Baden

Vorzeigeförster Georg Schoop: «Im Wald spüre ich meine Wurzeln»

Georg Schoop, hier vor der Paradies-Eiche unterhalb der Baldegg, liebt vor allem die alten Wälder.

Georg Schoop, hier vor der Paradies-Eiche unterhalb der Baldegg, liebt vor allem die alten Wälder.

Unter der Regie von Stadtoberförster Georg Schoop wurde Badens Wald schweizweit zu einem Vorzeige-Wald.

Es war ein Paukenschlag, als der junge Forstingenieur Georg Schoop 1978 zum Stadtoberförster von Baden gewählt wurde. Sehr bald erwies sich seine Wahl, vorbereitet vom damaligen Stadtammann Victor Rickenbach und Peter Voser seitens der Ortsbürgergemeinde, als Geniestreich und Glücksfall zugleich. Der engagierte Forstingenieur machte den Badener Wald ökologisch wie unternehmerisch schweizweit zu einem Vorzeigewald. Nicht von ungefähr folgte 1986 Schoops Berufung als Dozent für Forstwirtschaft an die ETH, von der er im Jahr 2013 aufgrund seiner Verdienste zum Ehrenrat ernannt wurde.

In einer Zeit des Holzpreiszerfalls setzte Schoop neue Akzente, indem er den Wald als ein ganzheitliches Ökosystem betrachtete, den Nutzungswerten Erholung und Naturschutz materiellen Wert gab und den Forstbetrieb rationalisierte. Er galt als Ökovisionär, der sich den natürlichen Wurzeln und der Nachhaltigkeit verschrieb und als Pionier des Öko-Sponsorings die Werte des Waldes weiten Kreisen der Gesellschaft näherbrachte.

Georg Schoop, hier vor der Paradies-Eiche unterhalb der Baldegg, liebt vor allem die alten Wälder. Alex Spichale

Georg Schoop, hier vor der Paradies-Eiche unterhalb der Baldegg, liebt vor allem die alten Wälder. Alex Spichale

Ein anderes Thema: Die Altlastenproblematik auf dem ABB-Areal führte 1994 zur Gründung der Abteilung Stadtökologie, die mit dem «Richtplan Natur und Landschaft der Stadt Baden» ein wegweisendes Instrument schuf, das der Stadt 1996 den «Swiss Henry Ford European Conservation Award» als Spezialpreis einbrachte. Im Jahre 2005 wurde der Badener Wald mit dem mit 200 000 Franken dotierten Binding-Preis ausgestattet; Schoop selber wurde 2012 Kuratoriumspräsident des Binding-Preises.

Als Ort seines Pensionierungs-Interviews wählte Georg Schoop die «Baldegg», Aussichtspunkt der Stadt Baden, rundum von Wald umgeben. Sein Amt als Stadtoberförster und Leiter Stadtökologie sei bei Sarah Niedermann in besten Händen, hielt der Frischpensionär gleich zu Beginn fest. Ganz arbeitslos ist Schoop zwar nicht, denn seinen Lehrauftrag an der ETH behält er noch ein Jahr lang bei.

Offiziell: Georg Schoop übergibt Sarah Niedermann den Büroschlüssel und drei Stichworte.

Offiziell: Georg Schoop übergibt seiner Nachfolgerin Sarah Niedermann den Büroschlüssel und drei Stichworte.

(26. April 2017)

Herr Schoop, nach über 38 Jahren Wirken für den Badener Wald: Wo liegt die Faszination des Waldes?

Es ist seine enorme Regenerationskraft, wie rasch er sich nach den vielen Stürmen, insbesondere nach Lothar im Jahre 1999 erholte, und zwar fast ausschliesslich durch Naturverjüngung. Beim Badener Wald kommt seine ganz spezielle Lage dazu zwischen Mittelland und Jura, die ihn so besonders macht.

Sie waren bei Amtsantritt mit 26 Jahren weitherum der jüngste Förster.

Ich bewarb mich direkt von der Hochschule herkommend, und meine Wahl war für manche Leute überraschend. Doch ich konnte sehr schnell eine erfreuliche Entwicklung beobachten.

Ihre Art der Waldbewirtschaftung fand damals auch Kritiker.

Zu Beginn musste ich wiederholt gegen Widerstände kämpfen. Auch bei persönlichen Attacken liessen sich diese Kritiker meist durch fachliche Erklärungen überzeugen. Veränderungen führen zu Zweifeln: Weg vom Forst als ein durch Menschenhand geprägtes System, das zu rentieren hat, hin zum Wald als ökologisches System, das sich im Gleichgewicht entwickeln soll, dennoch unter ökonomischen, unternehmerischen Gesichtspunkten.

Was war bei Ihrem Wirken zentral?

Man muss sich die Frage stellen: Was macht den Wald aus? Ich denke da an Werte wie an den Wald als Öko-System, als Lebensraum für Flora und Fauna, als Ort des Naturschutzes, aber auch als Erholungs- und Freizeitraum des Menschen. Da ist es nicht immer einfach, das Gleichgewicht zu finden.

Manchmal auch dadurch, in dem man den Wald sich selbst überlässt?

