlschilder-Wald

03.09.2015: Baden im Wahlschilder-Wald