Baden-Dättwil

Unterirdische Asylunterkunft: Das Kantonsspital zieht Bilanz mit gemischten Gefühlen

Seit einem Jahr leben in den geschützten Operationsstellen (Gops) im Kantonsspital Baden rund 200 asylsuchende Männer. Mario Heller/Archiv

Seit einem Jahr leben in den geschützten Operationsstellen (Gops) im Kantonsspital Baden rund 200 asylsuchende Männer. Mario Heller/Archiv

Seit einem Jahr besteht die Asylunterkunft für 200 Personen im unterirdischen Notspital. Trotz Ausbleiben gröberer Zwischenfälle ist der Chef des Kantonsspitals Baden froh, wird die Unterkunft im Frühling 2017 aufgehoben.

Der Zwischenfall in der unterirdischen Asylunterkunft des Kantonsspitals Baden (KSB) ereignete sich vor einer Woche: Ein Somalier verletzte in der Unterkunft der geschützten Operationsstellen (Gops) einen Landsmann mit einem Messer. Doch abgesehen von diesem Vorfall erhält man den Eindruck, in der KSB-Asylunterkunft, wo seit einem Jahr rund 200 asylsuchende Männer leben, läuft alles rund – entgegen den Befürchtungen, die vor der Inbetriebnahme kundgetan wurden.

Tatsächlich zieht Kantonsspital-Chef Adrian Schmitter eine verhalten positive Bilanz: «Das Ganze läuft relativ gut, vor allem auch dank der professionellen und ständigen Betreuung.» Natürlich gebe es immer wieder kleinere Sachen, aber grundsätzlich würden sich die Gops-Bewohner an die Hausregeln halten. «Die Männer dürfen das Spitalareal – insbesondere die Cafeteria und den Park – nicht betreten, damit der Spitalbetrieb nicht gestört wird», präzisiert Schmitter.

Im Keller: So sieht es in dem unterirdischen Not-Spital in Muri aus.

Im Keller: So sieht es in dem unterirdischen Not-Spital in Muri aus. (11.12.2015)

Der Kanton Aargau schafft weitere Plätze für neu eintreffende Asylbewerber. Er will künftig in den unterirdisch gelegenen, so genannten Geschützten Operationsstellen (GOPS) der Spitäler Baden, Laufenburg, Muri und Aarau Unterkünfte einrichten.

Weil Besucher und Patienten auf dem Weg zum Parkhaus den Gops-Eingang passieren müssen, habe die Spitalleitung zusätzliche Sicherheitsmitarbeiter angestellt. «Das hat sich absolut bewährt. Wir haben bis jetzt nur vereinzelt Reklamationen erhalten», so Schmitter.

Laut Spitalchef hänge dies nicht zuletzt auch mit dem Umstand zusammen, dass die Situation verglichen mit den 1990er-Jahren, als im KSB ebenfalls Flüchtlinge einquartiert wurden, deutlich angenehmer ist. «Damals gab es auch seitens des Spitalpersonals viel mehr Beanstandungen, zum Beispiel wegen sexueller Belästigung.» Auch gehe es unter den Bewohnern – mit wenigen Ausnahmen wie jüngst die Messerattacke – ruhiger zu und her als noch vor 20 Jahren.

Schmitter betont aber gleichzeitig, dass er immer noch der Meinung sei, es wäre besser gewesen, professionelle Strukturen für eine solche Unterkunft aufzubauen. «Die Gops-Räumlichkeiten eignen sich nur sehr bedingt für die Unterbringung von 200 Asylsuchenden. Der Aufwand ist enorm, wenn ich nur an die vielen Treffen und das zusätzliche Bereitstellen von Infrastruktur denke.»

Er sei deshalb froh, dass die Unterkunft bis spätestens März 2017 aufgehoben wird. «Das wurde uns vom Kanton so garantiert. Und das war auch der Grund, weshalb wir angeboten haben, die Unterkunft weiterzuführen, obwohl die Anzahl unterzubringender Asylsuchenden abgenommen hat.»

Apotheker kritisiert Behörden

Auch Daniel Aebi, Inhaber der nahe gelegenen «Husmatt»-Apotheke, bestätigt, dass es im letzten Jahr zu keinen grösseren Zwischenfällen gekommen sei. Trotzdem spart er nicht an Kritik gegenüber den Behörden. «Damals vor einem Jahr wurde schlecht informiert. Wir wurden von einem Tag auf den anderen vor vollendete Tatsachen gestellt.» Auch ärgere es ihn noch heute, dass zwar ein Sicherheitskonzept erarbeitet wurde, dieses aber nie öffentlich kommuniziert wurde. «Das hätte geholfen, Ängste in der Bevölkerung zu nehmen», ist Aebi überzeugt.

