Es war eine Titelstory im «Blick»: Michelle H. wurde von einem Sicherheitsmann aus einem Kleiderladen im Shoppi Spreitenbach verwiesen, weil sie dort ihren sechs Monate alten Sohn gestillt hatte. Das dürfe sie hier nicht, hätte er zu ihr gesagt. Vor lauter Wut verschaffte sie sich daraufhin in einem Facebook-Post Luft – der auf noch grösseres Echo stiess, als die Boulevard-Zeitung das Thema aufnahm.

Stillen in der Öffentlichkeit ist ein Reizthema. Wie gehen Mütter aus der Region damit um? «Für mich ist es die natürlichste Sache der Welt», sagt Sabine Feller, 32, aus Freienwil. Sie ist Mutter von zwei Kindern, eines ist drei Jahre, das andere neun Monate alt. Die Jüngste stillt sie noch. «Ich habe von Anfang an auch in der Öffentlichkeit gestillt. Mir ist dabei einfach wichtig, an einem ruhigen Platz zu sein, damit mein Baby vor Ablenkung und neugierigen Blicken geschützt ist.» Zu Beginn hätte sie immer ein Nuschi über den Kopf ihrer Tochter gelegt, doch je älter sie wurde, desto weniger ging das. «Im Grossen und Ganzen fühle ich mich aber wohl beim Stillen und auch gar nicht gross beobachtet.»

Trotzdem hatte auch sie ein negatives Erlebnis: «Wir besuchten einen Festumzug, an dem es sehr viele Leute hatte. Als Anina Hunger bekam, entdeckte ich ein menschenleeres Festzelt und fragte eine ältere Frau, ob es okay sei, wenn ich die Kleine dort in einer Ecke stille.» Es habe dort nur diesen einen Ort gegeben, um sich hinzusetzen. Die Frau hätte sie ganz entsetzt angeschaut und gesagt, dass es schon okay sei, «aber bitte nur ganz hinten, damit niemand etwas sieht». Sabine Feller spürte, dass es für die Frau nicht in Ordnung war und stillte ihre Tochter am Ende auf einer Treppe.

Paradox der Gesellschaft

Wurde in den Achtzigerjahren noch bevorzugt der Schoppen gegeben, so wollen viele Mütter heute stillen; darunter einige so lange, wie das Kind danach verlangt. «Für mich ist stillen viel einfacher», sagt Sandra Cox, 30, aus Würenlingen. Ihre Tochter ist inzwischen 20 Monate alt. «Vor etwa anderthalb Monaten musste ich aber mit Stillen aufhören, weil mein Körper aufgrund meiner erneuten Schwangerschaft keine Milch mehr produziert.» Zu Beginn ihrer «Stillkarriere» war sie selbst noch etwas gehemmt und musste sich erst daran gewöhnen, in der Öffentlichkeit zu stillen. «Danach habe ich überall gestillt, ob im Zug oder im Migros-Restaurant in Baden.» In Letzterem sei sie zwar schon hin und wieder etwas komisch beäugt worden, aber sie möchte nicht extra einen Stillraum aufsuchen. Obwohl, im H&M habe sie auch schon in der Umkleidekabine gestillt: «Aber aus Rücksicht auf meine Tochter, damit sie in Ruhe trinken konnte», so Cox. Ihr sei immer wichtig gewesen, diskret zu sein. «Für mich ist es das Normalste der Welt und ich fühle mich so sicher beim Stillen, dass es deshalb garantiert noch weniger auffällt».

Warum aber reagieren manche Menschen ablehnend gegenüber stillenden Müttern in der Öffentlichkeit? Isabel Horn ist Stillberaterin der «La Leche League» und leitet das Still-Café des Familienzentrums Karussell in Baden. Sie ist sich sicher: «Der Busen ist ein Tabuthema. Da ist unsere Gesellschaft noch sehr prüde.» Das klingt paradox angesichts der sexualisierten Werbung, die einem an vielen Orten begegnet. Doch beim Anblick einer stillenden Mutter sind einige immer noch peinlich berührt. «Immerhin ist Stillen wieder auf dem Vormarsch», sagt Horn.

Grosse Einkaufszentren wie das Shoppi, der Tägipark in Wettingen oder das Möbelhaus Ikea bieten schon länger Rückzugsmöglichkeiten für stillende Mütter. Auch Michelle H. wusste, dass es im Shoppi einen Stillraum gibt, aber der sei am anderen Ende des Einkaufszentrums gelegen und ihr Sohn habe nun mal Hunger gehabt, sagte sie zum «Blick».

Im Wettinger Tägipark gibt es die Bébébar, zum Stillen und zum Wickeln.

Im Wettinger Tägipark gibt es die Bébébar, zum Stillen und zum Wickeln.

Die Freienwilerin Sabine Feller möchte sich fürs Stillen nicht verstecken: «Natürlich finde ich Stillecken super. Es gibt sicher Babys, die sich schnell ablenken lassen und für die Nahrungsaufnahme Ruhe brauchen.» Doch sie findet, dass es Frauen erlaubt sein soll, überall zu stillen.

Einige gingen auch auf öffentliche WCs, weil sie Hemmungen haben, in der Öffentlichkeit zu stillen, sagt Stillberaterin Horn. «Dabei ist es dort alles andere als hygienisch.» Öffentliches Stillen sei auch im Still-Café immer wieder Thema: «Die meisten sind gehemmt und fragen nach Hilfsmitteln, um so diskret wie möglich zu sein.» Sie wünscht sich, dass Stillen in der Öffentlichkeit als normal erachtet wird: «Es gibt junge Frauen, die haben noch nie jemanden stillen sehen. Es wäre aber wichtig, dass sie so damit aufwachsen, dass stillen auch für sie ganz natürlich ist.»