Es ist noch früh am Morgen. Ryan Sanders schlendert Hand in Hand mit seiner Freundin durch die verregneten Strassen Badens.

Trotz des schlechten Wetters zeichnet sich ein – etwas müdes – Lächeln in seinem Gesicht ab. Die beiden sind unterwegs ins Mr. Pickwick Pub, wo Sanders inzwischen ein bekanntes Gesicht ist. Hier schenkt er Bier aus, sofern er nicht gerade an seiner Musikkarriere arbeitet.

Ryan Sanders lebt seit etwas mehr als einem Jahr in der Schweiz. Trotz dieser nicht allzu langen Zeit ist die Stadt Baden für ihn zur Heimat geworden: «Die Stadt ist voller Kultur, das gefällt mir hier so gut», sagt er in seiner Muttersprache Englisch.

Geboren wurde Sanders 1993 im englischen Manchester. Nachdem seine Eltern verstarben – mehr möchte er dazu nicht sagen –, zog er mit seinem grossen Bruder und seiner grossen Schwester nach Sydney, Australien. Genauer gesagt: in einen kleinen Vorort der weltbekannten Stadt namens Freshwater.

Während er gemeinsam mit seinen Geschwistern in Australien lebte, entdeckte der damals Neunjährige seine grosse Leidenschaft: die Musik. Diese Passion ist auch der eigentliche Grund, weshalb Ryan Sanders in die Schweiz gekommen ist.

«Ich hielt es für einen Scherz»

Die ersten Erfahrungen in der Musikbranche machte Sanders, als er 2013 bei der australischen Version der bekannten TV-Castingsendung «The Voice» teilnahm.

Obwohl diese Erfahrung seinen Traum bestärkte, Berufsmusiker zu werden, war die Zeit bei «The Voice» alles andere als einfach: «Es ist ein grosser emotionaler Stress, besonders wenn die Reise dann zu Ende ist. Wenn man eine Runde weiter kommt, wird man aufgebaut, man gibt Interviews und kann auftreten. Als ich aussgeschieden bin, haben sie mich fallen gelassen, dann war es einfach vorbei», erzählt der leidenschaftliche Musiker und schüttelt den Kopf, als könnte er es immer noch nicht fassen.

Trotz der schweren Zeit hatte die Sendung ihr Gutes: Er wurde entdeckt. So bekam er eines Tages ein E-Mail eines Schweizer Musikproduzenten, der nicht namentlich genannt werden will. Die Nachricht kam für Ryan Sanders völlig unerwartet. «Ich dachte, dass mir jemand einen Streich spielen will und antwortete ihm gut zwei Monate lang nicht», sagt Sanders und lacht.

Als er dem Produzenten und Manager schliesslich eine Antwort schickte, kam von diesem sofort eine Nachricht. Er teilte Sanders ein Datum mit, an dem er in Sydney sei. «Daraufhin trafen wir uns in Sydney für fünf Stunden. Am nächsten Morgen fragte er mich, ob ich in die Schweiz kommen würde, um Musik zu machen», sagt Sanders. Dieses Angebot nahm er sofort an: «Ich musste nicht überlegen. Ich hatte nichts zu entscheiden, Zusagen war die einzige Option. Ich fühlte, dass das hier etwas Grosses werden könnte. Dies ist meine grosse Chance, die Möglichkeit das zu tun, was ich liebe.»

Und so lebt Sanders seit Anfang des letzten Jahres in Wettingen. Er hatte in der Schweiz auch schon mehrere kleine Auftritte mit dem schweizerisch-dänischen Musiker-Duo «Karavann», das er als Sänger und mit der Gitarre unterstützt. Auch im «Mr. Pickwick» hat er schon öfters die Gäste mit seiner Musik begeistert. Die Stilrichtung der Lieder lässt sich nur schwer einordnen. Akustische, romantische Stücke mischen sich mit experimentellem Pop und ergeben ein erfrischendes Musikerlebnis.

Die Stadt mit besonderem Flair

Sein Job im «Mr. Pickwick», dem er neben seiner Musikkarriere nachgeht, ist für ihn mehr als nur Arbeit: «Hier trifft man Leute, die von überall auf der Welt stammen. Und es gibt immer wieder neue und spannende Geschichten zu hören.» Mit einem frechen Grinsen fügt er an: «Wie meine zum Beispiel.» Im Moment sei es jedoch sehr streng, da er neben dem Pub und der Musik kaum noch Zeit für sich selbst habe.

So gibt er alles: in der Musik, in der Bar oder wenn er für das Würenloser Rugby-Team in einem Spiel zum Einsatz kommt. Dies bestätigt auch seine Freundin: «Egal, was er anpackt, er gibt immer hundertprozentigen Einsatz. Sei es, wenn es darum geht, von einem Tag auf den anderen auf einen anderen Kontinent ziehen, oder aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbst das Bier zapft er mit Leidenschaft.»

Als Ryan Sanders im Februar 2015 in die Schweiz kam, entschied er nach drei Wochen Aufenthalt, zu bleiben: «Es gefiel mir so gut, dass ich beschloss, mir hier etwas Neues aufzubauen.» Die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, sei ihm nicht schwergefallen: «Hier, im Zentrum Europas zu leben, ist für mich die Möglichkeit, die Welt zu entdecken.» Trotzdem will er nicht weg von Baden. Es seien die Leute, die Restaurants und Bars, das gesamte Flair der Stadt, die sie zu einem ganz besonderen Ort mache, schwärmt der 22-Jährige.

Er habe auch nicht geplant, in der nächsten Zeit nach Australien zurückzukehren. Auch nicht für einen kurzen Besuch. Dafür hat der Wahl-Badener auch gar keine Zeit. Erscheint doch im Verlauf dieses Jahres das erste Album von Ryan Sanders zusammen mit dem Duo «Karavann».