Baden

Sozialwerk bringt einsame oder bedürftige Menschen zum Weihnachtsfest zusammen

Tschudi singt an der Weihnachtsfeier des Sozialwerks Hope.

Tschudi singt an der Weihnachtsfeier des Sozialwerks Hope.

Vom Schicksal getroffen, einsam oder obdachlos: Das Sozialwerk Hope bringt Menschen in Wettingen zum Weihnachtsfest zusammen.

Einen Christbaum gibt es nur digital auf Grossleinwand an der Weihnachtsfeier des christlichen Sozialwerks Hope. Dafür stehen auf den langen Tischen für 150 Gäste unzählige rote Weihnachtssterne in selbstgemachten Blumentöpfen aus Milch-Tetrapacks.

Rund 30 Freiwillige arbeiten unter der Leitung des Hope-Gastroteams Robert Peter, Maja Obrist und Beat Schneider und sorgen für das Wohl der Gäste im Wettinger Gemeindezentrum Bethel. Darunter ein Banker, der dank dem Projekt «Seitenwechsel» seinen ersten Arbeitseinsatz in einer sozialen Institution hat.

Auf dem Menuplan stehen Süsskartoffel-Suppe, Schweinsbraten mit Karotten und Pasta. Fast alle Lebensmittel stammen an diesem Abend von der Schweizer Tafel. Das Motto der diesjährigen Feier ist «Talent». Jeder der Lust hat, kann auf der Bühne seine Fähigkeiten zeigen.

Zum Auftakt flöten Astrid, Maria, Stefan, Alice und Lilly den Weihnachtsklassiker «The Little Drummer Boy». Die Hauptrolle an der Trommel hätte eigentlich Carlo gehabt. Doch er ist vor zwei Monaten jung verstorben. Sein Platz bleibt leer.

An den Tischen sitzen Gäste, die zum Teil hart vom Schicksal getroffen wurden. Manche von ihnen sind mittel- und obdachlos. Etwas plagt alle ganz besonders: Das Alleinsein. Zum Beispiel Kurt aus Wettingen, dessen Frau vor 10 Jahren starb. «Ich habe oft schwere Depressionen», sagt er. Sein Glaube hilft ihm in den dunkelsten Stunden. «Zumindest manchmal», fügt er etwas zögerlich hinzu.

Weihnachten als besonders schwierige Zeit

Marianne aus Neuenhof zog mit 19 ohne richtige Ausbildung nach Italien und heiratete. «Ich führte mit meinem Mann ein Geschäft mit 30 Angestellten. Wir konnten uns alles leisten», erinnert sie sich. Nach 44 Jahren dann die schmerzliche Trennung. «Ich musste in die Schweiz zurück und hatte weder Freunde noch Geld.» Heute bezieht sie Sozialhilfe und Esswaren von der Lebensmittelausgabe vom Hope in Baden.

«Man rutscht sehr schnell ab, wenn einen niemand mehr will», ­erzählt Irene aus Baden. Auch sie ist psychisch stark angeschlagen. «Weihnachten ist für unsere Gäste eine schwierige Zeit. Dann ist die Einsamkeit besonders belastend», meint Hope- Leiterin Daniela Fleischmann, «mit uns können alle in der Gemeinschaft feiern. Für viele ist es das einzige Mal über die Festtage.»

Die Hope-Gäste und -Mitarbeiter bezeichnet sie als «Familie». «Wir haben alle Schwachpunkte. Aber zusammen sind wir stark», ist sie überzeugt. Inzwischen steht Maria im Rampenlicht und erzählt eine lustige Geschichte von einem Krippenspiel. Alle lachen.

Hope-Mitarbeiterin Marjanka Choque erweist sich als begnadete Bauchrednerin. Der pensionierte Diakon Fred Grob, der in der Sozialarbeit immer noch sehr aktiv ist, erzählt begnadet Witze. Höhepunkt ist aber der Auftritt von Gassenoriginal Tschudi. «Ich singe jetzt Nachdänki-Liedli», kündigt er seinen Auftritt an.

Wie immer trägt er seine rockerartige Lederkluft. Doch der Schein trügt. Aus seinem Mund kommen feinsinnige, selbstkomponierte Lieder mit viel Tiefgang.

Eine derart bunt gemischte Gesellschaft wie an der Hope-Weihnachtsfeier sieht man über die Festtage selten. «Einige haben ihr Leben im Griff, andere überhaupt nicht. Aber das spielt keine Rolle. Wir wollen heute nicht an morgen denken und einfach miteinander ein paar schöne Stunden verbringen und uns bewusst werden, warum wir Weihnachten feiern», bekundet Daniela Fleischmann.

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