Zwar liegt der Frauenstreik schon mehr als zwei Wochen zurück, doch Monika Peterhans kommt noch immer ins Schwärmen, wenn sie an die Demonstration denkt. Die 82-jährige Badenerin war am 14. Juni mit einer Freundin nach Aarau gereist und zeigte sich begeistert von der Energie und der Motivation, die bei der Demonstration zu spüren war.

«Die jungen Frauen, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehren und aufständisch werden, haben mich inspiriert», sagt die ältere Dame mit der grauen Kurzhaarfrisur und dem Nasen-Piercing. Inmitten dieser Frauen fühlte sie sich verstanden, hat sie selbst doch auch dafür kämpfen müssen, sich selbst sein zu dürfen.

Bis zu ihrem 40. Lebensjahr lebte Monika Peterhans mit ihrem Ehemann, einem Ingenieur, und ihren beiden Kindern, Sohn und Tochter, im eigenen Terrassenhaus in Nussbaumen. Die Familie lebte ein beschauliches Leben «über dem Mittelstand», wie Peterhans heute sagt: «Aber irgendwann verspürte ich die Lust, mein Leben neu zu gestalten.»

Als die Kinder erwachsen wurden, beschloss sie, sich zur Kosmetikerin ausbilden zu lassen. Während sie die Schule in Zürich besuchte, kümmerte sie sich weiterhin um den Haushalt und die Erziehung der Kinder. 1979 erfüllte sie sich schliesslich ihren Traum und eröffnete zu Hause in Nussbaumen ihr eigenes Kosmetikstudio.

Von der Familie verstossen

Ihrem Ehemann derweil passte diese Entwicklung nicht: «In den Siebzigerjahren galt noch das vorherrschende Rollenbild, dass Frauen nichts verdienen sollen und sich die Männer um das Einkommen kümmern.

Mein Mann akzeptierte meinen Wunsch nicht. Er wollte, dass ich das Studio verkaufe und wieder ‹normal› werde. Er wollte über mein Leben bestimmen.» Für Monika Peterhans wurden die Diskussionen mit ihrem Ehemann zur Qual. Er schikanierte sie, erzählte im Dorf, sie wolle sich «emanzipieren», was damals noch als Schimpfwort galt.

Im Dorf sei sie auf einmal «geächtet» worden, erzählt Monika Peterhans: «Ich sah mich gezwungen, das Haus zu verlassen, um nicht krank zu werden.» Sie floh aus dem Haushalt und zog 1980 ohne Gepäck nach Baden. Ihr Kosmetikstudio brachte sie im Migros-Gebäude beim Busbahnhof unter. Mit ihren Kindern wollte sie den Kontakt halten, allerdings zeigten diese kein Verständnis für ihre Sichtweise – der Vater konnte die Kinder gegen sie aufbringen. «Niemand wollte verstehen, warum ich gegangen bin.

Mir wurde nur immer wieder vorgeworfen, dass ich einfach die Familie verlassen habe», erzählt sie. In dieser Zeit bekam sie viel Unterstützung von den Kundinnen in ihrem Kosmetikstudio – und sie lernte, dass sich viele Frauen zu jener Zeit in ihren Ehen gefangen und unterdrückt fühlten, auch wenn sie die Umstände nicht hinterfragten und sich nicht dagegen wehrten. Diesen persönlichen Austausch schätzt die redselige Dame an der Kosmetikbranche, in der sie in den Folgejahren aufblüht.

Nach der Scheidung 1983 heiratete Monika Peterhans Ende der 80er noch einmal. Auch ihr zweiter Ehemann ist ihr zu besitzergreifend, die Ehe hält gerade mal ein Jahr. Auch die Arbeit setzte ihr zu, musste sie doch fortlaufend ihren Lebensunterhalt finanzieren. Ausgelaugt von der Arbeit und einer Hüftoperation verkaufte sie mit 60 ihr Kosmetikstudio und zog zur Erholung ins Tessin. «Das Leben dort war meditativ für mich, ich war viel in der Natur unterwegs und bin sehr viel Velo gefahren.» Finanziell hält sie sich mit der Kleinkindbetreuung in Fünf-Sterne-Hotels über Wasser. Gleichzeitig verarbeitete sie ihre Geschichte autobiografisch und veröffentlichte sie 2002 unter dem Titel «ICH – Welch ein Abenteuer! Die Geschichte der Anna P.» (ihrem Zweitnamen) als Buch.

Nach einem zweijährigen Aufenthalt in einer «Alters-WG» in Bonaduz GR zog Monika Peterhans 2014 zurück nach Baden – in das Gebäude, in dem sie fast 20 Jahre lang ihr Kosmetikstudio führte. Die Rückkehr nach Baden war auch mit dem Wunsch verbunden, die Geschichte mit ihren Kindern aufzuarbeiten. Zwar hatte sie stets versucht, den Kontakt zum Sohn und der Tochter wiederherzustellen, diese zogen sich allerdings zurück. Bereits Jahre zuvor hatte sie im Internet einen Geschäftspartner ihres Sohnes ausfindig gemacht. Als Peterhans 2014 nach Baden zurückkehrte, drohte dieser dem Sohn, die Geschäftsbeziehungen zu beenden, sollte er sich nicht mit seiner Mutter treffen. Nach mehr als 30 Jahren traf Monika Peterhans ihren Sohn wieder: «Für ihn war das ein Zwang. Meine Kinder werfen mir immer noch vor, die Familie damals verlassen zu haben. Warum mir nichts anderes übrig blieb, als zu gehen, interessiert sie bis heute nicht.» Ihre Tochter verweigert seit Jahrzehnten jegliche Kontaktaufnahme.

Vorkämpferin für Frauenstreik

Heute lebt die 82-Jährige von der AHV und Ergänzungsleistungen. Ihr «Tabubruch» vor 40 Jahren begleitet sie noch immer – ihre Geschwister lehnten ihren Lebenswandel ebenfalls ab, auf Verständnis für ihren Wunsch nach Selbstbestimmung stösst sie bei Gleichaltrigen selten. «Im Grunde verlor ich alles, was mein damaliges Leben ausmachte. Aber ich habe mich selbst gefunden und das ist mir bis heute das Wichtigste», erzählt sie und lächelt. Sie blickt auf zum Schweizer Schutzpatron Bruder Klaus – auch dieser verliess mit 50 seine Bauernfamilie mit zehn Kindern und wurde als Einsiedler ein bedeutender geistlicher und politischer Berater. Noch immer besucht Peterhans seine Gedenkstätten in der Innerschweiz.

Natürlich habe sie immer wieder überlegt, zurückzugehen – mit den Kindern und ihrem Ehemann, der vor einigen Jahren starb, wieder zusammenzuziehen, was von diesen allerdings abgelehnt wurde. Mit ihrer Geschichte will Monika Peterhans ein Zeichen setzen: für mehr Selbstbestimmung als Frau und dafür, das eigene Leben intuitiv zu gestalten. Von ihrer Generation hingegen wünscht sie sich mehr Offenheit und mehr Konversation.