An einem Mittwochnachmittag im Frühling toben Kinder durchs Haus. Andere bleiben staunend stehen und bewundern die vielen Spielsachen. Wieder andere lesen Bücher oder bauen Türme aus Bauklötzen, bis sie krachend zusammenfallen. «Wir haben schier unendlich viele kleine Schätze», sagt Marcel Kaysel schmunzelnd. «Es gibt für jeden etwas zu entdecken. Bei uns soll man hemmungslos neugierig sein dürfen.» Es gibt Tage, da kommen um die 400 Besucher ins Schweizer Kindermuseum in Baden.

In der Villa am Ländliweg hat sich im vergangenen Jahr viel verändert. Das Logo und der grafische Auftritt wurden neu gestaltet. Die Dauerausstellung wurde komplett überarbeitet. Es war eine sanfte Erneuerung, aber eine mit grosser Wirkung: In der Ausstellung gibt es jetzt neue Hörstationen mit spannenden Geschichten, neue Touchscreens, auf denen Kinder und Erwachsene die Ausstellungsstücke in interaktiven Kurzfilmen wiederfinden.

Die Entstehungsgeschichte des Autos oder der Spanischbrötlibahn, die als Blechspielzeug in der Ausstellung stehen, wird anschaulich und unterhaltsam in den Filmen erzählt. Vieles ist digitaler geworden, aber trotzdem kann man nach wie vor alle Objekte in natura bestaunen. Im grossen Salon im Erdgeschoss laden jetzt lebensgrosse Figuren dazu ein, ihren Lebensgeschichten aus drei Jahrhunderten zu lauschen – die Rolle des Kindes steht dabei stets im Zentrum.

Sanfte Umgestaltung

Die sanfte Umgestaltung der Dauerausstellung ging fast lautlos vonstatten. Im laufenden Betrieb – das Kindermuseum war immer offen – haben die Museumsleiter Daniel und Marcel Kaysel gemeinsam mit ihrem Team die Ausstellung umgebaut, Hörspiele und Filme konzipiert und nicht zuletzt sämtliche Schriften im Haus erneuert. «Es sind kleine Dinge, wie etwa den Museumsbesuchern Sehhilfen oder zusätzliches Wissen zu bieten», erklärt Daniel Kaysel.

«Die Veränderungen sieht man kaum, aber es steckt viel Arbeit dahinter», erzählt sein Bruder Marcel Kaysel und lacht. Das Ergebnis scheint gut anzukommen: «Mich hat es erstaunt, wie die Kinder sich gespannt an die Hörstationen setzen und sehr aufmerksam zuhören.»
Im ersten Stock locken rund um den «Raum der fünf Sinne» der Theatersaal, die kleine Bibliothek, das Schulmuseum und ein Saal voller Spielzeug aus aller Welt.

Hier prangt jetzt auch ein prächtiger neuer Globus. Es gibt längst nicht nur Spielsachen in diesem Haus: Die Dauerausstellung zeigt 300 Jahre Kinderkultur in all ihren Facetten.

Das Museum will auch ganz bewusst nicht nur ein Museum für Kinder sein. Die Entwicklung der modernen Pädagogik hat in der Ausstellung genauso ihren Platz wie früher. Das Kindermuseum ist und bleibt auch ein Pädagogisches Museum – das ist einzigartig in der Schweiz. Es gibt Führungen explizit für Erwachsene, oft kommen Studentengruppen zu Besuch, nicht zuletzt aus Japan.

Aber Kinder sollen sich in diesem Haus wohlfühlen, selbstständig oder mit Eltern und Grosseltern auf Entdeckungsreise gehen und nach Herzenslust spielen können.