Das war 1987 der Verzicht auf forstliche Nutzung auf einer naturkundlich wertvollen Waldfläche von rund 30 Hektaren, so im Gebiet Teufelskeller, was aber auch dem Bedeutungsverlust der Holzerlöse als Einnahmensquelle entsprach.

Wo erfolgten in Ihrer Wirkenszeit die prägenden Eingriffe im Wald?

Am Chrüzliberg erfolgte der Umbau vom Nadelforst zum Laubwald, wo man Jungbäume setzen musste. Wir schufen in dieser Zeit zahlreiche Altholzinseln, rund 20 Nassstandorte. Und ein wunderbares Beispiel gilt der Sonnenberg.

Wie hat sich das ökologisch bezahlt gemacht?

In einer wachsenden Artenvielfalt. Der Erfolg der Arbeit zeigt sich darin, dass Neuntöter, Hirschkäfer, Mittelspecht, Gelbbauchunke, Frauenschuh, Feuerlilie und manche Arten zurückgekehrt sind. Verschiedene Spechtarten sind wieder häufiger anzutreffen, ebenso der Edelmarder, Wiesel, Ringelnattern, Eisvogel und Weitere. Das war dank der Zusammenarbeit mit dem Natur- und Vogelschutzverein möglich. Es gelang uns, für solche Lebensräume das nötige Verständnis zu schaffen.

Wie lässt sich heute der unternehmerische Druck auf den Wald bewältigen?

Richtplanung und Öko-Fonds dienen dazu. Heute ist eine nachfrageorientierte Ökonomie erforderlich. Der Wald wird genutzt, touristisch, für die Freizeit, dafür soll auch etwas bezahlt werden. Produkte müssen kreiert werden. Auch das Öko-Sponsoring hat eine Bedeutung erlangt. So sind in den vergangenen 20 Jahren 1,6 Millionen Franken zusammen gekommen. Zudem agiert das Stadtforstamt als Dienstleister für andere.

1994 wurde die Stadtökologie ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Ausschlaggebend war die Altlastensanierung auf dem ABB-Areal, wo eine der grössten CKW-Bodenverschmutzungen der Schweiz vorhanden war, die eine grosse Bedrohung für das Grundwasser primär im Siggenthal darstellte. Vor der Gründung der Stadtökologie wurde eine Vorlage zum Massnahmenplan Luft vom Einwohnerrat abgeschmettert. Dann erhielt ich von Stadtammann Sepp Bürge den Auftrag, etwas aufzubauen. Die Stadt musste im Bereich Umwelt Ressourcen bereitstellen, um all die Herausforderungen zu bewältigen. Für mich war dies letztlich ausschlaggebend, dass ich bei der Stadt Baden geblieben bin.

Die Stadtökologie ist heute ins Sparvisier bürgerlicher Parteien gerückt.

Bis jetzt hat sie mit ihren bescheidenen 1,7 Stellen alle Sparrunden überstanden, und ich hoffe, daran wird sich nichts ändern. Ökologie ist ein riesiges Gebiet. Die Abteilung setzt ihre Schwerpunkte selber. Das begann bei den Altlasten. Dann kamen Naturschutz und Umweltbildung dazu. Und sie ist ein Kind der Einwohnergemeinde – ihr Wirken für die Stadt ist nicht mehr wegzudenken.

Sie haben viele Vorlagen und deren Umsetzungen politisch durchgebracht. Was war Ihr Rezept?

Ich vertrat die Anliegen des Naturschutzes und der Ökologie nie dogmatisch, sondern hatte eine Strategie, die ich mit Nachdruck zu vertreten pflegte. Ich lieferte stets den unternehmerischen Beweis. Dadurch stiess ich bei bürgerlichen Kreisen offene Türen ein. Und die links-grüne Seite konnte sich gegen solche Themen ohnehin nicht verschliessen.

Haben Sie auch Ihre persönlichen Lieblingswälder?

Die alten Wälder sind für mich immer wieder ein meditatives Erlebnis. Da ist bei uns der Eibenwald am Unterwilerberg, oder der Arvenwald von Tamangur im Bündnerwald, und mein absoluter Lieblingswald der Reinhards-Wald mit seinen 400 bis 700-jährigen Eichen, nördlich von Kassel. Der Aufenthalt im Wald bedeutet mir viel, nicht nur beim Joggen, früher noch auf dem Mountainbike. Er war auch in meinem persönlich schwierigen Jahr 2014, als meine Frau und ich gesundheitlich von einem Rückschlag getroffen wurden, für mich sehr wichtig. Der Wald ist für mich ein Ort, wo ich mich als Mensch mit meinen Wurzeln spüre.

Haben Sie in Ihrer Berufszeit auch vom Wald abschalten können?

Das war immer sehr schwierig. Abschalten konnte ich am besten, wenn ich oberhalb der Baumgrenze jeweils in die Ferien ging. Und dann habe ich auch noch ein paar Interessen wie Kunst, Archäologie, Religionen, die mich faszinieren und dann sogar den Wald vergessen lassen.

«Es wird sicher das eine oder andere spannende Projekt geben in nächster Zeit»

«Es wird sicher das eine oder andere spannende Projekt geben in nächster Zeit»

Die neue Badener Stadtoberförsterin Sarah Niedermann freut sich auf ihr neues Amt und sagt im Video-Interview auch, was die Arbeit in Baden besonders macht. (26.4.2017)

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