Interview

Spannungen zwischen Baden und Wettingen: «Wille für Fusion ist nicht spürbar»

Wettingens Gemeindeammann Roland Kuster äussert sich zur derzeit schwierigen Beziehung mit Baden. Und zu seinem Verhältnis mit Stadtammannn Markus Schneider.

Wettingen zeigte Baden zuletzt einige Male die kalte Schulter, kürzte zum Beispiel die Beiträge für Kulturbetriebe in der Nachbarstadt. Die Beziehung ist von Freundschaft geprägt, aber auch von Konkurrenzdenken. Sinnbildlich hierfür folgende Anekdote: Im Sitzungszimmer des Wettinger Rathauses, wo das Interview mit Gemeindeammann Roland Kuster (CVP) stattfindet, stehen zwei Badener Müllerbräu-Biere. Darauf angesprochen, öffnet Kuster die Türe des Kühlschranks. «Die meisten Getränke hier drin sind selbstverständlich Wettinger Lägerebräu-Biere.»

Herr Kuster, Wettingen irritiert derzeit seinen Nachbarn. Die Beiträge für Badener Kulturbetriebe wurden gekürzt. Warum?

Roland Kuster: Ein Pauschalangriff auf Badener Kulturbetriebe war sicher nicht angedacht und ganz bestimmt nicht unsere Absicht. Wir haben vom Einwohnerrat mit der «Lova 2» den Auftrag erhalten, Sparmassnahmen zu finden, und im Wettinger Volk waren diese Beitragskürzungen nie ein Thema. Wir haben schon gespürt, dass das Timing der Bekanntgabe etwas unglücklich war, weil die Kulturinstitutionen diese langjährigen Beträge in ihr Budget 2018 automatisch einrechnen. Ich kann die Reaktion der Betroffenen verstehen, für sie ist es nicht erfreulich, weniger Geld zu erhalten.

Wettingen profitiert von der Solidarität der anderen Gemeinden, so beim Umbau des Sportzentrums Tägi. Selber zeigt sich Ihre Gemeinde aber unsolidarisch . . .

. . . da muss ich klar widersprechen. Wir unterstützen nach wie vor Kulturbetriebe in Baden. Wir halten für das Kurtheater genau die gleiche Summe bereit, die wir für das Sportzentrum Tägi erhalten. Netto fliesst mehr Geld von Wettingen an Kulturinstitute von Baden als umgekehrt. In diesen beiden Leuchtturmprojekten der Region, dem Tägi und dem Kurtheater, manifestiert sich die Sympathie zwischen Baden und Wettingen.

Sie persönlich wurden vom Verein «Traktandum 1» kritisiert, der sich für Fusionen einsetzt. Er wollte ein Podium mit Ihnen und Badens Stadtammann durchführen, sie liessen die Anfrage unbeantwortet.

Ich stand in Kontakt mit Stadtammann Markus Schneider, und für uns war klar, dass wir uns an dieser Diskussion nicht beteiligen. Das habe ich dem Vereinspräsidenten Marco Kaufmann bereits vor längerer Zeit persönlich gesagt. Der Gemeinderat von Wettingen hat seit je die klare Haltung, dass er sich für das Traktandum 1 nicht engagiert. Bereits mein Vorgänger vertrat diese Haltung, denn es ist eine Interessensgruppierung, die für uns keine Legitimation hat, weil sie keine Aufträge an uns erteilen kann.

Wird es Gespräche über eine engere Zusammenarbeit oder eine Fusion geben, solange Sie Gemeindeammann sind?

Eine enge Zusammenarbeit findet jetzt schon statt. Die Alt-Gemeindeammänner Karl Frey und Markus Dieth vertraten die Meinung, dass wir Zusammenarbeiten anstreben sollten, und wenn daraus eine Vertrauensbasis entsteht, kann ein Schritt Richtung Fusion daraus folgen. Meiner Meinung nach muss dieser Wille für einen Zusammenschluss aus der Bevölkerung kommen, und diesen Willen spüre ich im Moment nicht. Es gibt zwar durchaus Sympathisanten, aber eben auch klare Gegner einer Fusion. Mit dieser Ambivalenz sind wir im Gemeinderat konfrontiert.

Von aussen hat man manchmal den Eindruck, Wettingen ziehe sein eigenes Ding durch.

Wettingen zieht nicht sein eigenes Ding durch. Aber wir haben hier unsere Sorgen und Nöte, und die müssen wir als Erstes bewältigen. Das ist unser Auftrag.

Welche Sorgen und Nöte?

