Es nieselt. Der blau-graue Wohnblock am Glattlerweg in Spreitenbach hebt sich kaum vom grauen Himmel ab.

13 Stockwerke. Auf jeder Etage vier Wohnungen. Der eine Lift hält in den ungeraden Stockwerken, der andere in den geraden. Die Luft im Treppenhaus ist stickig. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. An einer Wohnungstür im vierten Stock klebt das Siegel der Kantonspolizei Aargau. Der Türspion fehlt.

Die Polizei rückte in der Nacht auf Freitag an den Glattlerweg aus. Eine Frau machte sich Sorgen. Sie konnte Angehörige nicht erreichen, die in der Wohnung im vierten Stock lebten. Kurz nach Mitternacht war die Polizei vor Ort. Die Polizisten klingelten und klopften an die Tür. Einige Nachbarn erzählen am Freitag, sie seien wegen des Lärms mitten in der Nacht erwacht. In der Wohnung aber tat sich nichts. Die Tür blieb zu, die Polizisten konnten nicht rein. Schliesslich mussten sie einen Schlüsseldienst aufbieten.

Familiendrama in Spreitenbach

Familiendrama in Spreitenbach

Am Freitag wurden ein 4-Jähriger und dessen Grosseltern tot aufgefunden. In der Wohnung fand man eine Schusswaffe, der Tathergang ist aber noch unklar.

Schusswaffe sichergestellt

In der Wohnung fand die Polizei drei Leichen. Die Situation habe von Beginn weg auf ein Gewaltverbrechen hingewiesen, teilte die Kantonspolizei Aargau am Freitagmorgen mit. Bei den drei Todesopfern handle es sich um das Ehepaar im Alter von 77 und 55 Jahren, das in der Wohnung lebte, und um einen vierjährigen Jungen aus dem familiären Umfeld. Der genaue Tatablauf und die Hintergründe der Gewalttat sind gemäss Polizei noch unklar. «Nach ersten Erkenntnissen dürfte das Delikt durch eine der verstorbenen Personen verübt worden sein», schreibt die Kapo.

In der Wohnung hätten die Polizisten eine Schusswaffe sicherstellen können. Ob es sich dabei auch um die Tatwaffe handelt, müsse noch abgeklärt werden. Die Kantonspolizei ermittelt, die Staatsanwaltschaft Baden hat eine Untersuchung eröffnet. Die Leichen wurden nach Aarau ins Institut für Rechtsmedizin gebracht. Dort werden die genauen Todesumstände abgeklärt.

Der Schock sitzt tief

Abgesehen vom Polizeisiegel an der Wohnungstür deutet am Freitagmittag nichts auf das Familiendrama hin. Die Polizisten sind weg, die Spurensicherung auch. Niemand bewacht den Eingang des Wohnblocks. Kein Absperrband flattert im Wind. Im Treppenhaus bittet die Verwaltung die Mieterinnen und Mieter, draussen zu rauchen. Hinter den Türen hört man Menschen reden und Kinder lachen.

Im siebten Stock wohnen Manuela Hirschi und Ramon Tasende. Sie kannten die Mutter des verstorbenen Jungen und hatten am Donnerstagabend Kontakt mit ihr. «Sie hat uns geschrieben, weil sie seit Stunden niemanden erreichen konnte», erzählt Ramon Tasende. «Sie machte sich Sorgen», sagt Manuela Hirschi. Ramon Tasende sei deshalb mehrmals runter in den vierten Stock, habe geklingelt und an die Türe geklopft. Aber niemand reagierte.

Vor 23 Uhr sei die Mutter des Buben in Spreitenbach angekommen. Gemeinsam hätten sie auf die Polizisten gewartet. Diese hätten als Erstes den Türspion entfernt und nach dem Buben gerufen, erzählt Ramon Tasende. Daraufhin hätten sie versucht, die Tür mit einem Schlüssel zu öffnen: «Aber das ging nicht. Wahrscheinlich steckte von innen ein Schlüssel im Schloss», sagt Ramon Tasende. Schliesslich musste der Schlüsseldienst die Türe aufbohren. Manuela Hirschi hat den Lärm bis in den siebten Stock gehört. Sie wartete in der Wohnung und erfuhr durch ihren Mann, was die Polizei vorfand, als sie die Wohnung im vierten Stock betrat.

Ramon kam zurück in unsere Wohnung, schaute mich an und sagte: ‹Du, die sind alle drei tot›», erzählt sie. Ein anderer Nachbar erzählt, er habe in der Nacht eine Frau schreien hören: «Bitte nicht! Bitte nicht!»

Mutter hat das Fest vorbereitet

Manuela Hirschi und Ramon Tasende kannten auch das verstorbene Ehepaar. Sie hätten seit etwa vier Jahren in Spreitenbach gewohnt und ab und zu auf den kleinen Buben, ihren Enkel, aufgepasst. Wie es zur Gewalttat kommen konnte, können sie sich nicht erklären. Sie können nur immer fassungslos den Kopf schütteln. Der Junge sei bei seiner Grossmutter gewesen, weil seine Mutter sein Geburtstagsfest vorbereite, erzählt Manuela Hirschi. «Er hätte am Freitag seinen 4. Geburtstag gefeiert.»

Die Betroffenheit über das Familiendrama ist nicht nur in der Nachbarschaft gross. Auch Gemeindepräsident Valentin Schmid drückte am Freitagvormittag in einer Mitteilung den Angehörigen sein tiefstes Beileid aus. «Der Gemeinderat Spreitenbach ist sehr betroffen.»

Nachbarn nach Tötungsdelikt in Spreitenbach besorgt

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Die Nachbarn sind mit der Mutter des toten 4-Jährigen gut befreundet. Während der Tat waren sie zuhause und machten sich um das Kind grosse Sorgen.