Baden

Transgender-Schauspielerin Stella Luna Palino rechnet mit dem Mann ab: «Vergewaltigungskultur dauert an»

Starker Tobak - Stella zeigt in ihrem neuen Einfraustück viel Haut und stellt sarkastisch festgefahrene Geschlechterrollen in Frage (Bild ub)2

Starker Tobak - Stella zeigt in ihrem neuen Einfraustück viel Haut und stellt sarkastisch festgefahrene Geschlechterrollen in Frage (Bild ub)2

Die Badener Transgender-Schauspielerin Stella nimmt in ihrer neuen Eigenproduktion kein Blatt vor den Mund. Sie will aber weder Moralin verbreiten noch die männliche Spezies an den Pranger stellen.

«O.k. Baby, let’s talk about sex», sagt Stella Luna Palino. Sie liegt nackt auf einem Perserteppich und hält einen Totenschädel in der Hand. Er symbolisiert den Mann mit seinen verschiedenen prototypischen Eigenschaften. Und die Aktrice rechnet mit ihm schonungslos ab. Denn «die schönste Sache der Welt» hat im neuen Stück «Sex, Liebe & andere Bagatellen» auch einen bitteren Beigeschmack: die damit verbundene Unterdrückung der Frau. Seit Menschengedenken. «Das fängt schon im Alten Testament Genesis an», meint Stella auf der Bühne und zitiert aus dem 1. Buch Mose, was Gott Eva verkündet: «Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, er aber soll Herr sein über dich.»

Stella thematisiert in ihrer Eigenproduktion unter der Regie von Xavier Mestres Emilio, wie die Dominanz der Männer eine Vergewaltigungskultur geschaffen hat. Sie dauert bis heute an. Die Schauspielerin dazu: «Wer denkt, die Situation habe sich seit der Emanzipation gebessert, irrt gewaltig. Das sieht man ja an der MeToo-Debatte. Viele mächtige Männer werden der sexuellen Übergriffe beschuldigt.» Auch häusliche Gewalt wird angesprochen. «Der gefährlichste Ort für eine Frau sind die eigenen vier Wände.»

«Auch die Männer sind arme Schweine»

Stella will in ihrem Ein-Frau-­Stück weder Moralin verbreiten noch die männliche Spezies an den Pranger stellen. «Auch die Männer sind arme Schweine», findet sie im Gespräch nach den Proben, «sie werden von der Gesellschaft oft in ein Klischee gepresst, das ihnen gar nicht entspricht.» Die Künstlerin weiss, wovon sie redet. Über Jahre hat sie die Männerrolle gespielt. Seit gut einer Dekade präsentiert sie sich in der Öffentlichkeit als Frau. «Es geht mir nicht darum, zu sagen: Männer sind Idioten; oder Frauen sollen an die Macht. Beide Geschlechter müssen sich befreien und endlich die Friedenspfeife zusammen rauchen. Mein Stück soll ein Manifest sein gegen dieses Rollenspiel, das seit Ewigkeiten andauert und niemanden glücklich macht.»

Sie selber erlebt immer wieder, wie hinter ihrem Rücken getuschelt wird, ob sie nun Mann oder Frau sei. «Ich hasse diese Schubladisiererei», meint sie. Das Transgender-Leben habe sie etwas einsam gemacht. «Aber die wirklichen Freunde sind geblieben.»

Wenn Stella sich auf der Bühne entblösst, will sie nicht nur provozieren und kokettieren. Ihre Nacktheit soll ihr essenzielles Wesen zum Ausdruck bringen. Ganz ohne Hülle – oder eben ohne in eine Rolle gepresst zu sein. Beim zynisch-philosophischen und teilweise auch ­witzigen Geschlechterdiskurs schlüpft sie zudem mittels rasanter Kostümwechsel in verschiedene archetypische Frauencharaktere aus Shakespeare-Dramen. Jede setzt sich auf ihre Art mit der männlichen Spezies auseinander.

«Ich will allen Menschen Mut machen»

Da ist die romantische Julia, die an die ewige Liebe und ultimative Verschmelzung glaubt. Oder Othellos tragische Desdemona, die fälschlicherweise der Untreue beschuldigt und umgebracht wird. Aber auch Tanja aus dem «Sommernachtstraum» hat ihren Auftritt. Sie gehört zu den selbstbewussten Frauen, die ihre Sexualität ausleben. Die machthungrige Lady Macbeth zerstört das Bild von weiblicher Zurückhaltung dann endgültig. «Sex, Liebe & andere Bagatellen» ist nicht nur ein Plädoyer für die starke Frau. «Ich will allen Menschen Mut machen, trotz genetischer Prägung von Kindheit an und gesellschaftlichem Druck, zu ihrer eigenen Authentizität zu finden und 100-prozentig sich selber zu sein», bekundet die Schauspielerin zum Schluss. Sie lacht, schlägt ihre langen, muskulösen Beine grazil übereinander und streicht sich durch die aufblondierte Wallemähne.

«Sex, Liebe & andere Bagatellen» feiert Premiere am 25. September, 20.30 Uhr, im Teatro Palino, Rathausgasse 7 in Baden.

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