Sonnenstrahlen dringen durch die grossen Fenster der Krypta unterhalb der Sebastianskapelle und lassen die Gruft hell erstrahlen. Das warme Licht lässt beinahe vergessen, dass im hinteren Teil des Raumes über 300 Schädel dicht aufeinandergeschichtet sind. Hier waren früher 15'000 Skelette aus ausgehobenen Gräbern stapelweise eingemauert. Nur die Fenstermalereien des Zürchers August Frey von 1938 erinnern an die frühere Funktion der Kapelle als Krypta, Ossarium oder Beinhaus: Freys Totentanz zeigt, dass der Tod jeden Menschen einholt – ob den armen Bauern, den reichen Geschäftsmann, Pfarrer oder Kinder. Rund 40 Ossarien oder Beinhäuser gibt es heute noch in der Schweiz.

Im Stadtturm in Baden war bis 1984 ein Untersuchungsgefängnis untergebracht. Einblick in die Zellen. Im Bild: Stadtführer Fredy Hauser weiss viel über den Stadtturm zu erzählen.

Fredy Hauser, Stadtführer

Das Beinhaus an der südlichen Hangkante des Kirchhofs errichtete die Stadt im Jahr 1480 neben der rund 20 Jahre vorher erbauten katholischen Stadtkirche. Stadtführer Fredy Hauser sagt: «Aufgrund der Pestepidemien, die ab Mitte des 14. bis ins 17. Jahrhunderts die Schweiz immer wieder heimsuchten, war der Friedhof rund um die Kirche voll.» Die Toten beziehungsweise deren Schädel oder Oberschenkelknochen seien deshalb ausgegraben und im Ossarium bestattet worden. Die Gruft war zudem Bestandteil der Wehrbefestigung.

«Das erkennt man noch heute an der Mauer, die auf der Südseite über zwei Meter dick ist.» In Richtung Graben befindet sich der letzte, noch übrig gebliebene Teil der Befestigung.
Erst in den Jahren 1503 bis 1505 wurde über dem Beinhaus die Kapelle gebaut, die den Heiligen Drei Königen geweiht wurde. «Zweistöckige Kapellen sind heute selten», sagt Hauser, «entsprachen aber dem damaligen gotischen Stil».

Eine Schachttreppe und eine steile Innentreppe führen hinunter in das Beinhaus, das Reich der Toten. Bis vor wenigen Jahrzehnten lag ein Totenkopf in der Fensternische neben dem Eingang, gleich unterhalb des Auferstehungsreliefs des Badener Künstlers Walter Squarise aus dem Jahr 1937. Das Innere schmücken drei Statuen aus dem 17. Jahrhundert. «Elisabeth von Thüringen und die Nothelferin Margareta mit dem Drachen als Sinnbild der Versuchung schuf der berühmte deutsche Bildhauer Bartholomäus Cades, der von etwa 1600 bis 1630 in Baden wohnte», sagt Hauser.

Die dritte Statue zeigt Sebastian, der unter anderem als Schutzheiliger von den Badener Stadtschützen und gegen die Pest angebetet wurde. «Er gilt auch als Schutzheiliger der Homosexuellen.» Seit 1811 ist er Schutzherr der gesamten Kapelle.
Als es nach der Französischen Revolution tabu war, Leichen mitten unter den Lebenden zu begraben, wurde der Friedhof 1821 an die Bruggerstrasse ausgelagert. Somit hatte auch die Krypta ausgedient.

1935/36 wurde das ganze Gebäude renoviert. Seither werden in der Krypta nur noch Gottesdienste gehalten, beispielsweise der spanische oder der englische Gottesdienst. Via Stadtführer ist der Raum auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Der obere Kapellenraum wurde profaniert, sprich entweiht, und wird heute als Vortrags-, Konzert- und Versammlungsraum genutzt.