Ehrendingen wächst rasant. An der Hauptachse reiht sich Neubau an Neubau. Auch Richtung Gipsgrueb steht «d’ Windleburg» – wie das hohe Haus mit den kinderreichen Familien von älteren Einheimischen lächelnd genannt wird – längst nicht mehr fast allein auf weiter Flur. Dahinter aber, wo über Wiesen, Äcker und Wälder besinnliche Ruhe herrscht, wähnt man sich in einer anderen, abgeschiedenen Welt.

Spaziert man das Talmättli gegen die Lägern hinauf, weht einem gar unverhofft ein Hauch von Zentralasien entgegen: Zwei friedlich kauende Trampeltiere liegen hier in einem Gehege neben einem Wohnhaus. Stoisch blicken sie Passanten mit ihren grossen Augen unter langen Wimpern an. Nichts und niemand scheint sie aus der Ruhe zu bringen.

«Trampeltiere leben nach dem Prinzip ‹leben und leben lassen›. Sich aufregen, würde sie zu viel Energie kosten. Also tun sie es nicht», hält ihr Besitzer fest. Seit zweieinhalb Jahren leben «Simba» und «Roy» in Ehrendingen bei Laurent und Monika Gaillard.

Zur Familie gehören auch die achtjährige Céline und die an Alzheimer erkrankte Oma Violette. Stürmisch macht Springerspaniel «Aiko» die Besucherin aufmerksam, dass auch er dazugehört, während Katze «Molly» sich vornehm zurückhält und ihr Kollege «Pepe» sich nicht einmal blicken lässt.

Anfang mit ausgestopftem Kamel

Der 47-jährige Laurent Gaillard hatte viele Jahre auf seinem erlernten Beruf als Reisefachmann gearbeitet. Seit Kurzem ist er nun selbstständig im Online-Handel tätig. «Als ich etwa siebenjährig war, nähte mir meine Mutter aus Jutesäcken ein Kamel und stopfte es mit Zeitungspapier aus. Es hatte zwar keine Beine, aber war so gross, dass ich drauf sitzen konnte.» Es war auch gross genug, um in Klein-Laurent die Liebe zu diesen Tieren zu wecken.

Wobei er damals noch nicht wusste, dass es mit seinen zwei Höckern, eigentlich ein Trampeltier war. Kamel war für ihn – wie für sehr viele Menschen – einfach Kamel. Ganz falsch ist das nicht, denn Trampeltiere gehören zusammen mit den einhöckrigen Dromedaren, den Alpakas, Lamas und Vikunjas, zur Familie der Kamele.

Vollends gefestigt war Laurents Leidenschaft für Kamele denn auch bereits in seiner Jugend geworden. Bei gemeinsamen Zoobesuchen mit seinem älteren Bruder, einem Zoologen, kam er erstmals in direkten Kontakt mit Trampeltieren. «Fortan war ich völlig fasziniert von der Sanftheit dieser Tiere und ihrem unwiderstehlichen Augenaufschlag.

Die langen Wimpern sind übrigens ein guter Schutz bei Sandstürmen.» Von einer Studienreise nach Tunesien – inklusive Kameltrekking – war Gaillard mit dem festen Entschluss nach Hause gekommen, sich eigene Trampeltiere anzuschaffen. «Die Begeisterung meiner Frau hielt sich in Grenzen.» Inzwischen aber ist der Funke längst auch auf Monika und Tochter Cécile übergesprungen.

Premiere für Amtstierärzte

Via Internet war Laurent auf zwei kleine Zirkusse in Deutschland gestossen, die ihre Trampeltiere zum Kauf anboten. «Ein Kollege, der grosse Erfahrung mit Kamelen hat und in Oberglatt eine Kamelfarm betreibt, hat mich nach Senftenberg bei Dresden begleitet.» Aus Brandenburg kam «Simba» in den Aargau, etwas später gesellte sich aus Westfalen «Roy» dazu. «Beide sind achtjährig und haben sich auf Anhieb verstanden – ja, es war regelrecht Liebe auf den ersten Blick.»