Leise Zukunftspläne

Ebenfalls eine gute Neuigkeit für das Museum: Die Stiftung Schweizer Kindermuseum – nicht zu verwechseln mit dem Förderverein, der den Museumsbetrieb trägt – hat vor kurzem eine zweckgebundene Schenkung bekommen. Damit konnte die Stiftung ein Haus am Ländliweg erwerben, in dem bisher schon ein Lager des Museums untergebracht war. «Das ist für uns sehr wertvoll», sagt Marcel Kaysel. «Es sichert unser Depot langfristig.»

Und es gibt die Möglichkeit, über kleine Ausbaupläne nachzudenken. So könnten beispielsweise dereinst die Büros des Kindermuseums umziehen und Platz machen für eine grössere Ausstellungsfläche. «Aber das sind bisher erst leise Zukunftspläne», sagt Daniel Kaysel. «Ideen gibt es viele. Die Ausstellung soll sich weiterwandeln können.

Fertig wird sie nie sein.» Angefangen hat alles 1985, als Sonja und Roger Kaysel in zwei Zimmern im Haus zum Schwert am Badener Oelrain das «Museum Kind und Spielzeug» eröffneten. Sie haben die Sammlung über 40 Jahre hinweg in akribischer Kleinarbeit und mit schier unglaublicher Leidenschaft aufgebaut.

Tausende Objekte sind so zusammengekommen. Sonja und Roger Kaysel sind immer noch regelmässig im Museum anzutreffen und stehen mit Rat und Tat zur Seite. Die operative Leitung liegt aber mittlerweile ganz bei ihren Söhnen. Mit viel Herzblut führen sie die Arbeit der Eltern weiter.

Daniel und Marcel Kaysel verbringen viel Zeit im Museum. «Marcel ist ein leidenschaftlicher Sammler. Er hat dieses Gen von den Eltern geerbt», erzählt Daniel und lacht. Er selbst schliesst gerade ein Nachdiplomstudium in Museumsarbeit ab. «Mir liegt das Sammeln weniger. Aber wir beide ergänzen uns ideal.»

Dichtes Programm

Dank einer grosszügigen privaten Schenkung konnte das Kindermuseum schon 2002 in die herrschaftliche, fünfstöckige Villa Funk am Ländliweg umziehen. Das war ein Quantensprung in der Geschichte des Museums. Seither ist auch das Team gewachsen, seit zwei Jahren verstärkt es Reto Boschung als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Wirtschaftlich ist das Museum eine grosse Herausforderung. Dank der Unterstützung durch die Stadt Baden und den Kanton Aargau, aber auch durch zahlreiche Gönnerbeiträge und private Spenden ist der Betrieb überhaupt möglich. «Die Besucherzahlen sind erfreulicherweise konstant hoch», sagt Daniel Kaysel. «Wir sind relativ stark vom Wetter abhängig. Doch selbst im letzten Sommer, als es so lange heiss und schön war, hatten wir sehr gute Besucherzahlen.»

Das Schweizer Kindermuseum zählt seit Jahren zu den neun kulturellen Leuchttürmen im Aargau, die weit über die Kantonsgrenzen hinausstrahlen. Letztes Jahr kamen über 26 000 Gäste. Es ist damit das meistbesuchte Museum in der Region Baden.

Das Jahresprogramm ist dicht und abwechslungsreich. In den Frühlingsferien gibt es ab nächster Woche wieder Ferienkurse, im Sommer steigt das Solarmobilrennen auf dem Bahnhofplatz. Die Startplätze sind längst alle vergeben.

Und dann gibt es schon bald eine neue Ausstellung: «Nach dem Fliegen kommt jetzt das Weltall an die Reihe», erzählt Daniel Kaysel. 50 Jahre nach der ersten Mondlandung wird im Herbst die Sonderausstellung «Rakete, Mond und Sterne. Eine Reise durchs Universum» eröffnet.

Die nächste Weihnachtsausstellung ist auch bereits in Arbeit: Nach dem Gastland Frankreich ist dieses Jahr Tschechien an der Reihe. Das Team des Kindermuseums ist jetzt schon für beide Ausstellungen unter Hochtouren am Werken und Wirken.