Die Regionalpolizei Wettingen-Limmattal möchte gegen Autolärm härter vorgehen und an der Wettinger Land- wie auch an der Neuenhofer Zürcherstrasse entschlossener durchgreifen, berichtete das Badener Tagblatt letzte Woche. Der Artikel und der dazugehörige Kommentar sorgten auf der Redaktion für einige Reaktionen aufgebrachter Anwohner aus der Region. Auch in den Onlinekommentaren zeigte sich, wie sehr sich die Menschen durch übertriebenen Autolärm gestört fühlen. Ein Neuenhofer schreibt dort, er sei deswegen von der Zürcherstrasse weggezogen.

«Wegzuziehen überlege ich mir ernsthaft auch», sagt Roland Gosteli, der seit 25 Jahren in Baden in der unteren Halde lebt. Als Stadtbewohner habe er mit gewissen Grundgeräuschen kein Problem, auch nicht mit der jährlichen Zunahme des Verkehrsaufkommens: «Aber die Explosionen dieser Klappenauspuffe, das macht mich so richtig aggressiv.» Er hatte sich auch schon aufgebracht an Andreas Lang, Kommandant der Stadtpolizei Baden, gewandt, um seiner Wut Luft zu verschaffen. Er versteht nicht, warum die Polizei nicht härter durchgreift: «Warum eine Gruppe von Schwachköpfen ungestraft ganze Quartiere terrorisieren kann, ist mir ein Rätsel», enerviert er sich.

Aufwendige Spezialaktionen

Im April dieses Jahres sagte Kommandant Andreas Lang in einem Interview mit dem Badener Tagblatt, dass die Stadtpolizei verstärkt ein Auge auf die Tuning-Szene habe. Davon merkt Gosteli allerdings nichts, sagt er: «Inzwischen schlafe ich mit Ohrenstöpseln und die Fenster kann ich in Sommernächten auch nicht mehr öffnen.»

Die Stadtpolizei sei sehr wohl aktiv: «Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal Schwerpunktaktionen wie zum Beispiel mehrere Grosskontrollen im Badener Schlossbergtunnel und auch im Vorgelände der Hochbrücke durchgeführt», erklärt Lang. Mit dabei seien Spezialisten vom Bundesamt für Strassen (Astra) gewesen, um mit Lärmmessungsgeräten die Lautstärke und mit Unterbodenspiegeln die Autos zu kontrollieren. «Wir haben einige Fahrzeuglenker büssen müssen. Dies aber nicht nur im Bereich Tuning, sondern auch in anderen Bereichen der Verkehrssicherheit.» Beanstandete Tuning-Elemente würden in der Regel zu Verzeigungen führen und die Fehlbaren müssen danach ihr Auto in den ursprünglichen Zustand setzen lassen. «Wir haben sämtliche verfügbaren personellen Ressourcen sowie modernste Hilfsmittel im Einsatz», so Lang. «Tuning-Kontrollen sind aber sehr personalintensiv und erfordern eine Aktionsplanung von langer Hand.»

Neues Gesetz bringt noch wenig

Neben Aussehen und Leistung ist in der Tuning-Szene die Lautstärke ihres Fahrzeugs ein entscheidender Faktor. Deshalb sind Klappenauspuffe besonders beliebt. Sie sind zum Teil legal, auch wenn sie die Lärmgrenzwerte deutlich überschreiten, sobald die Klappen geöffnet sind. Diese öffnen sich während der Fahrt mittels Tastendruck oder Fernbedienung. Dabei wird ein Teil der Abgase nach aussen umgeleitet, bevor alles durch den Endschalldämpfer geführt wird, heisst es auf der Website klappenauspuff.ch. So entstehe bei geöffneten Klappen ein deutlicher Soundunterschied.

So tönt ein Klappenauspuff:

Youtube/tunevt

Seit 1. Juli 2016 ist EU-weit ein Gesetz in Kraft, das Systeme verbietet, die nur dem Zweck dienen, ein Fahrzeug lauter zu machen. Das Gesetz gilt auch für die Schweiz. Doch es betrifft nur Fahrzeuge, die nach Inkrafttreten des Gesetzes zugelassen wurden. Rückwirkend können die Auspuffe nicht einfach verboten werden, weil dies laut Astra gegen die bilateralen Verträge verstossen würde.

Das Lärmproblem, das mit der «Krawalltaste» ausgelöst wird, wie sie Kurt Ilg aus Rütihof nennt, das werde uns noch Jahre verfolgen. Ilg ist selbst grosser Auto- und Töffliebhaber und besitzt ein Motorrad. Er kennt den Reiz am Lärm, aber achtet darauf, niemanden damit zu stören. «Meine Harley habe ich in einem Industriegebiet parkiert, wo niemand wohnt», erklärt er.

Viele Anwohner beklagen sich über Autolärm

Auch der Rütihofer hatte sich an diese Zeitung gewandt: «Ich will endlich etwas unternehmen. Es gibt hier im Quartier so viele Anwohner, die sich über Autolärm beklagen.» Aktuell ist es vor allem einer, der viele hier ärgere. «Manchmal fährt der mit seinem lauten Gefährt an einem Tag mehrfach hin und her. Da drehe ich fast durch.» Kurt Ilg wohnt nun seit über 20 Jahren in Rütihof, das einst ein kleiner und ruhiger Ort gewesen sei, wie er sagt. Seit gefühlt zwei Jahren sei es mit der Ruhe jedoch vorbei. Bisher habe er sich noch nie bei der Polizei gemeldet: «Das wollte ich nicht, weil ich dachte, wenn man ruhig mit den Verursachern spricht, dann könnte man eine Lösung finden, aber nur von wenigen kommt Verständnis. Manche haben auch schon mit Vorwürfen reagiert: Ich sei ja nur neidisch.» Wenn weitere Gespräche nicht fruchten würden, so werde er in Zukunft aber sicher auch einmal die Polizei rufen.

«Darauf ist die Polizei angewiesen», sagt Kommandant Andreas Lang. «Die 24-Stunden-Patrouillen gehen den Klagen so schnell wie möglich nach.» Die einzige gesetzliche Handhabe, die die Polizei in Sachen Autolärm aber hat, ist Artikel 33 der Verkehrsregelungsverordnung (VRV), der anhaltenden Fahrzeuglärm speziell nachts und in Wohngebieten verbietet. Aber das sei schwierig nachzuweisen, und oft sei es leider so, dass sich die Verursacher, kurz bevor die Polizei auftauche, schnell aus dem Staub machen: «Die Tuning-Szene ist sehr mobil und organisiert. Die warnen einander via soziale Medien.»