Die notwendigen Kenntnisse zum Erlangen des obligatorischen Sachkundeausweises für Kamelhaltung hat Laurent Gaillard sich in mehrmonatigen Praktika im Zirkus und bei befreundeten Kamelhaltern angeeignet. Seine beiden Tiere hatten zuerst in Waldshut, später auf der Schweizer Seite je einen Monat in Quarantäne verbringen müssen: «Für die Amtstierärzte hüben und drüben war das Ganze eine Premiere, hatten beide doch das erste Mal mit Trampeltieren zu tun.»

Im Frühjahr soll am Talmättli mit dem Bau eines neuen Kamelstalls begonnen werden. Ein Ereignis, auf das sich die ganze Familie Gaillard freut, zumal der Weg dahin alles andere als einfach war. «Bedauerlicherweise hatten wir von der Bauverwaltung lange Zeit keinerlei Hilfe oder Unterstützung bei der Realisierung unseres Bauvorhabens erhalten. Im Gegenteil: Der damalige Bauverwalter hat durch sein Desinteresse und sein passives Verhalten das Bewilligungsverfahren unnötig verzögert.

Umso ärgerlicher ist es, dass uns die Bauverwaltung, beziehungsweise der Gemeinderat, nun ganze 1500 Franken – das ist das Achtfache der regulären Gebühren – für ‹ausserordentliche Aufwendungen› in Rechnung gestellt hat.» Auf die geforderte, detaillierte Kostenaufstellung der «ausserordentlichen Aufwendungen» wartet Laurent Gaillard noch immer.

Angenehmes Ehrendinger Klima

Rund sechs Kilo Heu futtert jeder der sanften Riesen täglich, dazu Stroh, Gras und Astwerk. «Zudem erhalten sie regelmässig eine Futterergänzung mit hohem Selenanteil.» Das Heu und Stroh kauft Gaillard bei verschiedenen Bauern der Umgebung. «Anders als viele glauben, speichern die Tiere in ihren Höckern nicht Wasser, sondern bis 200 Kilo Fett und Bindegewebe.» Trampeltiere sind temperaturunempfindlicher als Dromedare. In ihrer Heimat, den Wüstenregionen Chinas und der Mongolei , kann es im Sommer bis 50 Grad heiss und im Winter bis 30 Grad minus kalt werden. «Das Klima in Ehrendingen empfinden «Simba» und «Roy» entsprechend als sehr angenehm.»

Vor Jahrtausenden domestiziert, haben sich Trampeltiere längst zu ausdauernden Reit- und Lasttieren entwickelt. Auch «Simba» und «Roy» beschäftigen sich gerne mit dem Transport von kleinen und grossen Zweibeinern. An Kindergeburtstagen etwa sei Kamelreiten eine beliebte Attraktion und 2012 beispielsweise waren die zwei Unzertrennlichen am Badener Stadtfest Teil einer Schau auf dem Theaterplatz: «Sie waren auch da keinen Moment nervös. Selbst das Feuerwerk hat sie nicht aus der Ruhe gebracht.» In Deutschland, so Gaillard, würde Trampeltier-Reiten auch erfolgreich zu therapeutischen Zwecken mit Behinderten ausgeübt.

Aus dem Leben der Gaillards sind die schwergewichtigen Burschen nicht mehr wegzudenken. Und wenn Ferien anstehen? Trampeltiere kann man ja nicht einfach ins Tierheim bringen. «Bisher wurden sie bei unserer Abwesenheit von unserer Nachbarin, die selber Zwergponys und Geissen hat, gefüttert. Wenn wir mal länger verreisen möchten, würden wir «Simba» und «Roy» sicher zu befreundeten Kamelhaltern ‹in die Ferien› bringen können.»