Überhaupt kein Verständnis zeigt der Apotheker zudem für den Umstand, dass die Stadt trotz Bedenken aus der Bevölkerung an der Licht-Abschaltung im Quartier festhielt. «Wenigstens da hätte die Stadt uns entgegenkommen dürfen.» Aebi ist überzeugt, dass nicht wenige Leute wegen der fehlenden Beleuchtung abends von einem Einkauf in der «Husmatt» absehen würden. «Wir hatten zwar keine gröberen Zwischenfälle zu verzeichnen.

Trotzdem dürfte es dem einen oder anderen beim Anblick einer Horde biertrinkender Männer mulmig sein.» Zusammen mit anderen Geschäften in der Husmatt habe man immerhin die Regel aufgestellt, wonach immer nur zwei bis drei Männer aufs Mal die Geschäfte betreten dürfen. «Diese Regel wird bis jetzt grösstenteils eingehalten», sagt Daniel Aebi.

Grundsätzlich positiv äussert sich auch René Mäder, Präsident des Dorfvereins Dättwil: «Wir erhalten zwar hin und wieder eine Mail von besorgten Bewohnern. Doch grundsätzlich sind Beanstandungen ausgeblieben.» Er selber habe auch den Eindruck, dass es rund um die Unterbringung ruhig geblieben ist.

Dem pflichtet auch Serge Demuth (SVP-Präsident Baden) bei, der mit seiner Familie in Dättwil wohnt: «Die Situation ist tatsächlich weniger schlimm als befürchtet. Das liegt sicher auch daran, dass sich viele der Männer tagsüber gar nicht in Dättwil aufhalten, sondern nach Baden oder Aarau gehen.»

Grundsätzlich bleibe er aber dabei, dass er eine Unterbringung von so vielen Asylsuchenden an einem Ort in einem Dorf wie Dättwil für ungeeignet hält. «Ich bin froh, ist bisher – abgesehen von Zwischenfällen in der Unterkunft selber – nicht mehr passiert.»

Nur Kurzeinsätze lagen drin

Die zuständige SP-Stadträtin Regula Dell’Anno bestätigt, dass Unterkunft und Bewohner von der Dorfbevölkerung gut aufgenommen worden seien. «Natürlich erhalten wir immer wieder punktuell Anfragen, wo Lösungen gefragt sind. Doch grundsätzlich läuft es wirklich sehr gut.» Das sei auch der Grundtenor innerhalb der Begleitgruppe, die sich aus Vertretern des Dorfes, des Spitals und der Polizei zusammensetzt und die sich regelmässig zum Austausch trifft. «Grössere Störungen nach aussen sind bisher ausgeblieben.»

Nicht realisieren liessen sich hingegen die Beschäftigungsmöglichkeiten für die 200 Männer, wie sie vor einem Jahr seitens der Stadt angedacht waren. «Die Umsetzung hat sich schwieriger gestaltet als vorgesehen», sagt Dell’Anno. Knackpunkt seien einerseits die gesetzlichen Bestimmungen gewesen. «Andererseits müssen es auch einfache Arbeiten sein, die keinen allzu grossen Betreuungsaufwand erfordern.» Immerhin hätten immer mal wieder Kurzeinsätze organisiert werden können und man werde auch in Zukunft versuchen, die Männer punktuell einzusetzen. «Die paar wenigen Einsätze haben gezeigt, dass die Begegnungen von allen Beteiligten geschätzt werden.»

Auch Dell’Anno geht davon aus, dass die Unterkunft im Frühjahr 2017 aufgehoben wird, wenn mit den ersten Abriss- und Vorbereitungsarbeiten für den Neubau des Kantonsspitals begonnen wird. Balz Bruder, Sprecher des Departements Gesundheit und Soziales (DGS), bestätigt die Aussage: «Die Unterkunft wird längstens bis zum Zeitpunkt in Betrieb sein, bis die Bauarbeiten am KSB in Angriff genommen werden.» Auch aus Sicht des Kantons lasse sich eine positive Bilanz ziehen: «Unsere Erfahrungen sind grundsätzlich positiv; dies betrifft sowohl das Innen- als auch das Aussenleben der Unterkunft.»

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