Ein leicht süsslicher Duft umweht im Badener Tabakladen die Nase. Michèle Clemens zehnmonatiger Sohn Bjarne sitzt am Boden. Verschiedenfarbige Zigarettenpapierchen üben eine geradezu magische Wirkung auf ihn aus, und er brabbelt selbstvergessen vor sich hin. Am 1. April haben Trudi und Sepp With die Leitung des ältesten Ladens der Stadt ihren beiden Töchtern Michèle, 31, und Denise Werder, 35, übergeben. «Loszulassen, was so lange unser Lebensinhalt war, tat am Anfang weh», gesteht Sepp With und meint gleichzeitig, «meine Frau und ich sind weit über dem Pensionsalter hinaus, und ich will nicht arbeiten, bis ich tot umfalle!»

Er lacht. Stolz zeigt das Ehepaar, das zwölf Jahre lang die Seele des Geschäfts war, den Golden Band Award von Davidoff, für den es 2015 nominiert war. Dessen Renommee ist mit einem Oscar in der Filmwelt zu vergleichen. Dass sich die Withs in der Branche mit ihrem kleinen Badener Laden gegen die europäische Konkurrenz behaupten konnten, kam einer Sensation gleich.

Die Idee des Generationenwechsels reifte erst danach. «Wir mussten gar nicht lange drüber reden, es hat einfach gepasst», meint der scheidende Patron. Das erstaunt: Hatten sich doch sowohl Denise als Projektleiterin bei der UBS und Michèle in führender Position auf einer Kommunikationsagentur vielversprechende Berufskarrieren aufgebaut. Und dann der Richtungswechsel in ein kleines, antiquiertes Detailhandelsgeschäft, das sich als eines der letzten in der Stadt gegen die Grossketten behauptet? «Wir haben hier schon in unseren Semesterferien ausgeholfen und lieben diesen Betrieb», sagen die zwei.

Wie Michèle ist auch Denise Mutter, hat im letzten Februar Töchterchen Skye geboren. «Der Nachwuchs hat unsere Lebensperspektiven gründlich verändert. Die Familie kommt zuerst, dann der Beruf», zeigen sich die beiden Familienfrauen heute überzeugt. Im Tabakhaus können sie sich die Arbeit gemeinsam mit Kollegin Janine Meier aufteilen.

Eltern glauben an ihre Töchter

Die grosse Stärke des Badener Traditionsunternehmens ist die persönliche Beratung. Trudi und Sepp With kennen die meisten Kunden mit Namen. «Wir hatten unendlich viele gute Gespräche, die Leute haben nicht nur eingekauft, sondern uns Freud und Leid anvertraut», erinnern sie sich. Ob die beiden jungen Nachfolgerinnen auch so viel Herzblut und Leidenschaft für das Geschäft mitbringen, wie ihre Eltern? «Ja», versichert Michèle, «sich Zeit zu nehmen für die Klientel ist und bleibt die Basis. Wir kennen dieses Metier seit unserer Uni-Zeit und sind zu hundert Prozent davon überzeugt, das Richtige zu tun.»

Im Moment arbeiten Eltern und Töchter noch Hand in Hand. Das Tabakhaus ist zwar klein, aber komplex. In Hunderten von Schubladen, Fächern und Behältnissen lagern verschiedene Tabakmischungen, die im Haus selber hergestellt werden, Zigarren, Zigarillos, Zigaretten, Feuerzeuge, Filter, Pfeifenersatzteile und andere Raucheraccessoires. Während das Ehepaar With seine Auslagen mittlerweile fast im Schlaf kennt, muss sich der Nachwuchs noch zurechtfinden. Die Klientel zeigt sich bisher sehr erfreut darüber, dass die Geschäftsleitung in der Familie bleibt. Die Branche sei nicht einfach, meint Trudi With im Hinblick auf die Zukunft. «Wir spüren den Einkaufstourismus Richtung Deutschland enorm. Zudem ist der Handel mit Tabakwaren ständiger Kritik ausgesetzt», erläutert sie, fügt dann aber bestimmt hinzu: «Unsere Töchter werden die kommenden Herausforderungen meistern. Ich bin stolz auf sie!»