Wir haben extreme Steuereinbussen gehabt in den letzten paar Jahren. Für das Jahr 2017 sieht es nun erfreulicher aus. Hätte es diese Einbussen nicht gegeben, hätten die Lova-Sparmassnahmen im Einwohnerrat auch keine Mehrheit gefunden. Aber wir haben uns nie geweigert, mit anderen Gemeinden Zusammenarbeiten zu prüfen. Bestes Beispiel ist die Prüfung der Zusammenarbeit der Regionalpolizei Wettingen-Limmattal mit der Stadtpolizei Baden. Der Anstoss kam vonseiten Wettingens. Wir waren es, die den Kontakt gesucht und den Anstoss zu diesem Projekt gegeben haben.

Glauben Sie, die Fusion der Polizei hat eine Chance?

Seitens Wettingen auf jeden Fall. Andere Gemeinden, die der Repol Wettingen-Limmattal angeschlossen sind, reagieren deutlich skeptischer auf den Vorschlag.

Sie sagten einst: 2040 soll Wettingen ein Leuchtturm im Limmattal sein. Wohin will sich Wettingen nun orientieren, dorthin oder nach Baden?

Eine gute Frage. Nochmals: Für uns ist Zusammenarbeit ein tägliches Thema. Wo auch immer möglich, findet sie statt. Aber wir möchten gerne auf Augenhöhe wahrgenommen werden.

Und das ist nicht der Fall?

Wenn sich der Badener Stadtrat Erich Obrist in der Debatte um die Kulturbeiträge in der Zeitung vernehmen lässt und sagt, dass seine Geduld langsam am Ende sei, dann ist das keine Aussage, die bei uns für Jubel sorgt oder bei uns das Gefühl weckt, dass wir willkommen sind für Gespräche. Das ermuntert uns nicht gerade dazu, in Baden anzurufen und zu sagen: Es gibt noch sieben Projekte, die wir gern gemeinsam realisieren wollen. Nichtsdestotrotz trifft sich der Gemeinderat Wettingen regelmässig mit dem Stadtrat Baden, um anstehende Themen und Probleme zu diskutieren und die gutnachbarschaftliche Beziehung zu fördern.

Zurück zum Limmattal: Was ist daran für Wettingen so faszinierend? Kein Wettinger sagt von sich: Ich bin ein Limmattaler.

Das ist Ihre Wahrnehmung. Ich glaube nicht, dass sich alle nur nach Baden orientieren. Das zeigen auch die Pendlerströme, Zürich hat eine grosse Anziehungskraft.

Die Stadt Zürich sicher, aber das Limmattal?

Wenn man schaut, wo die Entwicklung stattfindet, muss man feststellen: Das Limmattal hat eines der lebhaftesten Entwicklungspotenziale in der ganzen Schweiz.

Stimmt das wirklich? Die Bevölkerung im Limmattal wächst zwar, aber nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren.

Alle haben ein leicht vermindertes Wachstum, auch wir in Wettingen. Das hat aber auch mit der ganzen Bevölkerungsentwicklung zu tun wie beispielsweise der Zuwanderung, die nicht mehr im selben Masse stattfand. Ich bin überzeugt, Baden und Wettingen müssen sich für eine Zusammenarbeit mit dem Limmattal engagieren, auch mit finanziellen Mitteln. Stadtammann Geri Müller hat sich immer dazu bekannt, und ich hoffe, daran ändert sich unter dem neuen Badener Stadtrat nichts. Wettingen engagiert sich auch bei der Regionalen Projektschau Limmattal 2025 und unterstützt Projekte in der ganzen Region, auch diejenigen von Baden.

Hat sich die Beziehung zu Baden verändert, seit es einen neuen Stadtammann gibt?

Die Zeit ist zu kurz, um das zu beurteilen. Wir hatten noch keine gemeinsame Sitzung. Getroffen haben wir uns aber bereits mit dem Gemeinderat Ennetbaden. Eines muss ich vorausschicken: Ich hatte mit Geri Müller ein unverkrampftes Verhältnis, wir haben regelmässig telefoniert. Und mit Markus Schneider habe ich seit je ein gutes Verhältnis. Nicht nur, weil wir in derselben Partei sind, wir haben zusammen auf Führungsebene Militär gemacht, er war bei mir in meinem Stab.

Sie sind seit 15 Monaten Gemeindeammann. Wie gefällt Ihnen das Amt?

Es ist der schönste Job der Welt. In Wettingen wird viel politisiert. Ich habe den Auftrag erhalten, die Gemeinde voranzubringen. Und ich hoffe, dass ich dies noch einige Amtsperioden tun darf.

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