Stadtentwicklung

Wakker in den Zerfall: Wieso erhält Baden den Heimatschutzpreis?

Hier trifft man sich nicht: Trafoplatz.

Hier trifft man sich nicht: Trafoplatz.

BT-Kolumne: Simon Balissat versteht nicht, warum Baden mit dem Wakkerpreis geehrt wird.

Baden ist Wakkerpreisträger 2020! Die Stadt habe es verstanden, «mit klugen Investitionen in öffentliche Freiräume Lebensqualität zurückzugewinnen», begründet der Heimatschutz den Preis. Das Badener Tagblatt stimmt direkt in den Lobgesang ein. Lest ihr eure eigene Zeitung nicht? Offenbar reicht es, dass der Heimatschutz Baden mit einem Preis bauchpinselt, und schon ist die Kritik vergangener Tage vergessen.

Dafür gibt es gleich mehrere Indizien. Erstes Beispiel: Trafoplatz. Wann waren Sie das letzte Mal dort? Der Platz ist beklemmender als jeder Hitchcock-Film. Das BT schrieb vor einem Jahr treffend, «der Trafoplatz an der Bruggerstrasse mit seinen Birken und Eichen in klobigen Pflanztrögen wurde von den Badenern nie richtig angenommen». Eben diesen Platz lobt nun der Heimatschutz als Beweis dafür, «dass eine qualitätsvolle Verdichtung nur gelingen kann, wenn die Bevölkerung im Gegenzug hochwertige Freiräume erhält». Ein Platz lebt davon, was um ihn herum passiert: Strassenkaffees an den Rändern würden den Platz aufwerten und zum Freiraum machen. Ein temporäres Bierzelt oder eine Freiluft-Disco hingegen nimmt den Freiraum.

Zweites Beispiel: Theaterplatz. Die einstigen Parkplätze sind dort einem Parkhaus gewichen, es wurde Kies verstreut und sterbende Bäume gepflanzt. Auch diesen Platz hat diese Zeitung oft und zu Recht kritisiert. Ich weiss nicht, wie Sie dieses Parkplatzdach werten, hochwertig ist es nicht.

Wenig Leben auf dem Theaterplatz.

Wenig Leben auf dem Theaterplatz.

Dennoch macht das Beispiel Schule und Baden erhält schon das nächste «lobenswerte» Parkplatzdach, diesmal getarnt als Brown-Boveri-Platz. Die Visualisierungen zeigen, in welche Richtung es geht: Es gibt ein paar Bäume und Kies auf die rund 500 Parkplätze. Eine autofreie Innenstadt bringt gar nichts, wenn die Haselstrasse wegen des Mehrverkehrs kollabiert. Das Problem ist einfach nach draussen verschoben. Dass es anders geht, zeigt Zürich. Die Regierung baut dort Parkplätze ab und wertet die Stadt so tatsächlich auf.

Der Heimatschutz lobt auch den respektvollen Umgang mit den historischen Gärten und Parks. Das sind auch die einzigen öffentliche Räume, die von der Bevölkerung akzeptiert sind. Unlängst musste der Mätteli-Park in den Bädern aber dem neuen Thermalbad weichen. Das respektvoll zu nennen, ist an Zynismus nicht zu überbieten. Zumal sich der Heimatschutz noch vor sechs Jahren zutiefst besorgt gezeigt hatte über die Entwicklung im Bäderquartier. «Wir sind in grosser Sorge und haben den Eindruck, die Stadt mache zu wenig, um dieses Kulturobjekt von nationaler – wenn nicht gar internationaler – Bedeutung zu erhalten», liess sich der Heimatschutz damals im Badener Tagblatt zitieren.

Lese ich in der Begründung des Wakkerpreises zwischen den Zeilen, ist der Preis ein Schuss vor den Bug der Stadtplanung. Man hat Baden diesen Preis gesteckt, bevor es zu spät ist. Ich hoffe doch schwer, dass nach dem anfänglichen Siegesrausch auch Einsicht folgt. Der Preis ist kein Ansporn, den Weg konsequent weiterzugehen, wie das der Stadtrat verlauten liess. Nein, der Preis muss Ansporn dazu sein, es in Zukunft endlich gut zu machen. Das hat auch das Badener Tagblatt einmal gewusst, bevor es den Lockrufen der Wakkerpreis-­Sirenen gefolgt ist.

Simon Balissat (36), in Baden aufgewachsen, lebt in Zürich. Nach über 10-jähriger Radiokarriere (Radio Argovia, Radio 24) schreibt er für galaxus.ch.

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