Erinnerungen

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg: Die Geschichte einer Flucht, die in Baden endete

Das Kriegsende vor 75 Jahren erlebt die junge Jüdin Margit Fern in Frankreich. Später heiratet sie Walter Strauss und lebt in Baden.

«Kirchenglocken verkünden den Abbruch der Kriegshandlungen. Die unsäglichen Leiden der vom Kriege heimgesuchten Völker gehen dem Ende entgegen. Voll Dankbarkeit vereinigen sich unsere Herzen mit Allen, die von Druck und Not befreit werden und denen das Licht der Freiheit wieder leuchtet».

Mit diesen Worten wendet sich Bundespräsident Eduard von Steiger am 8. Mai 1945 über das Radio an die Schweizer Bevölkerung. Den monströsen Massenmord der Nazis erwähnt er in seiner langen Rede mit keinem Wort. Und ob sich sein Herz auch mit demjenigen von Margit Fern vereinigt, dürfen wir aus heutiger Sicht bezweifeln.

Margit Fern ist ein jüdisches Flüchtlingskind. Das elfjährige Mädchen befindet sich bei Kriegsende in einem Dörfchen in Nordfrankreich, wo sie sich mit ihrer Mutter und ihrem Bruder versteckt gehalten hat. Sie ist eine von jenen, die von Steiger nicht erwähnt und an die er in diesem Moment vermutlich auch nicht denkt.

Als Vorsteher des EJPD hat Eduard von Steiger 1942 dem Gesamtbundesrat eine Verschärfung der Asylpolitik beantragt. Unter dem Eindruck der steigenden Zahl von Flüchtlingen an der Westgrenze verfügt der Bundesrat am 4. August 1942, «dass eine wieder strengere Anwendung des Artikels 9 des Bundesratsbeschlusses vom 17. Oktober 1939 geboten ist, künftig also in vermehrtem Masse Rückweisungen von ausländischen Zivilflüchtlingen stattfinden müssen, auch wenn den davon betroffenen Ausländern daraus ernsthafte Nachteile (Gefahren für Leib und Leben) erwachsen könnten.»

Margit, ihr Bruder Arno und ihre Mutter Rosa Fern sind seit 1939 auf der Flucht. Die drei leben bis dahin zusammen mit Vater Jakob in Stuttgart, als im Herbst 1939 alle aus Polen stammenden Juden ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland verlieren. Jakob, der als Jugendlicher aus Polen eingewandert ist, wird sofort ausgeschafft. Margit ist zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zu Besuch bei den Grosseltern in Nürnberg. Sie entgehen der Deportation.

Doch dann kommen die Novemberpogrome. Margits Mutter wird verhaftet und misshandelt, die Wohnung der Grosseltern geplündert und verwüstet. Mit Hilfe ihres Bruders Josef Korngold, der in Strassburg lebt, gelingt die Flucht nach Frankreich. Die drei kommen in Paris bei Verwandten unter. Kurz vor dem deutschen Einmarsch gelingt ihnen abermals die Flucht ins unbesetzte Frankreich. Zunächst leben sie in St.Pancrace, einem abgeschiedenen Dörfchen in der Dordogne, wo sich noch andere jüdische Familien verstecken können.

Wie durch ein Wunder bleibt die Familie unentdeckt

Am 27. März 1944 wird das Dorf von der SS besetzt. Als Vergeltung für einen Angriff der französischen Résistance werden wahllos Einwohner misshandelt und getötet. Wie durch ein Wunder bleiben Margit, Arno und Rosa unentdeckt. Die Lehrerin der Dorfschule hilft ihnen weiter. Arno kommt in ein Waisenhaus, Mutter Rosa findet auf einem Bauernhof Unterschlupf.

Margit wird in ein Frauenkloster in Lalinde gebracht. Hier lebt sie als Klosterschülerin unter falschem Namen. Sie heisst von jetzt an Marguerite Fontaine. Auch andere jüdische Kinder finden hier Zuflucht. Die Oberin kollaboriert mit den Deutschen, verrät die jüdischen Flüchtlinge aber nicht. Nach einigen Monaten kann die Mutter Margit zu sich auf den Bauernhof holen. Das neunjährige Mädchen macht nun Botengänge für die Résistance.

Im Juni 1944 zieht die 2. SS-Panzerdivision auf ihrem Weg an die Front eine Blutspur durch die Dordogne: mehrere Massaker an der Zivilbevölkerung sollen Angriffe der Résistance vergelten. Margit und ihre Mutter fliehen am 10. Juni nachts vom Bauernhof und sehen am Horizont Feuerschein. Erst später erfahren sie, dass die SS in Oradour-sur-Glane 642 Männer, Frauen und Kinder getötet und das Dorf niedergebrannt hat. Den 8. Mai 1945 erlebt Margit mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in Le-Buisson-­de-Cadouin. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, man ist überglücklich, feiert und trinkt Wein – auch die Kinder.

Familie findet dank dem Roten Kreuz zusammen

Nach Kriegsende findet die Familie mit Hilfe des Roten Kreuzes wieder zusammen. Auch Vater Jakob hat überlebt – als Soldat der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion. Die Familie lebt zuerst in Polen, kann dann nach Israel auswandern, kehrt aber schliesslich doch wieder nach Deutschland zurück und lässt sich in Stuttgart nieder.

1961 lernt Margit in den Ferien im Tessin Walter Strauss kennen. Auch er ist in Deutschland geboren und erlebte 1938 in Berlin die Novemberpogrome. 1939 fand er in der Schweiz Zuflucht und arbeitet seither in der Kleiderfabrik seines Onkels Alfred Wolf in Baden. Die beiden heiraten und lassen sich in Baden nieder. Walter Strauss übernimmt 1964 die Kleider­fabrik Baden von seinem Onkel und leitet sie zusammen mit seinem Bruder. Die beiden haben vier Kinder. Walter stirbt 2019, Margit Strauss-Fern am 8. Januar 2020.

Sie war eine der letzten Überlebenden des Holocaust in der Schweiz. Ihre Tochter Anita Winter hat die Gamaraal Foundation gegründet. Die Stiftung unterstützt bedürftige Holocaustüberlebende und engagiert sich auch in der Holocaust-­Education. Im März 2020 hat sie anlässlich der Coronakrise ausserdem eine besondere Hilfskampagne für Holocaustüberlebende und andere von der Coronakrise betroffene Menschen lanciert.

Gemischte Gefühle bei den letzten Überlebenden

Für viele der hoch betagten Holocaustüberlebenden wären die Erinnerungsveranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegs­endes am 8. Mai ein wichtiger Meilenstein gewesen. Sie hätten sich vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben mit anderen Überlebenden treffen können. Dies ist jetzt wegen der Coronapandemie nicht möglich. Der Jahrestag wird deswegen von vielen mit gemischten Gefühlen begangen werden.

Weitere Informationen: www.last-swiss-holocaust-survivors.ch; www.gamaraal.org; www.dodis.ch (e-Dossier: 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa).

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