Die kurzen, petrolfarbenen Haare der Sängerin Sarah Reid sind das Erste was die Gäste von der Band Nobody Reads durch ein Muster von Fahrradspeichen erspähen. Vorfreudig stehen die Besucher vor dem ersten Konzert dieses Samstagnachmittags in der «Bike Zone» beieinander.

Während ihre zwei Bandkollegen noch die Instrumente einstimmen, ergreift Sarah die Gelegenheit und erzählt, wovon das erste Lied handelt. Die Geschichte vom geplanten Mord an einem tyrannischen Vater klingt herrlich absurd, doch Reids Charme und ihr dreckig-ansteckendes Lachen nehmen einen sofort für sie ein.

Die selbst ernannten «Misbehaved Kids» besingen weniger Liebe und Liebeskummer, sondern beweisen, dass grosse Gefühle auch anderswo lauern. Reids Stimme ist kraftvoll und vielseitig. Wie die beschriebenen Geschichten in ihren Liedern ist sie mal provokant und aufmüpfig, mal ironisch, dann wieder offen verletzlich.

Das nächste Konzert findet in der «Werkstatt» statt. Der Ort ist ein Hingucker. Zwischen allerlei Brocki-Möbeln, einer ausgedienten Schaufensterpuppe, Pflanzen und einer Schreibmaschine führt eine Treppe hinunter in den dunklen Clubraum.

Es ist ein Gefühl des Abtauchens, als man hinuntersteigt und Schritt für Schritt von elektronischem Pulsen umfangen wird. Um einen Tisch voller technischer Gadgets – Synthesizer, Macbook, DJ Pult, Sample Pad und Mikrofone liegen dicht beieinander – stehen drei junge Frauen, die unter dem Namen «Acid Amazonians» improvisierten Electro bieten.

Eine von ihnen singt mit einer elektronischen Gitarre ins Mikrofon; ihre Stimme klingt fremdartig verzerrt, als hörten wir ihre Stimme unter Wasser.

Nicht alle Besucher fanden Platz

Für das dritte Konzert tauchen wir wieder an die Oberfläche. Die Stadtbibliothek füllt sich schnell für die vier Luzerner von «Jon Hood». Die Band ist eine echte Entdeckung. «Body Semantics» heisst das Debütalbum dieser jungen, aber äusserst vielversprechenden Popband. Kein Lied gleicht dem andern und doch verbindet die Lieder ein unvergleichlicher Stil, der verträumt und verspielt daherkommt.

Die beiden nächsten Stadtkonzerte im Restaurant Rebstock und der Cava Bar bezeugen den Erfolg des «One of a Million»-Festivals, aber auch dessen Wachstumsschmerzen: Beide Räume sind sehr schnell sehr voll, sodass lange nicht alle Besucher einen Platz finden.

Dem amerikanischen Singer-Songwriter Adam Torres lässt sich aber auch von draussen lauschen. Sein Landsmann, der New Yorker Seth Faergolzia, spielt kurz darauf in der Cava Bar ein Konzert, das mit den vielen Loops und gekonnten Improvisationen für eine musikalische Überraschung nach der anderen sorgt.

Animiert geht es weiter ins «Joy», wo «Tatum Rush» nun definitiv die Partynacht einläuten: Ihre Musik ist äusserst tanzbarer Lo-Fi Funk und die drei Künstler beweisen auch gleich wie das geht: Mit Glitzerhosen, perlenbestickten Hemden, Sonnenbrille und Kopftuch tanzen sich die Performancekünstler von «Tatum Rush» mit den Besuchern für die Nacht warm.

Nach einer abendlichen Stärkung beim Foodtruck vor der Stanzerei, geht es drinnen mit der englischen Band Chelou weiter. Klar geprägt vom englischen Alternative/Indie Genre zeugen «Chelous» Lieder von einer melancholischen Nachdenklichkeit, die einen davonträgt.

Wilder 80er-Sound und Nintendo

Nebenan in der Druckerei wechselt die Atmosphäre wieder komplett: Die Band Berndsen mit Frontmann David, ein exzentrischer Isländer mit rotem Bart und pinker, bestickter Pufferjacke spielt wilde 80er-Musik. Zuweilen erinnern bestimmte Elemente an die ersten Nintendo-Spiele, dann wieder an «Guns’n’Roses» oder Freddy Mercury.

Am Keyboard spielt Hermigervill, der letztes Jahr ein unvergessliches Solokonzert gegeben hat. Unverhofft gibt er zum Schluss eine Zugabe und reisst das Publikum sofort wieder mit.

Auch im «Royal» tauchen wir noch einmal ein in ein Gesamterlebnis: «Vouipe» spielen experimentellen Electro. Die Wirkung des Konzerts ist nicht zuletzt der aufwendigen Lichtinstallation geschuldet, inmitten derer die beiden Künstler stehen.

Noch bis in die frühen Morgenstunden finden Konzerte in der Stanzerei und ein DJ-Set der Band Berndsen statt. Mit so einem Auftakt dürfen wir gespannt sein, was die nächsten Tage am «One Of A Million» bereithalten.