Was wäre Baden ohne sein «Spaghetti» beim Landvogteischloss? Wäre es dieselbe Stadt? Das Kunstwerk, das eigentlich «Eingriff» heisst und im Volksmund nach der Installation 1993 schnell seinen kulinarischen Spitznamen bekam, schuf der in Wettingen geborene Künstler Eric Hattan. Wie jüngst auch Kilian Rüthemanns Gummisäule «Stack» – dem Kunst-am-Bau-Beitrag am Schulhausplatz – löste Hattans Werk vor 26 Jahren einen Sturm der Entrüstung aus. Nur wenigen Badenern gefiel der Beitrag am Neubau des Historischen Museums, dem «Melonenschnitz», von Anfang an.

Der Verein Kunstraum Baden lud am Dienstagabend zu einer Werkbesichtigung mit Eric Hattan beim Historischen Museum und zu einem anschliessenden Podiumsgespräch im Kunstraum. Die Leitfrage lautete: «Stiftet Kunst im öffentlichen Raum Identität?»

«Chabis» oder Aprilscherz?

Der Ennetbadener Journalist Urs Tremp zitierte «Volkes Stimme», als er einen Leserbrief und eine Glosse aus dem BT von 1993 vorlas. Die Verfasser zahlreicher Texte mokierten sich bitterlich über Hattans Kunstwerk. Das blieb beim Künstler nicht ohne Folgen. Der Spott reichte von «Chabis» über «Aprilscherz» bis zu «Steuergeldverschleuderung.» Eric Hattan sagt dazu: «Es war eine harte Erfahrung vor 25 Jahren. Meine Eltern wurden damals in anonymen Briefe gefragt, was eigentlich aus ihrem Sohn geworden sei.»

Dabei wurde der «Eingriff» in einem Wettbewerb von einer Jury ausgewählt. Hattan hatte sich zuvor intensiv mit der topografischen Situation am Schartenfels und der Schnittstelle zwischen Landvogteischloss und Museumsneubau auseinandergesetzt. Die orange Farbe war anfangs eine blosse Rostschutzfarbe für das schlanke Stahlrohr, das die ursprüngliche Geländeform am Limmatufer nachzeichnet.

Der 63-jährige Hattan lebt seit Jahren in Basel und in Paris. Von Baden – hier hat er die Bezirksschule besucht, in Wettingen das Lehrerseminar – wandte er sich nach der Polemik um sein Werk zeitweise ab. Mittlerweile hat er sich weitgehend versöhnt: 2014 hat er die Künstleredition des Badener Stadtweins gestaltet, nun zeigt er seine Werke in der Ausstellung «Instant Loop» im Kunstraum. Das Podiumsgespräch in der Ausstellung unter der Leitung der Kulturjournalistin Feli Schindler brachte das Publikum zum Nachdenken, oft aber auch zum Lachen.  

Trudels Feigenblatt

Dass Kunst im öffentlichen Raum fast immer Kontroversen auslöst, zeigte eine Anekdote aus der Stadtgeschichte: Carol Nater Cartier, die Leiterin des Historischen Museums, brachte das Feigenblatt mit, das einst die Scham von Hans Trudels «Flieger» zierte. Bei seiner Aufstellung 1929 am Theaterplatz empörten sich die braven Badener über die Nacktheit. Erst 1972 wurde das Feigenblatt wieder abgenommen.

Der Berner Künstler Ronny Hardliz sagte auf die Frage, ob es Kunst am Bau überhaupt brauche: «Ja, natürlich. Aber es ist oft ein Kampf, bis sie möglich wird.» Kunst im öffentlichen Raum könne viel zur Identität einer Gesellschaft beitragen, aber sie funktioniere eben ganz anders als Kunst im Museum: «Oft gibt es nur ein Abtasten der Kunst. Aber sie ist immer da und für alle frei zugänglich.»

Zur Rolle der medialen Begleitung von Kunst am Bau sagte Urs Tremp: «Journalisten sollten in ihrem Urteil nicht elitär oder hochnäsig sein, sondern das Publikum auf eine gescheite, sanfte Art an die Kunst heranführen.»

Und Eric Hattan ergänzte, Kunst am Bau sei nie nur die Sache eines Künstlers. Es brauche dafür viele Mitspielerinnen und Mitspieler. Und: «Man kann es nie allen recht machen. Aber ich will es gut machen. Im besten Fall ist Kunst am Bau das Salz in der Suppe.» Der Abend zeigte nicht zuletzt: Hattans «Spaghetti» ist längst zu einer lieb gewonnenen Selbstverständlichkeit in der Stadt geworden. Ob es dem «Stack» am Schulhausplatz auch so ergehen wird?

Eric Hattan – «Instant Loop»: Noch bis zum 7. Juli im Kunstraum Baden.