Herr Schmid, in Spreitenbach sind gleich mehrere Grossprojekte mit insgesamt 1300 Wohnungen in der Pipeline. Haben Sie keine Angst, dass Spreitenbach, wie andere Gemeinden mit «toten» Wohnbausiedlungen zu kämpfen haben wird?

Valentin Schmid: Nein,  Spreitenbach hat ein Manko an neuen Wohnungen, denn es wurde sehr lange Zeit nichts gebaut und wie im gesamten Limmattal gibt es auch bei uns ein grosses Bedürfnis nach neuem Wohnraum. Damit dieser wirklich gefragt ist, muss natürlich die Qualität stimmen.

Mit attraktiven Wohnungen alleine lockt man aber noch keine gut verdienenden Mieter an.

Wichtig ist natürlich auch, dass der Anschluss an den öffentlichen Verkehr gewährleistet ist, das ist bei diesen Projekten der Fall. Sobald die Limmattalbahn gebaut ist, haben wir eine sehr attraktive Verbindung zu den Bahnhöfen Killwangen-Spreitenbach und Dietikon.

Die Limmattalbahn ist ein wesentlicher Treiber der Bautätigkeit. Doch dem Jahrhundertprojekt wirken zahlreiche Einsprachen entgegen. Hat die Gemeinde einen Plan B, falls sich der Bau der Bahn um mehrere Jahre verzögert?

Bereits heute haben wir ja die Erschliessung mit den Buslinien Richtung Baden-Wettingen und Dietikon. Einen Plan B brauchen wir deshalb nicht. Allerdings werden wir beim Quartier Kreuzäcker, das jetzt in Spreiti-Ost entsteht, eine provisorische Bushaltestelle einrichten, damit die Anbindung an den öV gewährleistet ist.

Die Erfahrung anderer Gemeinden zeigt, dass Neubauten oft von Leuten aus der Gemeinde bezogen werden und in den alten, günstigen Bauten erneut weniger gut verdienende Steuerzahler nachrücken. Warum sollte dies in Spreitenbach anders sein?

Sicher findet innerhalb der Gemeinde eine gewisse Wanderung statt. Aber bei den neuen Überbauungen Brüelpark und Sternenfeld kommen die Neuzuzüger aus dem Raum Zürich und dem Aargau. Insofern gehe ich von einer guten Durchmischung der Bevölkerung aus.

«Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in einem der neuen Hochhäuser zu wohnen»

«Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in einem der neuen Hochhäuser zu wohnen»

Ein Gespräch mit dem Spreitenbacher Gemeindeammann Valentin Schmid.

Auf der einen Seite hat Spreitenbach das idyllische Dorfquartier mit Einfamilienhäuschen um den alten Dorfkern, auf der anderen Seite entsteht quasi ein neuer Stadtteil. Wie lässt sich das zu einem stimmigen Ganzen verbinden?

Es entsteht ja nicht ein neuer Stadtteil in dem Sinne. Es ist eine Innenentwicklung und Aufwertung des Gebiets mit viel Freiraum und Grünflächen und dem Stadtpark als verbindendem Element zwischen den angrenzenden Quartieren. Da wollen wir auch die Fusswegverbindungen aufwerten.

Und was entgegnen Sie Spreitenbachern, die sagen, sie wollen nicht noch mehr Hochhäuser oder die finden, die geplanten zwei Hochhäuser seien zu hoch?

Dafür habe ich absolut Verständnis. Ich war zuerst auch kritisch und musste mich überzeugen lassen, dass es stimmige Projekte sind, auch die beiden geplanten Hochhäuser beim Shoppi. Man muss auch sehen, dass mit dem neuen Raumplanungsgesetz das Verdichten nach innen zwingend ist und wir damit nur den Weg einschlagen, den das Volk vorgegeben hat.

Alteingesessene Spreitenbacher erinnern sich noch an die gescheiterten Bauprojekte der Shoppi-Hochhäuser Nummer 3 und 4 und befürchten, dass auch bei diesem Projekt plötzlich das Geld fehlen könnte.

Das stimmt. Man hat natürlich nie eine 100-Prozent-Garantie. Aber hier sind institutionelle Anleger, wie Immobilienfonds oder Pensionskassen dahinter, die ihr Geld anlegen. Damals beim Bau des Tivoli ging der Generalunternehmer bankrott, nicht der Investor. Die Migros ist dann eingesprungen und hat einen grossen Teil übernommen.

Bis auf 15 000 Einwohner soll Spreitenbach in den kommenden Jahren wachsen. Hört man sich im Dorf um, so fragen sich viele, ob die Gemeinde die Infrastruktur dafür stemmen kann. Stichworte: Schulraum, Abwasser, Strassennetz.

Mit der räumlichen Entwicklungsstrategie, die wir in den letzten vier Jahren erarbeitet haben, hat sich gezeigt, dass Spreitenbach ohne Qualitätseinbussen auf rund 18 000 Einwohner anwachsen könnte. Die Infrastrukturen sind grösstenteils vorhanden oder in der langfristigen Finanzplanung vorgesehen. Auch unsere Schulraumplanung ist auf dieses Wachstum ausgelegt. Wir sind also auf der sicheren Seite.

Das Dorf ist eigentlich seit je die «Agglogemeinde» der Schweiz. Doch mit dem Spreiti-Boulevard, dem Stadtpark und einem Kinokomplex geht die Entwicklung eindeutig in Richtung urbane Kleinstadt. Werden oder wollen Sie den Tag erleben, an dem es heisst, Spreitenbach ist ab heute offiziell eine Stadt?

Laut Bundesamt für Statistik sind wir mit über 11 000 bereits eine Stadt. Doch der Spreitenbacher fühlt sich im Dorf zu Hause. Und es fehlen die Identifikationsmerkmale, die das Dorf zu einer Stadt machen, wie etwa Stadtkern, Blockrandbebauungen, Häuserzeilen. Wir sind sicher kein kleines Dorf mehr, aber auch keine Stadt. Wir bleiben eine Gemeinde!

Bis sämtliche Projekte realisiert sind, dürfte es noch einige Jahre dauern, doch die Zentrumsentwicklung beinhaltet bereits das Gebiet Spreiti-West mit einem Entwicklungshorizont nach 2030. In welche Richtung soll es dort gehen?

Wir sind mit Investoren für dieses Gebiet im Gespräch. Es wird sicher keine Hochhäuser geben bei der alten Ikea. Unsere räumliche Entwicklungsstrategie sieht aber sicher Bauten mit mehr als drei oder vier Geschossen vor. Vielmehr lässt sich momentan dazu nicht sagen, weil es eine BNO-Anpassung brauchen wird, bei der die Bevölkerung wieder mitreden kann.