Baden
«Uns wird Missbrauch unterstellt» – Nutzer von @baden.ch kritisieren Stadt

Die Stadt Baden will die 1950 privaten «@baden.ch»-Mailadressen auflösen. Dafür gibt es viel Kritik von Einwohnern, die finanzielle Gründe vermuten. Für Unverständnis sorgt auch, dass den Nutzern nicht keine längere Übergangsfrist gewährt wird.

Martin Rupf
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Die Nachricht, dass die Stadt Baden bis Ende März insgesamt 1950 private Mailadressen mit der Endung «@baden.ch» löschen lässt (az vom 25. Januar), sorgt für kollektives Kopfschütteln und heftige Reaktionen. «Ich ärgere mich masslos, dass ein über zehnjähriger Service der Stadt Baden ersatzlos und völlig unnötig gestrichen werden soll», sagt Thedy Bräm aus Baden. Er frage sich: Wer habe eigentlich Anrecht auf die Mailadresse «baden.ch»? Die Badener Einwohner oder die Verwaltung?

Bräm stört sich auch an der Begründung für die Einstellung: «Klar, kann es mal vorkommen, dass ich eine falsche Adresse schreibe, aber in einem solchen Fall erhalte ich ja dann eine Fehlermeldung. Insofern gibt es auch keine Verwechslung von Adressaten.» Bräm vermutet, dass der Dienst aus Spargründen eingestellt wurde. «Zuerst wird die Nachtbeleuchtung der Strassen und jetzt der Mailzugang abgestellt.

Wann stellen sie uns das Wasser ab?» Für Bräm bedeutet die Aufhebung der Mailadresse aber nicht nur ein emotionaler Verlust: «Durch den Wegfall der Mailadresse werden Visitenkarten, Briefköpfe und Telefonbucheinträge obsolet. Abgesehen davon, dass die vielen Änderungen eine Unmenge Geld kostet, ist es auch fast nicht möglich, alles bis Ende März zu korrigieren.»

Benutzer geben sich kämpferisch

Ähnlich vernichtend äussert sich Hans Hofmann aus Baden. «Uns Mailbenutzern wird indirekt Missbrauch unterstellt.» Dabei ist Hofmann überzeugt, dass in Tat und Wahrheit finanzielle Gründe zu diesem Entscheid geführt hätten. Mühe bekundet Hofmann insbesondere auch mit der kurzen Frist, «die uns Benutzer in grösste Probleme» bringt. Die Auflösung der Mailadressen ist ganz bestimmt nicht im Sinne der Bewohner; ich werde für meine Adresse kämpfen.»

Auch der Badener Martin Schaffner ist empört: «So etwas ist man sich von der Stadt Baden nicht gewohnt!» Die ganze Aktion rieche nach «noch mehr Privilegien für den Amtsschimmel». Er sei immer sehr stolz auf die «@baden.ch»-Adresse gewesen und habe jetzt das Gefühl, es werde ihm etwas lieb gewonnenes weggenommen.

«Die Begründung für die Auflösung finde ich fadenscheinig; es wäre doch zum Beispiel denkbar, dass Private wie auch Mitarbeiter der Stadt die «@baden.ch»-Adressen zusammen benutzen.

Doppel-Nutzung wurde geprüft

Daniel Stoeri, Leiter Informatik bei der Stadt Baden, sagt, «nicht primär finanzielle Gründe haben zur Auflösung geführt.» Auf die Frage, weshalb nicht sowohl Mitarbeitende der Stadt, wie auch Private die gleiche Adresse benutzen können, antwortet Paul Keller von der Abteilung Informatik: «Das haben wir auch diskutiert, aber schliesslich Abstand davon genommen, weil es viel Aufwand bedeutet hätte.»

Stadt sucht eine Übergangslösung

Patrick Schärer, Stabschef der Stadt Baden, verspricht: «Wir prüfen alle Rückmeldungen und werden diese in den kommenden Tagen auswerten.» Das Ziel sei eine gute Übergangslösung. «Bis spätestens Mitte Februar werden wir die Benutzer informieren», so Schärer.

Gut möglich, dass sich auch noch die Politik mit der Sache beschäftigen wird. CVP-Einwohnerrat Peter Conrad hat schon mit dem Gedanken gespielt, bei der heutigen Einwohnerratssitzung einen Vorstoss einzureichen, «doch dafür reichte die Zeit nicht mehr. Ich finde das Vorgehen der Stadt nicht ideal.» Das Vertrauen der Benutzer in eine langfristige Lösung sei missbraucht worden. «Und wenn tatsächlich kein anderer Weg an der Auflösung vorbeiführt, dann hätte den Benutzern wenigstens eine längere Frist eingeräumt werden müssen», ist Peter Conrad der Meinung.

Anfang der 1990er-Jahre gründeten Lukas Eppler, Fabian Roth und Thomas Gresch ein Start-up-Unternehmen und kreierten die Website «www.baden.ch» und die dazugehörende Mailadresse «@baden.ch». «Am Anfang hatte die Stadt noch kein Interesse an der Website und den Adressen», erinnert sich Eppler.

«Wir haben das Potenzial aber erkannt und uns die Domain für 39.90 Franken gesichert.» So um 1996 habe man der Stadt dann die Website und dazugehörige Adressen verkauft. «Zum Selbstkostenpreis», wie Eppler sagt. Er hat ein gewisses Verständnis, dass die Stadt die Adressen für sich nutzen will.

«Es ist sicher nicht Kernaufgabe einer Stadt, private Mailadressen zu betreiben.» Auch Eppler fragt sich aber, «wieso es nicht möglich ist, dass sowohl Private wie auch Mitarbeitende der Stadt «@baden.ch»-Adressen verwenden». Und: «Wenn die Adresse schon aufgelöst wird, dann wäre eine Weiterleitungsfunktion das Mindeste.» IT-Pionier Thomas Gresch erinnert sich: «Es waren rund 200 Mailadressen, die wir der Stadt damals abtraten.»