«Wo Schweizer klatschen, jubeln und schreien Brasilianer vor Begeisterung», erzählt Tanzpädagogin und Tänzerin Daria Reimann beim Interview im Hotel Blume. Ihre stahlblauen Augen funkeln, wenn sie an ihre Auftritte im Theatro José de Alencar im brasilianischen Fortaleza denkt, wo die riesigen, farbigen Jugendstil-Fenster auf der Bühne reflektieren und das Publikum noch auf alten Holzklappstühlen sitzt. Als fester Bestandteil und Mitbegründerin des Tanztheaters Baden partizipierte sie zusammen mit Anna Axmann und Marcos Bento bereits zum dritten Mal am dortigen Tanzfestival Fendafor. «Wir waren im weltweiten Teilnehmerfeld die einzige Compagnie aus der Schweiz», bekundet sie stolz.

Im Gegensatz zu den Auftritten 2016 und 2018 war der diesjährige Beitrag «Intercâmbio» ein Austauschprojekt. Reimann: «Wir wollten für einmal nicht mit einer vollendeten Kreation nach Südamerika reisen, sondern mit Tänzerinnen und Tänzern von dort eine Choreografie erarbeiten und sie gemeinsam aufführen.» Bindeglied zwischen den zwei Kontinenten war Marcos Bento, der selber aus Fortaleza stammt und seit fünf Jahren in Baden lebt. Er brachte die drei zeitgenössischen Tanzschaffenden Ariel Venâncio, Clarissa da Costa Pontes und Jhonnatas Morais da Silva alias «Cia. Dança-Libras» ins Spiel, die etwas ganz Spezielles machen: Sie verbinden ihre Performances mit Gebärdensprache und wollen damit Tanz auch Gehörlosen näher bringen.

Gemeinsame Choreografie in Baden entstanden

Dank finanziellem Support – unter anderem der Stadt Baden – konnte die brasilianische Crew in die Schweiz reisen und zusammen mit dem Tanztheater Baden eine gemeinsame Choreografie erarbeiten. Obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen und aus verschiedenen Kulturen stammen, fanden sie im Tanz sofort Gemeinsamkeiten. Das Badener Tanzcentrum, in dem Reimann seit Jahren unterrichtet, stellte der Formation ad hoc die Räumlichkeiten für Proben zur Verfügung. Daraus resultierte auch das Kurzstück «EX-change», in dem Begegnungen unterschiedlichster Art in Körpersprache ausgedrückt werden. Der Ehrendinger Marin Valentin Wolf komponierte dazu die Musik. Premiere feierte «Intercâmbio» diesen Frühling im Teatro Palino. Im Juli ging es dann nach Fortaleza.

Von Brasilien hat Daria Reimann weniger gesehen, als ihr lieb wäre. «An vier von zehn Festivaltagen hatten wir Auftritte. Ich sass zudem in der Wettbewerbsjury und gab Workshops.» 2018 wurde ihr vom brasilianischen Tanzkomitee eine Ehrenmedaille für ihr Gesamtschaffen verliehen. Obwohl sie international Spuren zieht und in München an der Iwanson International School of Contemporary Dance studierte, wollte sie als gebürtige Badenerin nie weg von ihrem Heimatort: «Ich fühle mich sehr gut eingebunden und kann hier genauso Karriere machen wie anderswo.» Bereits mit sechs Jahren war klar, dass sie Tänzerin werden wollte. Im zarten Alter von zwölf fing sie an, lateinamerikanische Turniere zu bestreiten, und wurde zweimal Schweizer Meisterin der Juniorinnen. Weil Reimann seit je eine Künstlerin mit starkem Realitätsbezug ist, absolvierte sie das KV im Badener Tanzcentrum und ist heute für die Administration des Tanztheaters Baden zuständig.

Ob es 2020 wieder nach Südamerika geht, ist noch offen. Garantiert auf dem Plan steht eine neue Produktion, die mit Texten von Simon Libsig im Theater im Kornhaus aufgeführt wird. Sonst denkt Daria Reimann nicht zu weit in die Zukunft hinaus. Sie lebt im Hier und Jetzt. Wegen einer Überbelastung im linken Fuss diagnostizierte ihr ein Arzt vor Jahren, dass sie nie mehr tanzen könne. «Ich mache trotz täglicher Schmerzen weiter», sagt die Frau mit der eisernen Disziplin, die dank ihrer mentalen Stärke schon so manche Hürde meisterte.