Bezirksgericht Baden

Streit unter Sri Lankern: Wurde «Bier» verprügelt – oder fiel er betrunken vom Sofa?

In einer WG kam es zwischen mehreren Sri Lanker zu einem Streit, der in einer Schlägerei mündete. (Symbolbild)

In einer WG kam es zwischen mehreren Sri Lanker zu einem Streit, der in einer Schlägerei mündete. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Baden verurteilt zwei Sri Lanker – einer der beiden muss neun Monate ins Gefängnis.

Es war an einem Oktoberabend 2016 in der Badener Altstadt: In einer Wohngemeinschaft traf sich eine Gruppe Sri Lanker, um Fladenbrot zu backen, gemeinsam zu Abend zu essen – und um sich zu betrinken. Die Situation eskalierte schnell, John (36) und Michael (27, beide Namen geändert) und ein unbekannter Dritter gingen nach einem kurzen Streit auf einen Landsmann los, der betrunken auf dem Sofa sass. Der Mann trägt wegen seines exzessiven Alkoholkonsums den Spitznamen «Bier». Michael soll ihm eine Ohrfeige verpasst haben. Danach sollen alle drei den Geschädigten mit Faustschlägen traktiert haben, bevor John ihm einen Kricketschläger über die Schulter und auf seine Hände schlug. Der Angriff habe nur wenige Sekunden gedauert. «Bier» verlor auf dem Sofa das Bewusstsein. Die drei Angreifer verliessen die Wohnung, bevor die Polizei eintraf.

Diese brachte das Opfer in die Notfallaufnahme des Kantonsspitals, dort wurden eine Gehirnerschütterung und diverse Prellungen festgestellt. Die Geschichte fand ihre Fortsetzung mit einer Reihe von Einvernahmen, einer Hausdurchsuchung in Johns Wohnung und Untersuchungshaft für Michael und John, die beide schon mehrfach vorbestraft sind. Diese Woche standen sie – beide sind einst wegen des Bürgerkriegs aus Sri Lanka geflohen – in Baden vor dem Bezirksgericht.

Sie mussten sich vor Einzelrichterin Gabriella Fehr wegen Angriffs verantworten. Für Michael wurde ins Tamilische übersetzt, er ist seit acht Jahren in der Schweiz und spricht nur wenig Deutsch. John ist 1995 mit seiner Familie in die Schweiz gekommen. Ihm wurde zusätzlich eine mehrfache Widerhandlung gegen das Waffengesetz zur Last gelegt. Bei ihm zuhause hatte die Polizei ein ungeschliffenes Schwert, einen Schlagstock und in einem Kinderzimmer eine «Softairwaffe» sichergestellt.

Immer wieder Alkohol

Die Staatsanwaltschaft forderte für beide Angeklagte zehn Monate unbedingte Freiheitsstrafe – unter Anrechnung der Untersuchungshaft – und eine anschliessende Landesverweisung für sieben Jahre. Schon am Abend vor dem besagten Essen in Baden hatte Michael laut Anklageschrift das Opfer massiv bedroht. Schon da hatten sie viel Alkohol getrunken und es hatte Streit gegeben. «Bier» fühlte sich so bedroht, dass er die Stadtpolizei rief. Aufgrund dieses Vorfalls war Michael auch wegen Drohung angeklagt.

Renate Senn, die amtliche Verteidigerin von Michael, argumentierte in ihrem Plädoyer unter anderem, die Schilderung des Vorfalls könne nicht der Wahrheit entsprechen. So sei etwa die angebliche Bewusstlosigkeit des Opfers nicht plausibel. Sie habe in den verschiedenen Einvernahmen «eine fast wundersame, nicht nachvollziehbare Ausdehnung» erfahren: «Zuerst sagte er aus, er sei fünf Minuten bewusstlos gewesen, später waren es einmal zehn Minuten, dann fünfzehn Minuten.» Das sei unglaubwürdig. «Der Mann muss schlicht und ergreifend sturzbetrunken vom Sofa gefallen sein», sagte Senn. Sie forderte einen Freispruch, in dubio pro reo.

Gerichtspräsidentin Fehr überzeugte das Argument der Dauer der Bewusstlosigkeit nicht: «Die Aussagen des Opfers waren sehr detailliert und im Kerngehalt widerspruchsfrei. In Anbetracht, dass der Mann viel Alkohol trinkt, wäre es ihm wohl nicht möglich gewesen, den Vorfall so detailliert und widerspruchsfrei zu erzählen, wenn er sich nicht so zugetragen hätte.» Zudem sei es normal, dass es bei Befragungen über einen Zeitraum von zwei Jahren Abweichungen gebe. Und: «Für ein Opfer ist es schwierig festzustellen, wie lange die eigene Ohnmacht gedauert hat.» Die Aussagen des Mannes seien ansonsten stimmig und das Verletzungsbild stimme mit seinen Schilderungen überein: «Eine Hirnerschütterung und Verletzungen an Schulter und Händen – das passiert nicht, wenn man vom Sofa fällt», sagte Fehr.

Kein Landesverweis

In den Aussagen von John und Michael habe es dagegen sehr viele Widersprüche gegeben. Fehr bekannte beide der einfachen Körperverletzung schuldig, nicht aber des Angriffs. Eine besondere Gefährdung einer weiteren Person neben dem Opfer, wie sie für den Straftatbestand des Angriffs vorliegen muss, sei nicht nachweisbar. Weil die einfache Körperverletzung keine sogenannte Katalogtat ist, kam eine Landesverweisung nicht infrage. Fehr verurteilte Michael zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sieben Monaten, unter Anrechnung der ausgestandenen Untersuchungshaft.

John hingegen verurteilte sie zu neun Monaten unbedingter Freiheitsstrafe, unter anderem weil er schon sechsmal einschlägig vorbestraft ist. Fehr sagte: «So kann es nicht weitergehen, Sie müssen Ihr Leben ändern. Diesmal müssen Sie Ihre Strafe absitzen.» Wenn er erneut straffällig werde und eine Katalogtat begehe, werde er wohl aus dem Land gewiesen.

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