Baden

Wenn Christa Rigozzi als Bundesrätin abtritt

Das Stück «Bleu électrique» der Zürcher Theatergruppe Amalgam thematisierte im ThiK die Gleichstellung von Frau und Mann in der Politik.

Wir schreiben das Jahr 2035: Die Schweiz hat sich durch rechtspopulistische Politik von der Welt abgeschottet. Da die Arbeitsplätze knapp sind, sollen Männer im Arbeitsmarkt den Frauen bevorzugt werden. Politikerinnen, die sich dagegen wehren können, gibt es kaum mehr: Christa Rigozzi ist als letzte Bundesrätin abgetreten und im Nationalrat sitzen gerade noch fünf Frauen.

Wenn niemand der jungen Generation sich auflehnt, müssen halt die Wegbereiterinnen aus der Vergangenheit wieder ran. Die lebhafte Ursula – dargestellt von Schauspielerin Dagny Gioulami –, eine ehemalige Nationalrätin aus dem linken Lager, sucht dabei die freisinnige Erika (Eleni Haupt) auf, die erste Bundesrätin des Landes. Gemeinsam sollen sie gegen die angekündigte Volksabstimmung protestieren.

Voller Tatendrang schreitet Ursula voran und gibt die Statistiken bekannt, die die Gleichberechtigung der Schweiz der Zukunft beschreiben: Frauen verdienen 9 Prozent weniger als Männer, in den Geschäftsleitungen grosser Unternehmen sitzen nur 6 Prozent Frauen, gleichzeitig leisten Vollzeit erwerbstätige Frauen im Durchschnitt 23 Stunden Hausarbeit pro Woche, die Männer lediglich 8. Das Geld für das eidgenössische Büro für Gleichstellung wurde 2015 gekürzt, 2025 – so prophezeit das Stück – wurde es geschlossen.

Das Stück regt zum Denken an

Das fiktive, aus heutiger Sicht etwas absurde Szenario, zeichnet den möglichen Rückschritt im Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. «Die Jungen wissen nicht mehr, dass sie kämpfen können», sagen sie. Dabei seien alle Rechte, die Frauen haben, auch von Frauen erkämpft worden. Umso härter sei es dann, wenn andere Frauen ihre engagierten Geschlechtsgenossinnen als komische Emanzen abtun. «Alles wird zu unserem Nachteil ausgelegt.»

Doch das Stück «Bleu électrique» der Zürcher Theatergruppe Amalgam bietet weit mehr als nur ein Jammern um eine möglich düstere Zukunft. Regisseur Claudio Schenardi hat ein intelligentes, originell inszeniertes und – warum nicht das Wortspiel – elektrisierendes Stück kreiert. Ein Stück, das eher den Intellekt als die Emotionen berührt, das zum Denken anregt und vor allem stark und witzig gespielt ist.

Uchtenhagen und Kopp

Kenner der Schweizer Politikgeschichte erkennen schnell, dass es sich bei Ursula und Erika um Lilian Uchtenhagen und Elisabeth Kopp handelt – oder jedenfalls stark an ihnen angelehnt ist. Und so wird gerade auch der Links-Rechts-Konflikt zwischen den beiden alten Vorreiterinnen interessant. Während Ursula mehrfach bekundet, Gleichstellung sei «keine private Angelegenheit», kontert Erika, wie sie, seit sie in den 50er-Jahren die ungarischen Flüchtlinge aus dem sozialistischen Regime sah, gegen jegliche Form staatlicher Bevormundung sei. «Eine gewisse Gemässigkeit» gehöre zudem zum Schweizer Selbstverständnis, sagt sie, während Opponentin Ursula von der SP kontert: «Du hast einfach nicht gemerkt, dass du das Aufziehpüppchen der FDP warst.»

Erika nagt an den unfairen Beschuldigungen, die sie zum Rücktritt aus dem Bundesrat bewogen hat. Und Ursula nagt an ihrer Nichtwahl, als ihr Parteikollege Otto Stich an ihrer Stelle gewählt wurde, sonst wäre sie die erste Bundesrätin der Geschichte geworden. Frauen seien nach wie vor «die fleissigen Bienen», die sich stets vor den Männern behaupten müssen, die in der Politik die Dossiers viel besser kennen müssen. «Weisst du noch, als der CVP-Präsident ein uneheliches Kind bekam? Er sagte, er habe es mit seiner Frau besprochen – und kam damit durch», erinnern sie. «Für Frauen hingegen gibt es keine Kavaliersdelikte.»

Nach zwei Aufführungen im ThiK in Baden spielt das Stück «Bleu électrique» der Theatergruppe Amalgam dieses Wochenende im Theater Ticino in Wädenswil.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1